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Interview

CSS-Chefin bedauert Franchisen-Entscheid: «Ideologie ist fehl am Platz»

CSS-Chefin Philomena Colatrella bedauert, dass die Franchisen nicht um 50 Franken angehoben werden. Um die explodierenden Gesundheitskosten in den Griff zu bekommen, brauche es aber sowieso ein umfangreicheres Massnahmenpaket.
Roman Schenkel
Philomena Colatrella (50) im CSS-Hauptsitz in Luzern. (Dominik Wunderli, 17. Februar 2016)

Philomena Colatrella (50) im CSS-Hauptsitz in Luzern. (Dominik Wunderli, 17. Februar 2016)

Das Parlament hat nun doch entschieden, die Franchisen nicht um 50 Franken zu erhöhen? Sind Sie überrascht?

Philomena Colatrella: Nein. Widerstand hatte sich ja abgezeichnet. Reformen zur Steigerung der Eigenverantwortung setzen sich offenbar nicht leicht durch.

50 Franken wäre auch nur ein Tropfen auf den heissen Stein gewesen…

Ja, es braucht ein umfangreiches Massnahmenpaket, um das Wachstum der Kosten im Gesundheitswesen abzubremsen.

Viel mehr einschenken würde ein Globalbudget – oder wie Sie es nennen – ein Kostenziel.

Zwischen einem Globalbudget und einem Kostenziel besteht ein wesentlicher Unterschied. Unser Vorschlag beinhaltet keine Deckelung und keine Sanktionen. Der Expertenbericht des Bundesrates vom vergangenen Jahr hat diese Diskussion angestossen. Fakt ist: All die Massnahmen und Regeln, die wir in den letzten zwanzig Jahren umgesetzt und eingeführt haben, haben nichts gebracht. Die Gesundheitsausgaben sind pro Jahr um 4 bis 5 Prozent angestiegen. Es ist an der Zeit, dass wir über neue Ansätze sprechen. Dazu gehört aus unserer Sicht die Diskussion über Kostenziele. An diesen sollen sich die Akteure im Gesundheitswesen orientieren.

Weshalb fordern Sie Kostenziele?

Als ich den CEO-Posten antrat, war es mir wichtig, alle Hebel in Gang zu setzen, um unsere Verwaltungskosten, die rund 4 Prozent der Prämien ausmachen, möglichst tief zu halten. Das haben wir geschafft. Nun aber soll es weitergehen. Wir sehen es als unsere Pflicht, uns in die Diskussion um Reformen im Gesundheitswesen einzubringen. Mein Ziel ist es, den Versicherten jeden Herbst eine gute Prämie anbieten zu können.

Dafür schlagen Sie ein Kostenziel von 2,3 Prozent vor. Wie kommen Sie auf diese Zahl?

Das ist das Ergebnis einer wissenschaftlichen Untersuchung, die eine Bandbreite von 2 bis 2,5 Prozent vorschlägt. Die Formel berücksichtigt die gesamten Kosten in der Grundversicherung eines Jahres. Sie rechnet dann die Teuerung, das Bevölkerungswachstum, die Demografie und den medizinischen Fortschritt mit ein. Es ist ein breiter Indikator, der die unterschiedlichen Faktoren miteinbezieht.

«Reformen zur Steigerung der Eigenverantwortung setzen sich offenbar nicht leicht durch.»

In den letzten Jahren stiegen die Kosten im Schnitt um knapp 4 Prozent. Da klafft eine ziemliche Lücke zwischen 2,3 und 4 Prozent.

Der Expertenbericht des Bundesrats beziffert die Über- und Fehlversorgung auf rund 20 Prozent der Gesamtkosten in der Grundversicherung. Dies war der Ausgangspunkt unserer Überlegungen. Wichtig ist: Die Kosten einzelner Leistungsbereiche können unterschiedlich ansteigen. Spitexleistungen zum Beispiel können stärker wachsen als Behandlungen im Spital. Unter dem Strich muss das Kostenziel eingehalten werden. Der effektive Bedarf in einzelnen Kategorien wird aber berücksichtigt.

Die Pharmabranche befürchtet, dass mit einem Kostenziel der medizinische Fortschritt abgewürgt wird.

Das Gegenteil ist der Fall. Wir wollen den medizinischen Fortschritt unterstützen. Das von uns vorgeschlagene Wachstum pro Jahr beträgt ja nicht null. Auch die Versorgung und die Qualität im Schweizer Gesundheitswesen werden nicht darunter leiden.

Dass die Kosten im Gesundheitswesen einmal nicht ansteigen, das wird nie der Fall sein?

Nein, davon gehe ich nicht aus. Die Innovationen, welche die Pharmafirmen in der Pipeline haben, indizieren ja eher noch einen Kostenanstieg. Es kommen zusätzliche Behandlungsmethoden auf den Markt, der medizinische Fortschritt wird weitergehen. Hinzu kommen das Bevölkerungswachstum und die Demografie. Wir wollen unseren Versicherten die bestmögliche Versorgung ermöglichen. Es braucht aber einen Diskurs über die Finanzierung.

Diese Woche hat Santésuisse bekannt gegeben, dass die bei ihr angeschlossenen Versicherungen 200 000 Franken an eine neuartige Krebstherapie von Novartis bezahlen werden. Solch teure Gentherapien werden künftig in einer Vielzahl auf den Markt kommen. Ein Zielkonflikt?

Die neuen Therapien sind sehr kostspielig. In unserem Vorschlag der Kostenziele sind Innovationen ja enthalten. Unabhängig davon braucht es aber eine breite, gesellschaftliche Diskussion über die ganz teuren Medikamente. Diese Frage können wir als Krankenversicherer nicht allein beantworten.

Wie wird diese radikale Änderung mehrheitsfähig? Ein Globalbudget scheuen die Leistungserbringer wie der Teufel das Weihwasser.

Es geht um die Einführung von Kostenzielen, nicht um ein Globalbudget. Wir sind der grösste Grundversicherer der Schweiz und die stark steigenden Gesundheitskosten sind eine der grössten Sorgen der Schweizer Bevölkerung. Wir fühlen uns verpflichtet, uns an der Diskussion um die explodierenden Gesundheitskosten zu beteiligen. Das Kostenziel ist ein Weg, dieses starke Wachstum zu dämpfen. Früher oder später wird sich diese Einsicht bei allen Akteuren im Gesundheitswesen durchsetzen.

Braucht es nicht Konsequenzen, wenn das Ziel überschossen wird?

Nein, ich bevorzuge die freiheitliche Variante und glaube an die disziplinarische Wirkung. Es wird nicht von Beginn weg funktionieren, aber nach einer bestimmten Zeit werden die Kostenziele ihre Wirkung entfalten.

Wird das genügen?

Ja. Ein Kostenziel kann Druck und Transparenz erzeugen. Dadurch entsteht ein natürlicher Wettbewerb unter den Akteuren, die Ziele möglichst einzuhalten. Schliesslich muss man sich öffentlich rechtfertigen, wenn man das Ziel überschiesst. Das ist unangenehm.

Im stationären Bereich gibt es bereits heute Kantone, die mit Globalbudgets agieren. Aktuell Genf, Tessin und Waadt. Gleichzeitig stechen diese drei Kantone mit den höchsten Prämien hervor (neben Basel-Stadt). Was läuft da falsch?

Das lässt sich nicht vergleichen. Im Kanton Waadt beispielsweise gilt das Globalbudget nur für den stationären Bereich und auch nur für den Anteil, den der Kanton übernehmen muss. Auf der Prämienseite wird so nichts eingespart. Ein Kostenziel hingegen entfaltet seine Wirkung auf Leistungen im gesamten Gesundheitssystem. Und der Prämienzahler profitiert direkt davon.

Als der Bundesrat den Expertenbericht im vergangenen Jahr veröffentlicht hat, war die Kritik sehr gross. Nun ist es etwas ruhiger geworden.

Kann man dagegen sein, die Kosten im Gesundheitswesen zu bremsen? Schauen Sie sich die Folgen für die Prämienentwicklung an und was das für viele Familien bedeutet. In Zeiten explodierender Prämien ist Ideologie fehl am Platz.

Auch die unerwünschten Anrufe von Krankenkassenvermittlern waren Thema im Parlament. Dagegen kann man sehr wohl sein.

Diese Anrufe sind auch uns ein Dorn im Auge. Die CSS hat die Branchenvereinbarung zur verbindlichen Regelung der Vermittlerprovisionen, Sanktionen und Qualitätssicherung zuhanden des Ständerats miterarbeitet und unterstützt diese.

Wie viel Geld bezahlt die CSS noch solchen Vermittlern?

Wir zahlen marktübliche Konditionen. Die CSS verfügt über ein weit verzweigtes Agenturnetz. Wir haben über 100 Agenturen in der ganzen Schweiz. Das ist unser Hauptkanal für die Akquise. Der Vermittlerkanal ist ein ergänzender. Für uns ist es wichtig, dass die Qualität eingehalten wird, keine Kaltakquise betrieben wird und Provisionsexzessen der Riegel geschoben wird.

Wieso verzichten Sie nicht ganz?

Dazu gibt es keinen Grund: Vermittler sind auch in anderen Branchen gang und gäbe und nichts Schlechtes. Ein üblicher Verkaufskanal. Zwingend ist, dass man sich an die Spielregeln hält.

Das Parlament will keine höheren Franchisen

Bisher hatte sich die SVP an vorderster Front für höhere Franchisen eingesetzt. Mit ihren Stimmen beschlossen die Räte, die Krankenkassen-Franchisen laufend an die Gesundheitskosten anzupassen. In der Schlussabstimmung brachte die SVP die Vorlage zu Fall. Die gestrige Abstimmung fiel mit 101 zu 63 Stimmen bei 28 Enthaltungen aus. Die Gesetzesänderung, die das Parlament selber mit einer Motion verlangt hatte, ist damit vom Tisch. Die ordentliche Franchise beträgt weiterhin 300 Franken, die höchste 2500 Franken. Geplant war, die Franchisen auf den Zeitpunkt des Inkrafttretens der Gesetzesänderung um vorerst 50 Franken zu erhöhen. Die bürgerlichen Parteien versprachen sich davon eine Entlastung der Krankenkassen und damit der Prämien.

SP, Grüne, Patientenschutz-, Konsumenten- und Rentnerorganisationen hatten bereits das Referendum beschlossen. Sie waren nicht einverstanden damit, dass Kranke für die Arztrechnung tiefer in die Tasche greifen müssen. Auch in der Schlussabstimmung sprachen sie sich dagegen aus. Die SVP gesellte sich erst im Lauf dieser Woche zu den Gegnern. Laut Fraktionschef Thomas Aeschi (ZG) ist das eigentliche Problem das Konzept der obligatorischen Grundversicherung. Er sprach von einem «halbsozialistischen Planungsmonstrum». Das Krankenversicherungsgesetz sei «vollkommen gescheitert». (sda)

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