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Das Ende des Kükentötens? Neue Methode bringt ethischere Eier auf den Teller

Kaum geschlüpft werden männliche Küken getötet. Die gängige Praxis steht schon lange in der Kritik. Eine neu lancierte Methode kann nun Abhilfe schaffen. Sie hat aber noch einige Mängel.

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Männliche Küken setzen zu wenig Fleisch an und werden deshalb meist gleich nach dem Schlüpfen getötet.

Männliche Küken setzen zu wenig Fleisch an und werden deshalb meist gleich nach dem Schlüpfen getötet.

Dominik Wunderli

Das Leben von männlichen Küken dauert in der Regel nicht lange. Weil sie keine Eier legen und im Verhältnis zur Futtermenge zu wenig Fleisch ansetzen, kann die Eierbranche nichts mit ihnen anfangen. Sie werden deshalb direkt nach dem Schlüpfen getötet. Allein in der Schweiz werden drei Millionen männliche Küken pro Jahr vergast. Das Schreddern ist seit Anfang dieses Jahres immerhin nicht mehr erlaubt.

Um diesen Missstand zu beheben, wurden in der Vergangenheit schon etliche Vorstösse eingereicht. Einer von der Grünen-Nationalrätin Meret Schneider (ZH) ist gerade hängig und fordert ein Verbot. Doch auch die Branche ist an Lösungen für das Problem interessiert und forscht dafür seit Jahren. Jetzt hat sich etwas getan: Mit dem in Deutschland entwickelten Verfahren Seleggt lässt sich das Geschlecht des Tiers bereits im Ei bestimmen. Dafür wird am neunten Bruttag mit einem Laser etwas Flüssigkeit entnommen. Die männlichen Eier werden aussortiert und zu einem Pulver für Tierfutter verarbeitet, die weiblichen weiter ausgebrütet.

Die Eier der ausgebrüteten Legehennen gibt es seit kurzem unter dem Namen Respeggt auf dem Markt – auch in der Schweiz. Die Migros hat die Respeggt-Eier in den Genossenschaften Genf und Zürich in ihr Sortiment aufgenommen, ab nächstem Juli sollen sie in sämtlichen Schweizer Filialen und im Onlineshop verfügbar sein. Die Eier stammen aus Schweizer Freilandhaltung und kosten pro Sechserpack 3.35 Franken. Zum Vergleich: Normale Freilandeier kosten 2.95 Franken, Bio-Eier 4.85 Franken.

Hohe Fehlerquote und Risiko von Krankheiten

Doch ist das neue Verfahren ethisch gesehen so viel besser? Die Männchen werden schliesslich ebenfalls aussortiert. Und wie steht es um die Ökobilanz des Verfahrens? Hört man sich bei Branchenkennern um, wird schnell klar, dass Seleggt noch nicht die Lösung aller Probleme ist. Tierschützer und Eierproduzenten sprechen zwar von einem wichtigen Schritt, aber auch von Mängeln. Daniel Würgler, Präsident des Verbands der Eierproduzenten Gallosuisse, und Cesare Sciarra, Leiter Bereich Nutztiere beim Schweizer Tierschutz (STS), nennen die folgenden drei:

  • Die Fehlerquote der Seleggt-Methode sei mit 5 bis 10 Prozent noch zu hoch. Nach wie vor schlüpfen demnach also auch Männchen. Oder es werden umgekehrt Weibchen aussortiert.
  • Weil das Verfahren bisher nur in Holland durchgeführt wird, müssen die Eier kilometerweit transportiert werden. Das steigere das Risiko von Krankheiten. Zudem sei es wenig ökologisch.
  • Beim Laser-Einstich ist möglich, dass das Tier bereits Schmerz empfindet. Experten sind sich darüber uneins. Beim Einstich können Eier ausserdem kaputt gehen.

Tierschützer Sciarra und Verbandspräsident Würgler sind sich insofern einig, als dass Seleggt aus ethischer Sicht besser als die gängige Praxis ist. «Immerhin werden die Tiere dabei nicht vergast», sagt Tierschützer Sciarra. Uneinig sind sie sich aber darüber, welche Produktionsmethode langfristig generell erstrebenswert ist. Der Verband will an den gängigen Zuchtrassen festhalten und die Geschlechtsbestimmung im Ei weiter verbessern: «Unser Ziel ist, dass sie bereits am Tag Null möglich ist, gleich nachdem das Ei gelegt wird», sagt Würgler. «So müssten die Eier gar nicht erst in den Brutkasten, sondern könnten an Kunden verkauft werden.»

Der Tierschutz hingegen plädiert für die bestehende Alternative des Zweinutzungshuhns. Bei dieser Rasse legen die Weibchen etwas weniger Eier, die Männchen wachsen dafür etwas schneller und werden für die Fleischproduktion aufgezogen. «Das Zweinutzungshuhn ist nicht ganz so stark auf Leistung hochgezüchtet. Die Hennen sind deshalb deutlich gesünder und das Tierwohl höher», sagt Sciarra. Er zieht diese Methode auch der Bruderhahn-Mast vor, bei welcher die Männchen zwar ebenfalls aufgezogen werden, es sich aber auch um die «extrem hochgezüchteten Legehennen handelt».

Produktion ist teurer und unökologischer

Die Eier vom Zweinutzungshuhn gibt es seit mehreren Jahren in grösseren Coop-Filialen zu kaufen. Wie Coop auf Anfrage schreibt, werden in Bio-Ställen inzwischen rund 10'000 solche Legehennen gehalten. Da die Eier teurer sind, handelt es sich aber erst um einen Nischenmarkt (5.59 Franken für sechs Eier). Sprich: Die Nachfrage hält sich in Grenzen. Wie Coop auf Anfrage schreibt, nimmt sie aber «stetig zu», die Rückmeldungen der Kundinnen und Kunden seien positiv. Eine Lancierung der Respeggt-Eier plant Coop derzeit nicht, der Grossverteiler «beobachtet die Technologie aber mit grossem Interesse».

Allerdings bringt auch das Zweinutzungshuhn Nachteile mit sich: Weil für die gleiche Menge Eier (und Fleisch) etwa ein Drittel mehr Tiere notwendig sind, braucht es für die Aufzucht viel mehr Platz und Futter. Die Methode schneidet punkto Tierwohl also gut ab, nicht aber punkto Ökologie. Und da sie für Eierproduzenten mit mehr Kosten verbunden ist und erst eine marginale Nachfrage generiert, ist es sehr unwahrscheinlich, dass sie sich in nächster Zeit durchsetzen wird.

«Ganzheitlich betrachtet ist die heutige Methode nicht nur schlecht», sagt Daniel Würgler. «Dank der hohen Produktivität der Legehennen sparen wir Ressourcen.» Dem Vernehmen nach favorisieren auch mehrere Schweizer Detailhändler die weitere Verbesserung der Geschlechtsbestimmung im Ei als langfristiges Ziel. Die Zuchtrassen dürften also bleiben, das Kükentöten könnte in einigen Jahren aber der Vergangenheit angehören.