Agrochemie
Darum will Bayer unbedingt zum grössten Agrochemiekonzern werden

Bayer will für insgesamt 62 Milliarden Dollar den US-Saatgutriesen Monsanto kaufen.

Andreas Schaffner
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Die Agrochemiebranche hat das Fusionsfieber gepackt. Im vergangenen Jahr gaben die US-Unternehmen DuPont und Dow Chemical ihren Zusammenschluss bekannt. Später buhlte der US-Gigant Monsanto auf unfreundliche Weise um die Basler Syngenta — schliesslich kam hier der chinesische Staatsbetrieb ChemChina zum Zug.

Nun soll der in Basel glücklose Angreifer — Monsanto — selber übernommen werden: Die deutsche Bayer ist bereit, für eine der umstrittensten Firmen der USA 62 Milliarden Dollar bar auf den Tisch zu legen. Nachdem der Deal selber schon letzte Woche bestätigt wurde, gab das Unternehmen mit Sitz in Leverkusen gestern den Inhalt des zuvor vertraulichen Übernahmeangebots an Monsanto bekannt.

Gemäss dem gestern publizierten Brief erhalten Monsanto-Aktionäre 122 Dollar pro Aktie in bar. Dieser Preis enthält einen Aufschlag von 37 Prozent auf den Schlusskurs der Monsanto-Aktie von 89.03 Dollar am 9. Mai 2016. Die Monsanto-Aktionäre jubeln. Negativ sind jedoch die Reaktionen der Bayer-Aktionäre ausgefallen: Der Kurs des Wertpapiers sank gestern um sechs Prozent. Beratend zur Seite steht Bayer unter anderem die Credit Suisse.

Ein neuer Marktführer entsteht

Sollte der Kauf zustandekommen, wäre es nicht nur die grösste Transaktion, bei der ein deutscher Konzern ein ausländisches Unternehmen oder Teile davon übernehmen würde. Die Übernahme bietet laut der Mitteilung von Bayer eine überzeugende Gelegenheit, ein weltweit führendes Unternehmen für Saatgut und Pflanzenschutz zu schaffen. «Wir sind seit langem von Monsanto beeindruckt und teilen die Überzeugung, dass durch ein integriertes Geschäft erheblicher Wert für die Aktionäre entstehen würde,» lässt sich Bayer-Chef Werner Baumann zitieren. Der Hauptsitz der weltweiten Saatgutsparte sowie die Zentrale für Nordamerika sollen in St. Louis, Missouri, USA, angesiedelt sein. Der weltweite Bereich Pflanzenschutz sowie die Zentrale der Bayer-Division Crop Science sollen ihren Sitz im deutschen Monheim haben. Der Deal könnte die Imagekrise Monsantos — auch in der USA ist der Streit um die Deklaration von genetisch veränderten Lebensmitteln entbrannt — entschärfen.

Mit der Übernahme von Monsanto — das auch das umstrittene Pflanzenschutzmittel Glyphosat produziert — würde die Sparte Pflanzenschutz zur grössten des Konzerns. Der Bereich würde laut Berechnungen der Nachrichtenagentur Bloomberg einen jährlichen Umsatz von 25 Milliarden Dollar erwirtschaften. Der Dow-DuPont-Zusammenschluss würde kombiniert 16 Milliarden Dollar pro Jahr machen, Syngenta mit ChemChina 15 Milliarden Dollar.

Hintergrund der Fusionswelle ist der zunehmende Wettbewerbsdruck. Dieser wurde durch tiefe Erträge im Geschäft mit den Bauern ausgelöst. In den USA, dem grössten Markt für Pflanzenschutzmittel, haben die Farmer im vergangenen Jahr 38 Prozent weniger Ertrag erwirtschaftet. Dies ist laut einer Studie der Beratungsfirma Deloitte der tiefste Wert seit dem Jahr 2002.

Das alles hat zur Folge, dass der Anreiz, Pflanzenschutzmittel zu kaufen, für die Farmer gesunken ist. Bei Monsanto kommt hinzu, dass auch die Nachfrage nach Saatgut sinkt.

Fusionswelle nimmt zu

Im Fall von Syngenta kommt hinzu, dass auch die Absatzmärkte in den Entwicklungsländern, insbesondere Brasilien, kriseln. Sinkende Erträge und ungewisse Prognosen für die kommenden Jahre haben die Aktienpreise in den Keller getrieben. Das machte die Firmen zu Übernahmekandidaten. Oder in den Worten der Deloitte-Experten: In der Branche wird konsolidiert, weil die Firmen Kosten senken müssen und sie auf der Suche nach Synergien sind. Gleichzeitig steigen die Forschungskosten. Diese Entwicklung ist vergleichbar mit dem Pharmamarkt. Aus diesen Marktkräften heraus entstehen im Bereich Pflanzenschutz drei grosse Hersteller, die einen Marktanteil von 20 bis 30 Prozent erreichen.

Die Experten schätzen auch, dass es im laufenden Jahr noch mehr Transaktionen in diesem Segment geben wird. Fusionen sind das eine, Abspaltungen von Firmen das andere. Auch hier werden spannende Entwicklungen erwartet. Im Fall von Dow-DuPont entstehen gleich drei neue Firmen, die unabhängig voneinander sind.

Nach 115 Jahren droht das Aus für Monsanto

Die Übernahme von Monsanto durch Bayer könnte das Ende des amerikanischen Traditionsbetriebs bedeuten. Denn Bayer ist bekannt dafür, erbeutete Unternehmen in den Konzern zu integrieren. Ein solches Manöver wäre wohl auch im Fall Monsanto angebracht, gilt das Unternehmen aus St. Louis (Missouri) doch weltweit bei Umweltschützern und kritischen Aktionären als rotes Tuch – auch weil heute oft vergessen geht, dass der Name Monsanto nicht nur für genmanipulierte Pflanzen und das umstrittene Pflanzenschutzmittel Roundup steht, sondern früher auch für Innovationen bei der Vermarktung von künstlichen Süssstoffen und Düngemitteln. Ob die Monsanto-Aktionäre die nun publik gewordene Offerte aus Leverkusen akzeptieren werden, darf bezweifelt werden. Analysten wiesen am Montag umgehend darauf hin, dass der Preis, den ChemChina für den Schweizer Konkurrenten Syngenta bezahlen will, weit höher liegt als das Bayer-Angebot für Monsanto. Die Konsolidierung im Geschäft mit der Landwirtschaft wird dafür sorgen, dass die Wettbewerbshüter tätig werden. Bereits prüft das Justizministerium im Washington die Fusion der amerikanischen Agrokonzerne Dow Chemical und DuPont. Auf den ersten Blick gibt es allerdings zwischen Bayer und Monsanto wenig Überschneidungen. Senator Chuck Grassley aus Iowa sagte aber in einer ersten Stellungnahme, dass er bezweifle, «dass eine ausländische Firma ähnlich interessiert an der amerikanischen Landwirtschaft ist wie eine inländische». Und die National Farmers Union, eine Lobby-Gruppe für traditionelle Bauern, sprach bereits von einer drohenden Preiserhöhung beim Saatgut und bei Pflanzenschutzmitteln. Der Monsanto-Verwaltungsrat gab am Montag bekannt, dass er das Bayer-Angebot «gründlich» prüfen werde. (RR)