Im Crypto Valley geht die Angst vor der Insolvenz um

Die Coronakrise trifft besonders junge Start-ups ohne fertiges Produkt hart. Die aktuellen Staatshilfen genügen nicht.

Christopher Gilb
Drucken
Teilen
Die Coronakrise setzt dem Zuger Crypto Valley zu.

Die Coronakrise setzt dem Zuger Crypto Valley zu.

Bild: Alexandra Wey/Keystone (19. April 2018)

Im Zuger Crypto Valley herrscht derzeit Ausnahmezustand. Dort, wo sonst auf Basis der Blockchain Innovationen der Zukunft entwickelt werden, wird über Entlassungen oder gar Insolvenzen nachgedacht. Bei einer Umfrage des Branchenverband Swiss Blockchain Federation unter 203 Jungunternehmen gaben rund 80 Prozent an, in den nächsten sechs Monaten höchstwahrscheinlich in die Insolvenz zu gehen. Mehr als die Hälfte der Befragten habe zudem bereits Mitarbeitende entlassen müssen, und gut 90 Prozent gaben an, dass Entlassungen in Zukunft wohl nötig würden.

Mathias Ruch (Mitte) bei einem Besuch von Bundesrat Johann Schneider-Ammann im Crypto Valley.

Mathias Ruch (Mitte) bei einem Besuch von Bundesrat Johann Schneider-Ammann im Crypto Valley.

Bild: Werner Schelbert (17. August 2017)

«Der Schweiz droht, im internationalen Wettbewerb ein ganzes Jahrzehnt ‹Start-up-Errungenschaft› verloren zu gehen», schlägt Mathias Ruch, Gründer und CEO von CV VC und Mitgründer der Swiss Blockchain Federation, Alarm. Besonders litten unter der aktuellen Krise Start-ups im Alter von zwei bis drei Jahren, so Ruch. Und viele Blockchain-Start-ups würden in diese Altersklasse gehören, da die Technologie erst vor einigen Jahren ihren Durchbruch erlebt habe.

Investitionsfonds für Start-ups gefordert

Das grosse Problem ist laut Ruch, dass gerade solche jungen Start-ups vor Markteintritt bei den Massnahmen des Bundes durch die Maschen fielen. Denn die Vergabe von Hilfskrediten orientiert sich an Umsätzen und Lohnsummen. Zwei Faktoren, die bei Start-ups meist tiefer ausfallen als bei bereits etablierten Firmen oder – wie im Fall des Umsatzes – gar inexistent sind. «Zudem befinden sich die Start-ups in Finanzierungsrunden und können sich kein neues Kapital mehr beschaffen, weil aufgrund der Coronakrise niemand investiert», ergänzt Ruch. Bei der Umfrage der Swiss Blockchain Federation gaben 88 Prozent der Start-ups an, die Coronakrise ohne staatliche Hilfe nicht zu überstehen. Rund zwei Drittel der Start-ups, die Covid-Kredite beantragt haben, hätten diese nicht erhalten. Eine Umfrage der Start-up-Förderorganisation Venturelab kommt zu einem ähnlichen Ergebnis. Allein die 660 Start-ups, die daran teilgenommen haben, repräsentieren rund 5710 Arbeitsplätze.

Der Bundesrat ist sich des Problems bewusst und sagte zuletzt, dass er bis Ende April verschiedene Optionen für Start-ups prüfen wolle. Mathias Ruch von der Swiss Blockchain Federation fordert konkret einen Innovationsfonds im Umfang von einer Milliarde Franken. Experten rechnen damit, dass dies der Betrag ist, den Start-ups in der Schweiz an Investorengeldern durch die Krise verlieren werden.

Doch Ruch sieht nicht nur schwarz. «Der Lockdown hat jetzt schon zwei zukunftsweisende Konsequenzen. Erstens werden wir nie wieder so arbeiten wie vor einem Monat. Zweitens erhält die Digitalisierung einen massiven Schub und wird noch schneller in unser Leben eindringen.»Neue Technologien wie die von Start-ups seien also erforderlich.

Nicht alle Start-ups leiden

Auch eine Umfrage unserer Zeitung unter verschiedenen Start-ups, über die wir in den letzten Jahren berichtet haben, zeigt ein geteiltes Bild. So sagt etwa Reto Kaul vom Start-up Sublimd in Cham, der mit Kollegen eine Software entwickelt hat, die Ärzte unter anderem durch einen interaktiven Fragebogen von der Schreibarbeit entlasten soll, dass sich der Start einiger Projekte zwar verzögert habe. «Wir beobachten aber auch einen positiven Effekt, weil zum Teil Ärzte, die aufgrund des Operationsverbots wenig zu tun haben, die Zeit nutzen, um unsere Produkte kennen zu lernen und die Effizienz in den Sprechstunden zu verbessern.»

Positive wie negative Effekte spürte auch das Zuger Start-up Yamo, das Bio-Babynahrung vertreibt. So sei bei den Online-Verkäufen eine starke Zunahme spürbar, heisst es bei der Firma. Die Absätze im Handel seien hingegen zurückgegangen. Der Anstieg der Onlineabsätze mache diesen Verlust aber «bei weitem wett», schreibt Yamo.

Fünf Fragen an den Start-up-Experten

Thomas Heimann, Analyst beim Private-Equity-Branchenverband Seca, ist ein profunder Kenner der Start-up-Szene.

Wie trifft die aktuelle Krise die Start-ups?
Thomas Heimann: Da muss man unterscheiden in Start-ups, die schon einen Umsatz erzielen, und solche, die im Forschungs- und Entwicklungsbereich tätig sind. Erstere spüren eher kurzfristige Auswirkungen, Letztere vermutlich mittel- oder längerfristige.

Inwiefern?
Start-ups mit Umsatz spüren je nach Branche schon jetzt Einbussen, etwa weil sie Restaurants beliefern oder im Reisebereich tätig sind. Oder sie profitieren gar, weil sie IT-Support anbieten, was im Homeoffice gefragt ist. Start-ups, die im Entwicklungsbereich tätig sind, beispielsweise in der Biotech- und Pharmabranche, könnten hingegen Probleme mit zukünftigen Finanzierungsrunden bekommen, weil bei Investoren selbst das Geld durch die Krise nicht mehr so locker sitzt oder sie einfach weniger gern ein Risiko eingehen. Das könnte dazu führen, dass beispielsweise nötige Studien nicht gemacht werden können und das nachhaltige Wachstum der Unternehmen gefährdet ist.

In letzter Zeit wurden doch einige Venture-(Wagnis)-Capital-Fonds aufgelegt, die ja längerfristig angelegt sind. 
Aber etliche davon haben das Fundraising noch nicht abgeschlossen, und ich bekomme schon jetzt die Rückmeldung, dass teils Investoren wieder abgesprungen sind und Fonds somit gar nicht zu Stande kommen oder finanziell schlechter ausgestattet sind. Die bereits fertigen Fonds werden jedoch die Problematik etwas auffangen können.

Wird sich die Krise auf die Anzahl Neugründungen von Start-ups auswirken?
Davon gehe ich aus, denn wer will schon das Risiko eingehen, keine Investoren zu finden? Insgesamt werden es Start-ups mit neuartigen, noch nicht erprobten Technologien und unsicheren Gewinnaussichten derzeit schwerer haben als solche mit etablierten Geschäftsmodellen und vergleichsweise eher berechenbaren Geschäftsverläufen.

Was sollte die Politik tun, um den Start-ups adäquat zu helfen? Mit den kurzfristigen Überbrückungshilfen hat der Bundesrat sehr pragmatisch und unbürokratisch reagiert. Er hat nun jedoch festgestellt, dass die Start-ups in den allermeisten Fällen nicht ausreichend davon profitieren können, und überdenkt die Ausgestaltung nochmals. Zusätzlich sollte die Förderung des Innovations- und Finanzierungs-Ökosystems auch eine mittel- bis langfristige Perspektive beinhalten, denn die Auswirkungen der Krise werden die Jungunternehmen meist erst zeitverzögert spüren. (cg)

Thomas Heimann

Thomas Heimann

Bild: PD

«Crypto Valley» leidet heftig unter Coronakrise

Das vor allem im Kanton Zug beheimatete «Crypto Valley» war lange Zeit das Schweizer Vorzeigemodell für Unternehmergeist und Innovationskraft. Nun steht die gesamte Schweizer Blockchain-Szene aufgrund der Coronakrise mit dem Rücken zur Wand.