Kolumne

Da kommt was Grosses auf uns zu!

Die dritte Digitalisierungswelle transformiert unser Internet von etwas, mit welchem wir interagieren, zu etwas, was mit allem um uns herum interagiert.

Edy Portmann
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Edy Portmann.

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Vor knapp zehn Jahren debütierte die Geschichte von Gullivers Reisen unter dem Titel «Da kommt was Grosses auf uns zu» in unseren Kinos. Der Film transformierte die Erzählungen rund um den Riesen in der Miniaturwelt in eine heitere Familienkomödie. Als etwas Grosses bezeichnet auch der Gründer des Medienkonzerns AOL, Steve Case, die dritte, heute auf uns zu rollende Digitalisierungswelle, in der unser Staat eine zentralere Rolle spielen wird.

Die Geschichte von Gulliver aufgreifend, zitiert dieser im Buch «Die Dritte Welle» einen Artikel, der sagt, dass sich klassische Manager mitunter in der von den Start-ups ausgelösten zweiten Welle ähnlich «wie Gulliver während des Angriffs der Liliputaner» fühlen müssen. Denn die Manager wirken, als bereits etablierte Konkurrenten der aufkommenden Start-ups, vorderhand mit den neuen Internettechnologien noch überfordert. Aber was bedeuten die drei Wellen?

In der ersten Welle verbanden wir uns dank Unternehmen wie AOL mit dem Internet, in der zweiten, durch Start-ups wie Amazon, Facebook, Google et al. losgetretenen Welle, entstand eine Plattformökonomie und die dritte, gerade eben anrollende Welle wird uns, so Case, ein «Internet of Everything» bringen. Case schreibt, dass der Staat in dieser dritten Welle als Co-Innovator, Regulator sowie Bezüger von Internetdienstleistungen stärker in den Vordergrund treten werde. Die Welt wird mit diesem Internet immer digitalisierter, sie lässt sich aber nicht rein digital fassen; es gilt also nicht, wie bei «Gullivers Reisen», klein versus gross oder gut versus böse, sondern vielmehr eher gross respektive ziemlich gut. Nur so lassen sich die scheinbaren Animositäten zwischen Gulliver und den Liliputanern überwinden.

Die dritte Welle ermöglicht (bürgernahen) Unternehmen hingegen nicht mehr nur eine reine Kommerzialisierung von digitalen Innovationen, von denen die Unternehmen der zweiten Welle heute noch profitieren, sondern sie treiben, zum Wohle von uns Bürger, gemeinsam mit der öffentlichen Hand den technologischen Fortschritt voran. Dazu schafft sie (soziotechnische) Rahmenbedingungen, sodass die Unternehmer Innovationen in sichere und verlässliche Produkte sowie Dienstleistungen giessen können. Unternehmer der dritten Welle müssen definitiv ein grosses Verständnis für regulatorische Fragen, mit denen sie konfrontiert werden könnten und die sie beantworten müssen, mitbringen. Mit dem Internet of Everything wird ein «smartes» Internet vollständig mit jedem Teil unseres Lebens verbunden werden – wie wir unsere Finanzen verwalten, wie wir lernen, heilen und leben.

Die dritte Welle transformiert unser Internet von etwas, mit welchem wir interagieren, zu etwas, was mit allem um uns herum interagiert. Es vernetzt dazu Daten, Personen, Prozesse und Dinge, ganz so, wie es Strom tut. Es wird also zur neuen Elektrizität. Und so entsteht laut dem Sicherheitsexperten Bruce Schneier, von uns noch unbemerkt, in einem stetig smarteren Internet fussend, ein globaler Roboter. Um diesen Roboter im Gulliver-Format, der mit Sensoren und Aktuatoren mit der Welt interagieren kann, in den Griff zu bekommen, braucht es auch gemäss Schneier eine Technologieregulation. Er argumentiert hierfür, dass es «einen gravierenden Unterschied zwischen Ihrer abstürzenden Excel-Tabelle, bei der Sie Ihre Daten verlieren, und dem Absturz Ihres Fahrzeuges, bei welchem Sie Ihr Leben verlieren, gibt».

Was die dritte Welle auch immer bringen mag, wir wollen nicht, dass sie uns überrascht. Deshalb sollten wir sie nicht den Silicon-Valley-Unternehmen zweiter Generation überlassen. Unternehmer der dritten Welle sind mit einer Welt konfrontiert, in der es nicht mehr um Schwarz-Weiss, sondern um Grautöne geht. In dieser Welt hängt nachhaltiges Handeln davon ab, richtige Entscheidungen zu treffen und Daten treffend zu analysieren, etwa indem alle Seiten einer Medaille, die Regulation inbegriffen, berücksichtigt werden. Bleibt die Frage, wer sich dieser Aufgabe stellt.

Der gebürtige Luzerner Edy Portmann ist Informatikprofessor und Förderprofessor der Schweizerischen Post am Human-IST- Institut der Universität Freiburg.

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