Sabine Kuster
Cyber-Mobbing: Böses ist online zu schnell gesagt

Belästigte Lehrer, bedrohte Schüler – auch das gibt es an den Schulen in der Region. Gegen das unberechenbare Internet helfen keine Verbote, nur Prävention und aktive Teilnahme, sagen Schulleiter in der Region Aarau.

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Sabine Kuster

Die Facebook-Gruppe heisst «Real- Sekundarschule Reinach AG». Jeder kann sich die Nachrichten anschauen, welche die 251 Mitglieder dort hinterlassen. Zum Beispiel: «Das esch doch eifach de beschti Lehrer gsi», schreibt eine ehemalige Schülerin - sie selbst und der Lehrer stehen mit vollem Namen da. Den Lehrer wird das freuen. Doch es wird noch über andere diskutiert: «Er esch de einzig Mönsch wo i echt froh be, dass er ... (weiss ned öb i do em www mini Meinig so frei daf össere)», schreibt einer. «Hey jere besch du mol zom dem id schuel???», antwortet jemand. «Jä jo. Aber ned so lang. Jedoch hets mer glängt zom en abgrondtüf z hasse.»

Die Recherche auf der Internetplattform Facebook zeigt: Die meisten Kommentare der Schüler über ihrer Lehrer in der Region Aarau sind harmlos. Und von zehn angefragten Schulleitern weiss keiner von aktuellem sogenanntem Cybermobbing zu berichten. Doch an den meisten Schulen kam es schon vor. Und wie obiges Diskussionsbeispiel zeigt, bewegen sich die Diskussionen oft in einem Grenzbereich von strafbarer Beleidigung und harmlosem Lästern.

Täter kann meist ermittelt werden
Nicht immer richten sich die Anfeindungen gegen Lehrer. Alois Zwyssig, Schulleiter der Kreisschule Mittleres Wynental berichtet von einem Fall vor eineinhalb Jahren, wo ein Mitschüler bedroht wurde. Den Täter habe man mit einer Recherche, die bis über Belgien zur IT-Adresse des Computers führte, ermitteln können. Die Schule machte Anzeige, die Eltern wurden in die Schule zitiert. Dennoch bleibt «Facebook» in der Kreisschule Mittleres Wynental bewusst zugänglich. «Die Schüler müssen lernen, damit umzugehen», findet Alois Zwyssig. Gesperrt sind Facebook und Youtube hingegen an der Alten und der Neuen Kantonsschule Aarau. Dies jedoch, weil die hohe Aktivität der Schüler in den Pausen das IT-Netz zu stark belaste, wie Ulrich Salm, Prorektor an der Alten Kantonsschule erklärt.

Dass Sperren nichts bringt, dieser Meinung ist auch Schulleiter Urs Bögli von der Schule Seengen. «Die Kids sind uns in Sachen neue Medien immer zwei Schritte voraus. Wichtiger als alle Verbote, ist die Prävention.» Und die Reaktion: Bei einem schwerwiegenden Internetmissbrauch würde auch Bögli nicht zögern und Anzeige erstatten.

Viele Missverständnisse im Chat
In der Kreisschule Homberg macht Schulsozialarbeiterin Tanja Naef die Schüler auf die Gefahren der elektronischen Kommunikation aufmerksam. «Oft beginnt ein Streit im Internet wegen einem Missverständnis und wird danach in die Schule getragen», sagt Tanja Neaf. Spässe werden schnell missverstanden, wenn die Mimik fehlt - da hilft auch das Zeichen für ein lachendes Gesicht :-) nicht. Sie rät den Schülern, sobald Konflikte auftauchen nicht auf «Facebook» weiter zu diskutieren sondern «Face to Face».

Sie hat Fälle erlebt, bei denen ein Schüler im Namen eines Kollegen Schluss mit dessen Freundin machte, weil er sich mit dessen Internetprofil einloggen konnte. «Was die Schüler im Internet tun, ist schwierig zu kontrollieren», sagt sie, «meist gehen sie zuhause online.» Deshalb versucht sie auch die Eltern darauf hinzuweisen.

Schüler schickte Sexmails an Lehrer
«Eltern sollten sich à jour halten», rät deshalb Edwin Rohrer, Schulleiter in Seon. Auf dem Schulgelände in Seon ist der Gebrauch von Natel, Kameras oder MP3-Playern verboten und die Schüler können die Computer nur unter Aufsicht benutzen. Doch was sie zuhause tun, darüber kann die Schule nicht wachen. Vor zwei Jahren belästigte hier ein Schüler einen Lehrer mit Sexmails. Er stellte ausserdem beleidigende Fotos ins Internet und machte Bestellungen an die Adresse des Lehrers. Die Schule erstattete Anzeige und die Anwaltskosten kamen die Eltern auf 5000 Franken zu stehen.

Auch an der Schule in Entfelden und an der Bezirksschule Lenzburg ist Cybermobbing momentan kein Thema. Dass es wichtig ist, dass die Schule im Internet aufmerksam bleibt, zeigt aber ein Facebook-Aufruf von Lenzburger Bezschülern: Sie organisierten im April über Facebook ein Anlass mit Alkohol am Vorabend des Schulhausfestes. Junge Lehrpersonen, die auf «Facebook» mit den Schülern befreundet waren, erfuhren davon und das «Bottellon» konnte verhindert werden.

Schulleiter in Youtube-Film
Auch in Gränichen ist man wachsam. Nicht etwa wegen der Facebookgruppe «I survived BEZ Gränichen», mit fast 400 Mitgliedern - die Einträge sind harmlos. Marc Zängerle, Schulleiter der Oberstufe und Bezirksschule, kontrolliert regelmässig, was sich auf «Netlog» tut. Diese Seite benutzen eher jüngere Schüler. Und auch die Film-Plattform «Youtube» behält er im Auge. Kürzlich stellten Schüler dort einen Film online, in dem einer den Schulleiter spielte. «Der Film war nicht beleidigend», sagt Zängerle, «aber ihn mit meinem Namen online zu stellen, das geht nicht.» Er wehrte sich und die Schüler nahmen ihn vom Netz.