Kommentar

Das britische Königshaus sollte Harry und Meghan keine Steine in den Weg legen

Harry und Meghan können selbstbewusst ihren eigenen Weg gehen. Das britische Königshaus sollte ihnen dabei helfen.

Sebastian Borger aus London
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Sebastian Borger

Sebastian Borger

Lz

Ist der angestrebte, teilweise Rückzug von Meghan und Harry von ihren royalen Aufgaben gut oder schlecht für das Paar? Und welche Konsequenzen hat der Entschluss für das britische Königshaus?

Wer über diese Fragen nachdenken will, muss den Frust beiseiteschieben, den die plötzliche, ohne Absprache mit Königin Elizabeth zustande gekommene Bekanntgabe berechtigterweise bei den anderen Royals ausgelöst hat. Immerhin sagt das mediale Chaos vom Mittwochabend viel aus über das Naturell und die Naivität von Prinz Harry und Herzogin Meghan. Der 35-Jährige und seine welterfahrene Gattin liessen sich aus Angst vor einem Scoop der Londoner Boulevardpresse zu einem erkennbar schlecht vorbereiteten Schritt verleiten.

Das Detail deutet darauf hin, dass Harry wenig gelernt hat aus dem schrecklichen Unfalltod seiner Mutter Diana. Für deren gehetzte letzte Wochen, schließlich die fatale Raserei durch Paris im August 1997 hat der Prinz stets ausschliesslich die Paparazzi verantwortlich macht. Dass die 36-Jährige zerrissen war vom Wunsch nach Privatsphäre einerseits und der Freude an öffentlicher Bewunderung andererseits hat der wenig analytisch denkende Ex-Soldat stets ausser Acht gelassen.

Darin ähnelt Harry seiner Mutter, wie die Autorin Tina Brown festgestellt hat. Die Autorin einer ebenso einfühlsamen wie kritischen Biographie über Diana, geborene Spencer, sieht in Harry «mehr den Spencer als den Windsor»: Der Prinz verfüge über jenes «persönliche Charisma», das viele Menschen auch bei Begegnungen mit Diana spürten.

Wenn das stimmt, ist es um die zukünftigen Verdienstmöglichkeiten der Eltern von Baby Archie (acht Monate) sicher nicht schlecht bestellt. Zumal die selbstbewusste, lebenserfahrene, geschiedene, auf eigenen Füssen stehende Herzogin ihren eigenen Glamour beizutragen hat. Die Balance zwischen dem Titel der «Königlichen Hoheit» und den Bedürfnissen mehr oder weniger koscherer Firmen und Oligarchen wird sicher nicht ganz leicht werden. Aber es gibt gewiss genug wichtige und seriöse Anliegen, denen ein wenig royaler Stardust gut tut.

Darin hat das Paar auch schon Erfahrung. Harry hat öffentlich von seiner unverarbeiteten Trauer um die Mutter gesprochen; erst eine Gesprächstherapie habe ihm das psychische Gleichgewicht zurückgegeben. Sein Engagement für die Invictus-Spiele für Kriegsversehrte geht auf die Einsätze als Soldat in Afghanistan zurück. Meghan liegt schon seit Jahren die Gleichberechtigung von Mann und Frau am Herzen; als Herzogin kümmerte sie sich intensiv um die Opfer der Brandkatastrophe von Grenfell.

All dies lässt sich ebenso gut von dem offenbar angestrebten Wohnsitz in Kanada aus organisieren wie aus dem Schlosspark in Windsor. Das royale Establishment sollte den beiden jedenfalls keine Steine in den Weg legen, im Gegenteil: Die Initiative zu einer eigenen Rolle im 21. Jahrhundert kommt den unmittelbaren Nachfolgern der 93-jährigen Königin entgegen. Schliesslich wirbt Thronfolger Charles seit Jahren für eine schlankere Monarchie, wie sie das kürzlich veröffentlichte Foto der vier Generationen dokumentierte: Urgroßmutter Elizabeth, Großvater Charles, Vater William und dessen 6-Jähriger Sohn George. Das Königshaus kann von einer loseren Verbindung mit einem Prinzen, der für die Thronfolge keine Rolle mehr spielt, nur profitieren.

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