Interview

CS-Regionalleiter Suter: «Der bisherige Vorsprung der Zentralschweizer Kantone wird geringer»

CS-Regionalleiter Roger Suter rechnet für 2020 mit Wirtschaftswachstum. Die Zentralschweiz erhält Konkurrenz.

Interview: Rainer Rickenbach
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Roger Suter, 42, Leiter Region Zentralschweiz bei der Credit Suisse, am Luzerner Sitz der Bank.

Roger Suter, 42, Leiter Region Zentralschweiz bei der Credit Suisse, am Luzerner Sitz der Bank. 

Bild: Pius Amrein (16. Dezember 2019)

Die Credit Suisse kommt in ihrer Studie zum Schluss, dass Wirtschaftsregionen wie Basel und Genf dank der Unternehmenssteuerreform attraktiver werden. Was heisst das für die Zentralschweiz, die bisher bei der Standortqualität für Firmen vorne lag?

Roger Suter: Einfach gesagt, hat sich der Standortwettbewerb um Unternehmen nochmals verschärft. Als Antwort auf die Abschaffung der Steuerprivi­legien für Statusgesellschaften haben zahlreiche Kantone Steuersenkungen geplant und teilweise bereits umgesetzt. Dadurch rückt das Feld bei der Unternehmensbesteuerung näher zusammen, und der bisherige Vorsprung der Zentralschweizer Kantone wird geringer. Vor allem Basel und Genf machen Boden gut.

Die Zentralschweiz fällt also zurück?

Der Wandel bedeutet nicht, dass die Zentralschweiz steuerlich nicht mehr attraktiv ist. Auch wenn alle Schweizer Kantone ihre Steuersenkungspläne umsetzen, werden Nidwalden und Zug weiterhin die tiefsten Unternehmenssteuern in der Schweiz haben. Die restlichen Kantone der Zentralschweiz weisen eine unterdurchschnittliche Belastung auf. Darüber hinaus positionieren sich Nidwalden, Obwalden, Schwyz und Zug auch durch eine unternehmensfreundliche Gestaltung der neuen steuerpolitischen Instrumente wie der Patent Box oder dem Abzug für Forschung und Entwicklung. Sie nutzen den zulässigen Spielraum in der Steuerreform voll aus. Die Zentralschweizer Kantone hatten die Hausaufgaben hinsichtlich der Unternehmenssteuer gut gemacht und früh Klarheit verschafft, was den Unternehmen wiederum eine gewisse Sicherheit in der Planung gegeben hat.

«Wir rechnen wegen der sinkenden wirtschaftlichen Risiken im kommenden Jahr mit einem eher schwächeren Franken.»

Doch Genf und Basel haben die grössere internationale Strahlkraft. Wird es in der Region zu Abwanderungen und weniger Neuansiedlungen kommen?

Davon gehe ich nicht aus. Auch habe ich von unseren Firmenkunden bisher keine Anzeichen dafür erhalten. Die Zentralschweiz weist nach wie vor eine sehr hohe Standortattraktivität auf, die neben dem steuerlichen Aspekt auch auf einem soliden Fachkräftereservoir und vielerorts guten Verkehrsverbindungen beruht. Diese Faktoren schätzen die Unternehmen ebenfalls sehr.

Also gelingt es der Zentralschweiz, ihre Positionen zu verteidigen?

Das ist ihr bereits gelungen. Eine gute Ausgangslage im Standortwettbewerb muss aber laufend gepflegt und weiterentwickelt werden. Die jüngsten Bewegungen in der Unternehmensbesteuerung zeigen, dass Standorttrümpfe auch kleiner werden können. Eine aufmerksame und vorausschauende Wirtschaftspolitik ist daher von grösster Bedeutung. Die Zentralschweizer Kantone verfügen über eine überdurchschnittlich hohe Finanzkraft. Sieben Kantone zahlen in den Nationalen Finanzausgleich ein, vier von ihnen stammen aus der Zentralschweiz. Dies verschafft ihnen ausreichend Spielraum, um die nötigen Investitionen in die Standortattraktivität zu tätigen.

Wie viel Wirtschaftswachstum erwartet die Credit Suisse im kommenden Jahr für die Schweiz?

Für die Schweiz sind wir optimistisch, wir gehen für 2020 von einem Wachstum des Bruttoinlandprodukts von 1,4 Prozent aus. 0,3 Prozent davon entfallen auf die Olympischen Sommerspiele und die Fussball-Europameisterschaft. Diese internationalen Sportverbände sind in der Schweiz ansässig und ihre Lizenzeinnahmen werden dem Schweizer BIP zugerechnet, obwohl die Aktivitäten ausserhalb des Landes stattfinden.

Für welche Branchen erwarten Sie ein gutes Jahr?

Die Pharmaindustrie und die Konsumgüterindustrie. Die chemische Industrie sowie Uhrenbranche und Medizinaltechnik sind nach wie vor auf Wachstumskurs. Auch für den Tourismus, das Gesundheitswesen und die Bauindustrie läuft es gut.

Welche Wirtschaftszweige werden zu kämpfen haben?

Die Industriegüterindustrie steht vor einem herausfordernden Jahr. Auch der stationäre Detailhandel bleibt unter Druck – sei es durch Einkäufe im Ausland oder durch den Onlinehandel.

Wer sind die Wachstums­treiber auf regionaler Ebene?

Das Wachstum wird weiterhin vor allem vom Privatkonsum getragen. Auf regionaler Ebene hat sich die Zentralschweiz in den letzten Jahren als vergleichsweise krisenresistent gezeigt. Dabei tragen vor allem die weniger konjunktursensitiven Branchen wie etwa die Pharmaindustrie, der Flugzeugbau in Nidwalden, die Elektrotechnik in Obwalden und die Medizintechnik in Zug zum Wachstum bei.

Weltweit präsentiert sich die politische und wirtschaftliche Lage labil und unberechenbar. Was heisst das für die Schweizer Wirtschaft?

Das stimmt. Doch wir stellen nun eine Stabilisierung der Industrie im Ausland fest. Das ist gut für die Schweizer Investitionsgüterindustrie. Wir rechnen aber damit, dass die hohe politische Unsicherheit weiterhin dämpfend auf Investitionen wirken dürfte. Politische Ereignisse vorauszusagen wird wohl immer schwieriger. Persönlich glaube ich aber, dass US-Wahljahre durchaus Chancen dafür bieten könnten.

Bleibt der Arbeitsmarkt so stabil und so die Arbeitslosigkeit tief?

Die Lage am Arbeitsmarkt bleibt nach wie vor robust. Die Arbeitslosenquote ist so tief wie seit über zehn Jahren nicht mehr. Im November lag sie bei 2,3 Prozent. Die gute Konsumentenstimmung wirkt sich generell positiv auf die Arbeitsmarktlage aus. Selbst die zyklisch stark geforderte MEM-Industrie hat bisher einzig den Bestand an temporären Arbeitskräften verringert.

Ob der Export und der Tourismus gute Geschäfte machen, hängt stark von der Entwicklung des Frankens ab. Welche Entwicklung der Schweizer Währung erwarten Sie?

Wir rechnen wegen den sinkenden wirtschaftlichen Risiken im kommenden Jahr mit einem eher schwächeren Franken. Wir sehen den Euro bei einem Mittelwert von 1,15 Franken und den Dollar bei 1 Franken.

Die Aktien hatten dieses Jahr einen Höhenflug hinter sich. Was erwarten Sie für das kommende Jahr?

Die Aktienmärkte schätze ich als weiterhin widerstandsfähig ein. Aktien weisen gegenüber Anleihen im aktuellen wirtschaftlichen Umfeld aus tiefen Zinsen einen Renditevorteil aus, was deren Kurse stützen sollte. Natürlich muss man mit Schwankungen rechnen.

Welche Anlagetipps geben Sie einem verheirateten Durchschnittsverdiener mit kleinem Vermögen?

Nun, das ist individuell je nach Lebenssituation sehr unterschiedlich. Es hängt von verschiedenen Faktoren ab wie etwa dem persönlichen Anlageziel oder der Risikobereitschaft. Ich empfehle unseren Kunden ein persönliches Anlagegespräch mit einer Fachperson. Das aktuelle wirtschaftliche Umfeld aus tiefen Zinsen und einigermassen robustem Umfeld spricht für Aktien.

Für welche Aktien?

Wir favorisieren insbesondere US-Titel und solche aus den Schwellenländern. Sogenannte alternative Anlagen wie Gold oder ausgewählte Themen wie etwa Nachhaltigkeit sind zur ­Diversifikation eines Portfolios durchaus nützlich.

Wovon raten Sie eher ab?

Was Staats- und Unternehmensanleihen angeht, sind wir zurückhaltend.