Myclimate
Dank Myclimate seit 10 Jahren fliegen mit gutem Gewissen

Die Organisation wird 10 Jahre alt und zieht vor allem Grossfirmen an. Die Beiträge werden in Projekte investiert, bei denen fossile Brenn- und Treibstoffe durch erneuerbare Energien ersetzt werden, um so den weltweiten CO2-Ausstoss zu reduzieren.

Mirco Klaus
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Ein Flugzeug hebt in Berlin ab (Archiv)

Ein Flugzeug hebt in Berlin ab (Archiv)

Keystone

Vor 10 Jahren flog eine Gruppe von Professoren und Studenten der ETH Zürich nach Costa Rica. Ihr Ziel: Ein jährliches Nachhaltigkeits-Treffen von weltweit führenden Hochschulen. Die Studierenden der ETH entwickelten dafür einen einfachen Rechner für Flugemissionen und forderten alle Teilnehmer auf, ihre Emissionen mit einem Geldbeitrag zu kompensieren. Es war die Geburtsstunde von Myclimate.

Seitdem entwickelte sich Myclimate zu einem der weltweit grössten Anbieter von CO2-Kompensationszahlungen. Ob Privatpersonen, Firmen oder Fluggesellschaften, jeder kann seinen CO2-Fussabdruck mit Kompensationszahlungen reduzieren. Die Beiträge investiert Myclimate in Projekte, bei denen fossile Brennstoffe und Treibstoffe durch erneuerbare Energien ersetzt werden, um so den weltweiten CO2-Ausstoss zu reduzieren. Das Interesse, dabei mitzumachen und sich des schlechten Gewissens zu erleichtern, ist ungebrochen gross.

Dass Urlauber einen kleinen Aufpreis aufs Flugticket zahlen, kommt laut Myclimate immer häufiger vor. Dies sei jedoch nicht die grösste Einnahmequelle. Es seien vor allem Grossfirmen, die Unmengen an Zertifikaten kaufen, um auf diese Weise ihren gesamten CO2-Ausstoss zu kompensieren.

So sind Kompensationszahlungen zum Big Business geworden. Im ersten Jahr kompensierte Myclimate 1283 Tonnen CO2. Im Jahr 2005 schon 19738 Tonnen. Insgesamt wurden in den ersten 10 Jahren 1,4 Millionen Tonnen Emissionsreduktionen verkauft. Von einer «Non-Profit-Organisation» kann also nicht mehr gesprochen werden – 13 Millionen Franken betrug der Umsatz alleine im letzten Jahr. 40 Mitarbeiter hat Myclimate, Bundesrätin Doris Leuthard und Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus sitzen im Patronatsrat. Dazu 60 Projekte in mehr als 30 Ländern, welche über 8 Millionen Tonnen CO2 reduzieren: Myclimate mauserte sich in den letzten 10 Jahren zum Grossunternehmen.

Moderner Ablasshandel?

Mit dem Wachstum häufen sich auch die kritischen Stimmen. Allen voran Greenpeace. Die Umweltorganisation kritisiert die CO2-Kompensation als Ablasshandel und findet, das Konzept setze falsche Anreize. Man solle lieber auf überflüssige Flüge verzichten, als sich ein reines Gewissen zu erkaufen. Des Weiteren kritisiert wird die Verwendung der zufliessenden Gelder. So wurden 2011 knapp 11 Millionen Franken an Kompensationsgeldern eingenommen, aber nur 8 Millionen in Projekte investiert. Von den 1,4 Millionen Tonnen verkauften Emissionsreduktionen wurden erst 950 000 Tonnen Einsparungen in Projekten realisiert. Häuft Myclimate Geld an oder gibt es gar zu wenig Projekte? «Nein», sagt CEO René Estermann. «Wir garantieren allen Kunden, dass die Gelder innert 2 Jahren in Projekte einfliessen. Diese Zeit brauchen wir, um die Projekte genau auf deren Qualität zu prüfen. Dafür wird das Geld dann auch sicher in den bestmöglichen Projekten eingesetzt.»

Von Biogasanlagen in Nepal über Solarkocher in Madagaskar bis hin zu einer energieeffizienten Seilbahn in Kolumbien. Das Geld der Leute, die ihre CO2-Ausstösse kompensieren, fliesst in vielfältige Projekte. Dabei überwiegen jedoch Vorhaben in Entwicklungsländern. Da sieht Nicole Werner von Alliance Sud (der Zusammenschluss der Schweizer Hilfswerke) ein Problem: «In Entwicklungsländern kann tatsächlich günstiger CO2 eingespart werden. Niedrige Kompensationspreise geben den Firmen jedoch keinen Anreiz zur Reduktion ihres eigenen CO2-Ausstosses.» Aber nur so funktioniert das System von Myclimate. Würden sie Projekte in der Schweiz aufziehen wollen, dann wären sie wegen zu hoher Kompensationskosten nicht mehr konkurrenzfähig mit anderen Anbietern. «Entscheidend ist aber, dass die hohen Pro-Kopf-Emissionen in der Schweiz abnehmen», fügt Werner an.

Eine Geldsammel-Maschine

Die Entwicklungshelfer von Alliance Sud sind grundsätzlich aber angetan von den Projekten von Myclimate und schätzen deren Engagement für die Umwelt als sehr hoch ein. «Dass ein Unternehmen so viel Geld sammeln kann und damit qualitativ hochstehende Projekte zum Klimaschutz finanziert, ist sehr lobenswert», so Werner weiter. Zudem lobt Werner die Aufklärungsarbeit von Myclimate. Diese würde den Leuten helfen, ein Verständnis für Umweltproblematiken zu entwickeln.

Myclimate lässt sich von der Kritik, Ablasshandel zu betreiben, nicht beirren und verfolgt weiterhin hochgesteckte Ziele: «In Betracht der 30 Milliarden Tonnen Treibhausgasemissionen jährlich weltweit sind unsere 0,5 Millionen Tonnen Kompensation im letzten Jahr noch gewaltig steigerungsfähig. Wir wollen – zusammen mit unseren Partnern und Kunden – zum Ziel beitragen, die weltweiten Emissionen von den 30 Milliarden Tonnen auf 5–10 Milliarden zu senken. Dazu muss der Gedanke des CO2-Kompensierens selbstverständlich werden», so der CEO René Estermann.