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Darum ist Nashville plötzlich angesagt

Die für Country-Musik bekannte Stadt im Süden der USA ist zu einer boomenden Metropole geworden – auch für die Tech-Branche. Das rasante Wachstum stösst allerdings auch auf Kritik.
Renzo Ruf, Nashville
Blick auf Downtown Nashville in der Abenddämmerung. (Bild: Sean Pavone/Getty)

Blick auf Downtown Nashville in der Abenddämmerung. (Bild: Sean Pavone/Getty)

Es gibt kein Entkommen: Country-Musik ist in Nashville allgegenwärtig. Sei es in den Touristenbars am Broadway, in den ­Musiklokalen in der Nähe der Vanderbilt-Universität oder in Germantown, einem hippen Quartier am Cumberland River. Aus den Lautsprechern dudeln Klassiker von Johnny Cash oder neue, softere Country-Pop-Melodien. Und immer wieder sind in den Liedern Anspielungen auf Nashville zu hören, auf die inoffizielle Hauptstadt der amerikanischen Country-Musik.

Nashville ist stolz auf dieses Erbe und seinen Beinamen «Music City». Lokale Wirtschaftsvertreter weisen im Gespräch regelmässig darauf hin, dass in der Millionenmetropole eine besondere Mischung aus Kreativität und Unternehmergeist vorherrsche. Sie erwähnen, dass die Produktion neuer Musik ein Gemeinschaftsprojekt sei. Dieser kollaborative, innovative Geist bilde sozusagen das Fundament der lokalen Wirtschaft.

Ralph Schulz empfängt zum Gespräch in den modern eingerichteten Räumen der Handelskammer, an einer belebten Ecke in Downtown Nashville. Schulz ist seit 2006 Geschäftsführer der Kammer, der mehr als 2000 Firmen angehören. Auf die Frage, warum seine Heimatstadt derzeit als angesagt, als «It City» gilt, antwortet er mit einem kurzen Abriss über die Geschichte Nashvilles – ein Handelszentrum in der Mitte des Bundesstaates Tennessee, das ebenso im industriellen Norden wie im strukturkonservativen Süden verankert ist.

100 Neuzuzüger pro Tag

Die eigentliche Stärke Nashvilles sei «der Charakter, die Persönlichkeit» der Stadt und ihrer Bewohner, sagt Schulz. Nashville sei ein wunderbarer Wohnort. Selbst Menschen, die an der Ost- oder Westküste des Landes aufgewachsen seien, würden in Nashville rasch Wurzeln schlagen. Dies hänge auch mit der Offenheit der Einheimischen zusammen. Dies beeindrucke Unternehmer, die sich Gedanken über die Gründung neuer Firmenstandorte machten, sagt Schulz. Denn heutzutage zögen es Firmen vor, in Städte zu ziehen, in denen bereits ein Pool gut ausgebildeter Fachkräfte wohne.

Nashville sei diesbezüglich geradezu verwöhnt, sagt Schulz. Er verweist auf eine Statistik, die seine Behauptung untermauert. Demnach taucht der Ort nicht nur in der Rangliste jener fünf US-Ballungsräume mit dem grössten Job-Wachstum auf, sondern auch im Ranking jener Städte, in denen die Löhne am stärksten steigen. Und das, obwohl jeden Tag gegen 100 Menschen in den Grossraum Nashville zügeln. Der Ballungsraum wuchs in den letzten zwei Jahrzehnten von 1,3 auf annähernd 2 Millionen Menschen.

Das Büro des Greater Nashville Tech Council befindet sich in einer Industriezone am Stadtrand. Alex Curtis lächelt, als er auf die trostlose Umgebung angesprochen wird. Dann sagt der Vizepräsident der Organisation, die sich als Sprachrohr der mehr als 2600 lokalen Technologie-Unternehmen sieht, in einem entschuldigenden Tonfall: Das Quartier sei «up and coming», aufstrebend, und werde schon bald besser aussehen.

Fuss vom Gas nehmen

Curtis führt ins Büro von Brian Moyer, der seit zwei Jahren an der Spitze des Tech Councils steht. Moyer ist der lebende Beweis dafür, dass Nashville ein fruchtbarer Boden für Innovationen ist. In seinem früheren Leben betätigte er sich als Unternehmensgründer, hauptsächlich in der Gesundheitsbranche. Häufig gehe vergessen, welche zentrale Rolle Informationstechnik nun innerhalb traditioneller Branchen spiele. «Tech ist buchstäblich überall.»

Der Tech Council sei eine Art Wohnzimmer für Exponenten der Szene, sagt Moyer. Hier fänden Informationsveranstaltungen statt, neue Projekte würden ausgeheckt, die branchenübergreifend seien. Besonders stolz ist er auf ein Weiterbildungsprogramm, das seine Organisation entwickelte. Es basiert auf einem Modell, das bereits in Seattle existiert. Es soll Quereinsteigern den Einstieg in die Technologiebranche ermöglichen. Moyer sagt, Ziel von «Apprenti Nashville», so heisst das Programm, sei es auch, der alteingesessenen Bevölkerung die Furcht zu nehmen, vom Boom nicht profitieren zu können.

Diese Anstrengungen sind bitter notwendig. Dies jedenfalls sagt Bob Mendes, der seit vier Jahren im 40 Mitglieder zählenden Parlament des Ballungsraums Nashville politisiert. Der in Chicago aufgewachsene Anwalt ist der Meinung, dass seine Wahlheimat gut beraten wäre, den Fuss vom Gas zu nehmen. Denn in der Bevölkerung, die grundsätzlich wirtschaftsfreundlich eingestellt sei, mache sich Unzufriedenheit über das ungebremste Wachstum breit, sagt Mendes.

«Der Wandel stellt uns vor neue Herausforderungen.» Mendes spricht von langjährigen Hausbesitzern, die von Spekulanten aus historischen Quartieren vertrieben würden, oder von Berufspendlern, die jeden Morgen im Stau stecken blieben. Er wolle das Rad nicht zurückdrehen und freue sich darüber, dass Nashville derart attraktiv für Firmen sei, sagt Mendes. «Aber wir müssen sicherstellen, dass sämtliche Bewohner von diesem Boom profitieren.»

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