Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Kolumne

Das Auto, ungebremster Herrscher über unsere Städte

Die aktuelle Debatte um übermotorisierte Autos in den Städten ist nur ein Nebenschauplatz. Städteplaner müssen grundsätzlich umdenken.
Gregory Remez
Gregory Remez, Redaktor Wirtschaft.

Gregory Remez, Redaktor Wirtschaft.

Sie habe noch gehört, wie ein starker Motor aufheult, dann sei der Porsche plötzlich durch die Luft geflogen, schildert eine «Zeit»-Journalistin den Unfall, der in Deutschland seit über einer Woche die Schlagzeilen dominiert. Sie sei danebengestanden, als das Fahrzeug an einer belebten Kreuzung in Berlin-Mitte in eine Menschenmenge fuhr und dabei vier Menschen tötete.

Es ist nicht der erste Unfall an der Stelle. Die tragischen Umstände des Vorfalls, bei dem auch ein dreijähriges Kind sein Leben verlor, haben allerdings dazu geführt, dass der alte Streit um die Rolle des Autos auf innerstädtischen Strassen dieser Tage eine neue Dimension erreicht. Gegenstand der Empörung sind einmal mehr die sogenannten Sport Utility Vehicles, kurz SUVs (der Unfallfahrer von Berlin war in einem Porsche Macan unterwegs).

Da sind zunächst einmal die Warner, die sich über die unaufhörlich steigenden Zulassungszahlen von SUVs erzürnen und immer lauter Verbote fordern. Und da sind die Beschwichtiger, die darauf verweisen, dass Stadtgeländewagen nicht häufiger in Unfälle verwickelt sind als andere Autos. Zusätzlich aufgeladen wird die ohnehin emotional geführte Fehde durch die derzeit alles durchdringende Klimadebatte, in der SUVs von Kritikern gerne als Symbol für rücksichtsloses, klimaschädliches Verhalten herangezogen werden.

«Die Frage sollte weniger lauten, wie lange man noch im SUV durch die Stadt kurven darf, sondern grundsätzlich, warum der Herrschaft des Autos in der Stadt eigentlich so gut wie keine Grenzen gesetzt werden.»

Die Streitfrage der Stunde lautet: Darf man heute überhaupt noch einen SUV fahren? Wie so oft ist an den Argumenten beider Lager für sich genommen etwas dran. Ja, es ist eine bedenkliche Entwicklung, wenn immer mehr übermotorisierte Fahrzeuge in Innenstädten unterwegs sind. Und nein, gemäss Statistik verleiten Geländewagen, auch wenn sie zu den robusteren Teilnehmern des Strassenverkehrs gehören, nicht zu unvorsichtigem Fahren oder überhöhter Geschwindigkeit. Es ist daher fraglich, ob Verbote die Unfallzahl reduzieren würden.

Doch wie so oft handelt es sich auch bei der aktuellen SUV-Debatte um einen Nebenschauplatz. Angesichts der sich stellenden Herausforderungen ist sie weder in Klima- noch in Sicherheitsfragen zielführend. Vielmehr verleitet sie die Teilnehmer dazu, sich in Details zu verlieren, statt sich mit dem grossen Ganzen zu befassen. Denn unter dem Strich ist es für einen Fussgänger egal, ob er von einem SUV oder einem Kleinwagen angefahren wird. Unfallforscher haben ausgerechnet, dass der Mensch ab Tempo 36 auch gegen einen VW Polo keine Chance hat. Trotzdem gibt es 50er-Zonen dort, wo sich Fussgänger auch in grosser Zahl bewegen. Rechtfertigen lässt sich das nur schwer.

Die Frage sollte also weniger lauten, wie lange man noch in einem SUV durch die Stadt kurven darf, sondern grundsätzlich, warum der Herrschaft des Autos in der Stadt eigentlich so gut wie keine Grenzen gesetzt werden. Dieser Gedanke dürfte jedem schon mindestens einmal gekommen sein, der in einer Schweizer Stadt zur Rushhour mit dem Velo unterwegs war. Natürlich gibt es auch Velofahrer und Fussgänger, die sich rücksichtslos verhalten. Ihre Verstösse sind aber nur in seltenen Fällen lebensgefährlich – beziehungsweise nur für sich selbst. 537 Fussgänger wurden laut dem Bund auf Schweizer Strassen im vergangenen Jahr schwer verletzt, 43 tödlich. Bei den Velofahrern waren es inklusive E-Bikes gar deren 1186, 39 tödlich. Auch wenn die Zahlen seit Jahren sinken: Es sind immer noch viel zu viele.

Was ist so schwer daran, dem Auto – zumindest in den Innenstädten – Einhalt zu gebieten? Die Sorge seitens der Politik scheint gross, dass die Autofahrer Zeit verlieren, wenn sie etwa eine Ortschaft umfahren oder länger an einer Ampel warten müssen. Doch was macht die Zeit eines Autofahrers so viel wertvoller als jene der anderen Verkehrsteilnehmer? Und warum sollte dessen Zeitersparnis auf Kosten der Lebensqualität aller anderen gehen?

Irgendwie fällt es schwer, sich vorzustellen, dass die Städte der Zukunft noch immer um mehrspurige, asphaltierte Schneisen für den Individualverkehr geplant und gebaut werden. Andere europäische Länder wie Schweden, Dänemark, Norwegen, selbst Deutschland (zum Beispiel in Hamburg) haben längst damit begonnen, Konzepte für autofreie Innenstädte herauszuarbeiten, nicht nur aus klimatischen, sondern auch aus Sicherheitsüberlegungen. Dagegen wirken gut gemeinte, jedoch viel zu kleinräumige Projekte wie die autofreie Bahnhofstrasse in Luzern, für dessen Realisierung sich der Stadtrat auch noch zehn Jahre Zeit lässt, wie ein schlechter Witz.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.