Dubai
Das Ende des Übermorgenlandes

Böses Erwachen aus der Gigantomanie am Golf: Dubai spürt die Finanzkrise mehr als andere und sitzt auf einem Schuldenberg.

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Spekulationen um Boom-Emirat Dubai (Archiv)

Spekulationen um Boom-Emirat Dubai (Archiv)

Keystone

Michael Wrase, Limassol/Dubai

«Das grösste und unvergessliche Ereignis ist jenes, das noch nicht eingetreten ist», lautete das Leitmotiv von Scheich Mohammed Bin Raschid Al Maktoum. Der Herrscher von Dubai hatte um die Jahrtausendwende beschlossen, sein kleines Land zur Welthauptstadt des 21. Jahrhunderts auszubauen. «Wir wollen die Nummer eins in der Welt sein», verkündeten seine Propagandisten nach der Präsentation unzähliger Weltrekordprojekte stolz. Auf Staatskosten eingeladene Journalisten, die schüchtern nach den immensen Kosten fragten, wurden entweder belächelt oder schroff mit den Erfolgsstatistiken der zurückliegenden Jahre belehrt.

Tatsächlich ging es im selbsternannten Übermorgenland Dubai fast immer bergauf. 12 000 Menschen zogen bis Anfang 2008 jeden Monat nach Dubai. Das Emirat am Persischen Golf wuchs schneller als jedes andere Land. Jeder sechste Kran der Welt stand in dem kleinen Wüstenstaat, in dem Hunderttausende von asiatischen Gastarbeitern für Hungerlöhne schuften mussten und damit den Grundstein für den Erfolg von Dubai legten.

Gigantomanie war in Dubai kein Schimpfwort. Man denke halt weiter als andere, hiess es, verfolge Visionen, die man lange vor ihrer Verwirklichung blendend vermarktete. Mehr als 40 Milliarden Euro wurden nach den Anschlägen des 11. September 2001 in Dubai angelegt. Vor allem arabische Investoren, aber auch steinreiche Iraner und Russen transferierten ihre Vermögen in das boomende Finanzzentrum Dubai, in dem nach Erkenntnissen westlicher Geheimdienste auch Schwarzgeld gewaschen und dann in 80-stöckige Bürogebäude investiert wurde. Dass in Dubai eines Tages zu viele Wolkenkratzer stehen könnten, wollte niemand wahrhaben. Schliesslich ging es ja aufwärts.

Wohnungen zu Schleuderpreisen

Das böse Erwachen kam mit der internationalen Finanzkrise, von der Dubai noch stärker betroffen war und ist als jedes andere Land der Welt. Die exorbitant hohen Büromieten fielen plötzlich ins Bodenlose. Und auch Eigentumswohnungen wollte niemand mehr haben. Sie werden inzwischen zu Schleuderpreisen angeboten, weil 300 000 Ausländer in den letzten 20 Monaten ihren Arbeitsplatz verloren. Saudische Milliardäre zogen sich zurück, weil sich das Emirat mit dem beständigen Übertrumpfen von Rekorden inzwischen selbst das Wasser abgegraben hatte. Es mache keinen Sinn mehr, schimpften sie, in das vermeintlich höchste Gebäude der Welt zu investieren, wenn einige Kilometer weiter ein noch höheres Gebäude geplant werde.
Hochgezogen werden sollten die bis zu 1,3 Kilometer (!) hohen Wolkenkratzer von der staatlichen Holdinggesellschaft Dubai World, die am Dienstagabend seine Gläubiger um einen Zahlungsaufschub von sechs Monaten gebeten hatte. Es geht um 3,5 Milliarden Dollar, die am 14. Dezember fällig gewesen wären. Weitere 4,9 Milliarden Dollar müssten bis Ende März 2010 getilgt werden. Die gesamten Schulden von Dubai World belaufen sich auf mindestens 59 Milliarden Dollar. Hinzu kommen 23 Milliarden Dollar Schulden der Regierung, die gestern auf einer ihrer Webseiten den Zahlungsaufschub als einen «schweren Gang» bezeichnete - und Optimismus verbreitete.

Ernst, aber nicht hoffnungslos

Die Lage sei ernst, aber nicht hoffnungslos. Die vielen Experten, die Dubai jetzt schlechtredeten, würden bei ihren tristen Analysen vergessen, dass das steinreiche Abu Dhabi Dubai nicht im Stich lassen werde. Das ist richtig. Die reichen Brüder in der Hauptstadt der Vereinigten Arabischen Emirate hatten Dubai im letzten Jahr bereits zehn Milliarden Dollar an Nothilfen bereitgestellt. Weitere fünf Milliarden sollen vor kurzem überwiesen worden sein; angeblich zu «extrem weichen Konditionen». Verschenken wird Abu Dhabi seine Petromilliarden aber nicht.
Der Preis, den die Herrscherfamilie in Abu Dhabi zur Abwendung des Staatsbankrottes in Dubai verlangen könnte, ist hoch: Die hoch verschuldeten Brüder sollen endlich kleinere Brötchen backen, das Pult des ersten Geigers am Golf doch bitte schön dem überlassen, dem es auch zusteht: nämlich Abu Dubai, das inzwischen ähnliche Pläne verfolgt wie Dubai und diese auch umsetzten kann. Abu Dhabi möchte Dubai mittelfristig als Zentrum für Finanzdienstleistungen in den Vereinigten Arabischen Emiraten ablösen. Ein hochmodernes Geschäftszentrum, das auf einer aufgeschütteten Insel im Persischen Golf entsteht, soll bereits in vier Jahren fertig gestellt sein. Internationale Firmen sollen mit niedrigen Mieten aus Dubai weggelockt werden. Und wer in Dubai bleiben möchte, soll künftig mit einer Hochgeschwindigkeitsbahn seinen neuen Arbeitsplatz in Abu Dhabi in weniger als 40 Minuten erreichen.