Corona-Virus: Schweizer Börse mit zweithöchstem Tagesverlust ihrer Geschichte

Der Schweizer Leitindex SMI büsst heute 9,64 Prozent ein. Und damit nur 0,9 Prozentpunkte weniger als am bis dato schlimmsten Börsentag verloren ging: am 16. Oktober 1989 sackte der SMI um 10,54 Prozent ab.

Daniel Zulauf und Niklaus Vontobel
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Im freien Fall: die Börsen weltweit

Im freien Fall: die Börsen weltweit

Justin Lane / EPA

Der weltweite Kurseinbruch an den Aktien und Obligationenmärkten hat am Donnerstag einen weiteren Höhepunkt erreicht. Der Euro Stoxx 50, der die Aktienperformance der 50 grössten Publikumsgesellschaften in Europa abbildet, lag zeitweise mehr als 10 Prozent im Minus. Der Swiss-Market-Index verlor 9,64 Prozent. Es war der zweithöchste Tagesverlust seit den 1980er-Jahren. 

Einen noch grösseren Verlust hatte es nur am 16. Oktober 1989 gegeben. Damals verlor der SMI noch 0,9 Prozent mehr und gab um 10,54  Prozent nach. Wie beim heutigen Corona-Crash auch crashten auch damals die Börsen weltweit. In den USA kam ein für damalige Verhältnisse enormer Boom zu einem Ende.

Wie so oft beim Platzen von Finanzblasen herrschte danach Uneinigkeit über den Auslöser. Manche gaben die Schuld einer Verschärfung der Lage in der damaligen DDR. Andere sagen, es seien Finanzierungsschwierigkeiten beim Kauf der US-Fluggesellschaft UAL gewesen, die an der US-Börse einen Ausverkauf bewirkten.

Hingegen gibt es keine Zweifel für den Auslöser des drittgrössten Tagesverlustes. Am 15. Januar 2015 hob die Schweizerische Nationalbank den Mindestzins zum Euro auf. Der SMI stürzte um 8,7 Prozent ab. 

Damit ist auf den Stand von Anfang 2019 zurückgefallen. Demgegenüber reissen sich die Investoren um mutmasslich sichere Anlagen. Die Rendite von Obligationen der Eidgenossenschaft mit 10-jähriger Laufzeit erreichte am Donnerstag ein Allzeittief von -0,83 Prozent.

Zinssenkung hätte kaum geholfen

Derweil bezeichnete Christine Lagarde, Ratspräsidentin der Europäischen Zentralbank, die rasche Ausbreitung des Corona-Virus als «grossen Schock» für die Wirtschaft. Die Zentralbank und die bei ihr angesiedelte Europäische Bankenaufsicht gaben am Donnerstag in Frankfurt ein umfangreiches Massnahmenpaket zur Bekämpfung der Krise bekannt. Nicht dazu gehört eine weitere Senkung der Leitzinsen. Der Einlagensatz für europäische Geschäftsbanken bleibt bei -0,5 Prozent.

«Das ist eine sehr gute Entscheidung», kommentierte Stefan Gerlach, Chefökonom der Züricher EFG Bank, der bis 2015 stellvertretender Chef der «Bank of Ireland» war. Eine Zinssenkung hätte in der aktuellen Krisensituation wenig geholfen, meinte er im Gespräch mit unserer Zeitung. Das ist auch für die Schweizerische Nationalbank eine gute Nachricht. Für sie vermindert sich der Druck ihrerseits eine weitere Leitzinssenkung vornehmen zu müssen.

EZB verleiht Geld zu negativen Zinsen

Stattdessen will die EZB den europäischen Banken bis Juni 2021 mit zusätzlichen Liquiditätshilfen in grossem Umfang beispringen. Diese sollen anfänglich zu einem negativen Zinssatz von -0,25 Prozent angeboten werden. Die Banken erhalten also einen Zins von der EZB, wenn sie von ihr Geld leihen.

Banken, die keine Verschlechterung ihrer Kreditpositionen verzeichnen können die Liquidität im Lauf der Zeit zu einem Satz von bis zu -0,75 Prozent beziehen.

Darüber lockert die EZB die Bedingungen, die sie für den Bezug der Liquiditätszuschüsse stipuliert. Zudem will die Notenbank das laufende Anleihenrückkaufprogramm um 120 Mrd. Euro aufstocken, um insbesondere die Risikoaufschläge auf Unternehmensanleihen zu dämpfen.

Indessen betonte Lagarde mehrfach, dass auch die europäischen Regierungen und Institutionen wie die Europäische Kommission, die Europäische Investitionsbank oder der Europäische Stabilitätsmechanismus im Krisenmanagement eine zentrale und Rolle zu spielen hätten. Die EZB-Chefin begrüsste ausdrücklich die von einigen Ländern bereits ergriffenen Massnahmen wie die Vergabe von Kreditgarantien, die zu einer Verstärkung der geldpolitischen Massnahmen führen könnten.

Auch die bei der EZB angesiedelte europäische Bankenaufsicht gab am Donnerstag verschiedene Massnahmen bekannt, welche den Geschäftsbanken die Kreditvergabe erleichtern sollen. Konkret wird den europäischen Kreditinstituten erlaubt, die bestehenden Kapitalunterlegungsvorschriften in der Kreditvergabe während einer beschränkten Zeit zu unterschreiten. Dadurch steigt deren Kapazität zusätzliche Ausleihungen vorzunehmen.

EZB-Massnahmen bewirken keine Beruhigung

Zudem dürfen die Geschäftsbanken nach Massgabe der Bankenaufsicht ab sofort auch nachrangige Anleihen zum Kernkapital hinzurechnen. Die Massnahme sollte ursprünglich per Anfang 2021 eingeführt werden. Auch sie ist der Ausweitung des Kreditgeschäfts förderlich. Zudem werden die für 2020 vorgsehenen europaweiten Stresstests, mit denen die Aufsichtsbehörde die Kapitalkraft der Banken prüft, auf einen späteren Zeitpunkt verschoben. Die Aufsichtsbehörde betonte ausdrücklich, sie erwartet, dass die Banken diese Erleichterungen zur Unterstützung der Wirtschaft und nicht zur Erhöhung von Dividenden für die Aktionäre und für Bonuszahlungen zu Gunsten des Managements einsetzen werden.

Auf den Finanzmärkten sorgen die Massnahmen zunächst für keine Beruhigung. Im Gegenteil: Der Einbruch der Aktienmärkte beschleunigte sich nach der EZB-Konferenz weiter. Der von vielen Investoren als sicherer Hafen gesuchte Dollar legte im Vergleich zum Euro kräftig zu. Die Schweizer Valuta hielt sich über der Marke von 1,05 Franken pro Euro, wahrscheinlich dank heftiger Interventionen der Nationalbank.

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