Coworking boomt in der Zentralschweiz

Mit Coworking lässt sich zeitlich und räumlich flexibel arbeiten. Das Angebot in der Zentralschweiz wächst von Tag zu Tag. Dabei geht es längst nicht nur um Arbeit.

Maurizio Minetti
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Die Kreativfabrik 62 betreibt in Oberkirch eigene Räume für Coworking und Innovation. Im Bild zwei der drei Geschäftspartner: Andreas Troxler (links) und Hansjörg Thalmann. (Bild: Pius Amrein, Oberkirch, 26. April 2018)

Die Kreativfabrik 62 betreibt in Oberkirch eigene Räume für Coworking und Innovation. Im Bild zwei der drei Geschäftspartner: Andreas Troxler (links) und Hansjörg Thalmann. (Bild: Pius Amrein, Oberkirch, 26. April 2018)

Es kommt Bewegung in den Markt für Coworking-Plätze in der Zentralschweiz. Der Begriff steht für eine Form der Zusammenarbeit, bei der Start-ups, Kreative oder sonstige Kleinstunternehmer einen Platz in einem Grossraumgemeinschaftsbüro für eine meistens begrenzte Zeit mieten. Die agilen Jungfirmen sind dadurch flexibel und können sich untereinander austauschen sowie gemeinsame Infrastruktur wie Küche oder Internet nutzen.

Eine Umfrage unserer Zeitung in der noch jungen Zentralschweizer Coworking-Szene zeigt, dass es derzeit über ein Dutzend Anbieter gibt (siehe Tabelle). Das Spektrum reicht von kleinen Anbietern mit einer Handvoll Arbeitsplätzen wie OS8 in Cham bis zum Wunderraum in Pfäffikon SZ, der mit 600 Quadratmetern der grösste Player in der Zentralschweiz sein dürfte. Der Wunderraum nahm just am Tag der Arbeit den Betrieb auf.

Mehrere weitere Projekte befinden sich zudem in der Planungsphase und sind deshalb noch nicht spruchreif. Dar­über hinaus gibt es in unserer Region zahlreiche Anbieter, die klassische Büroarbeitsplätze, Restflächen oder Räume für die Zwischennutzung anbieten – doch das ist etwas anderes als Coworking. Der Aarauer Marketingberater Immodea hat letztes Jahr in einer Marktübersicht die Grenzen zu ziehen versucht: Demnach zeichnet sich Coworking vor allem durch den Fokus auf Kooperation aus. Es geht also vor allem darum, dass Coworker kleine Aufgaben gemeinschaftlich erledigen, zusammen an Projekten arbeiten oder sich ganz einfach gegenseitig inspirieren.

Baden und Übernachten

Andreas Troxler, Co-Gründer der Coworking-Space-Kreativfabrik 62 in Oberkirch, formuliert es so: «Richtiges Coworking fördert den Austausch und lebt vom Community-Gedanken.» Troxler und seine zwei Geschäftspartner sehen sich als Pioniere in der Zentralschweizer Coworking-Szene; so liessen sich die Verantwortlichen der neuen Coworking-Spaces im D4 in Root und Working Point in Altdorf von den Verantwort­lichen der Kreativfabrik 62 beraten.

Unter den verschiedenen Betreibern scheint kein Konkurrenzdenken zu herrschen. Das dürfte auch damit zu tun haben, dass jedes Coworking-Space eine eigene Identität aufzubauen versucht und nicht eins zu eins mit anderen vergleichbar ist. Mal richtet man sich eher an Softwareingenieure, mal lockt man eher Fotografen oder Künstler an oder spricht mit Rabatten gezielt Studenten an, wie dies zum Beispiel im Luzerner Neubad oder im Altdorfer Working Point der Fall ist. Jedes Coworking-Space versucht ein Alleinstellungsmerkmal zu finden. Wer im «Weinrausch» arbeiten möchte, kann über die Terrasse direkt in die Reuss springen. Im Coworking- Space am Hirschengraben, das im Oktober eröffnet (Artikel vom 25. April), wird man sogar übernachten können.

Während die Spaces in den Städten zunehmend grösser werden oder bestehende Betreiber weitere Filialen eröffnen, ist der Trend mittlerweile auch auf dem Land angekommen. André Marti vom Coworking Space Stadtmühle Willisau sagt: «Wir richten uns in erster Linie an Stammgäste und nicht an Leute, die spontan ein Büro benötigen. Das Spontane kommt auf dem Land kaum vor.» Jenny Schäpper-Uster, Präsidentin des Vereins Coworking Switzerland, bestätigt: «In der Peripherie tut sich was. Dörfer, Städte, Gemeinden und Regionen überprüfen die Vorteile dezentraler Dorfbüros mit eigenen Initiativen, um ihre Standorte attraktiver und dynamischer zu machen – mit dem Vorteil, dass Mobilität reduziert werden kann.»

Bereinigung nach der Wachstumsphase

Coworking ist noch ein relativ junger Trend; er entstand 2005 in San Francisco. Zwei Jahre später eröffnete das erste Schweizer Coworking-Space. Laut dem Magazin «Deskmag» wurden 2011 weltweit 1130 Coworking-Spaces gezählt. Mittlerweile ist die Anzahl dieser offenen Arbeitsräume auf rund 13 800 angestiegen. Jahr für Jahr kommen weltweit mehr als 2000 Spaces hinzu. Hierzulande betrug das Wachstum innerhalb von zwei Jahren 160 Prozent. Laut Coworking Switzerland gibt es derzeit in der Schweiz 110 Spaces.

Auf den Boom dürfte aber schon bald mal eine Konsolidierungsphase folgen. Laut «Deskmag» ist weltweit nicht einmal die Hälfte aller Coworking Spaces profitabel. Andreas Troxler von der Oberkircher Kreativfabrik 62 glaubt jedoch, dass Coworking weiter an Fahrt gewinnen werde, «weil Firmen die Wirtschaftlichkeit ihrer Büroflächen überprüfen und flexible Nutzungskonzepte fördern, in denen Innovation entstehen kann». Ausserdem werde es in Zukunft mehr digitale Wissensarbeiter, Selbstständige und Freelancer geben, glaubt Troxler. Und in Bezug auf die Kreativ­fabrik 62 sagt er: «Wir sind profitabel.»

Unter www.raumboerse-luzern.ch findet man zeitlich befristete Arbeitsplätze und Ateliers, Sitzungs-, Veranstaltungs- und Proberäume in der Stadt und der Agglomeration Luzern. Darunter gibt es auch viele Coworking-Spaces.

ZUG: In der Post gibt’s jetzt Coworking

Im Gebäude der ehemaligen Hauptpost können bis voraussichtlich Ende 2019 insgesamt 36 geteilte Arbeitsplätze gemietet werden. Laut den Vermietern soll mehr als nur ein Büro angeboten werden.
Samantha Taylor