Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Lebensverlängernde Massnahmen: «Das kann zur Tyrannei des Überlebens führen»

Wann ist ein Medikament zu teuer? Ethikerin Ruth Baumann-Hölzle sagt, auch die Medizin muss unsere Endlichkeit akzeptieren.
Andreas Möckli
«Die Frage ist, welche medizinischen Leistungen die Gesellschaft finanzieren will»: Ruth Baumann-Hözle. Bild: Alex Spichale

«Die Frage ist, welche medizinischen Leistungen die Gesellschaft finanzieren will»: Ruth Baumann-Hözle. Bild: Alex Spichale

Die hohen Medikamentenpreise erhitzen die Gemüter regelmässig. Frische Nahrung hat die Debatte durch eine neue Gentherapie erhalten, die in den USA rund 2,1 Millionen Dollar kostet. Die Ethikerin Ruth Baumann-Hölzle, die sich seit Jahren mit Gesundheitsthemen beschäftigt, nimmt Stellung.

Die neuste Gentherapie von Novartis kostet mehr als 2 Millionen Dollar. Kann man dieses Preisschild rechtfertigen?

Ruth Baumann-Hölzle: Zentral ist die Wirksamkeit im Verhältnis zu den Kosten. Wir müssen uns als Gesellschaft einig werden, welches Verhältnis zwischen Kosten und Wirksamkeit wir uns leisten wollen. Für dieses Verhältnis müssten wir maximale Schwellenwerte festlegen.

Die Novartis-Therapie, die eine seltene Krankheit von Babys bekämpft, verspricht Heilung.

Es stellt sich die Frage, ob sich tatsächlich eine absolute Heilung einstellt. Sollte dies so sein, sprechen wir von einer hohen Wirksamkeit. Trotzdem stellt sich dabei die Frage, in welchem Verhältnis hier Kosten und Wirksamkeit stehen. Ist das Medikament sehr teuer, gibt es unter Umständen ein Verhältnis, das über dem Schwellenwert liegen würde. Gleichzeitig stellt sich die Frage, wie hoch der Aufwand für die Pharmaindustrie ist, um ein solches Medikament zu entwickeln und herzustellen.

Diese Zahlen legt die Pharmaindustrie jedoch nicht auf den Tisch.

Deshalb können wir auch nicht realistisch über die Kostenstruktur von Medikamenten sprechen. Im derzeitigen System dreht sich alles um die Zahlungsbereitschaft der Krankenkassen und letztlich der Gesellschaft und nicht um die tatsächlichen Entstehungskosten und die angemessene Preisfestsetzung.

So wie die Entwicklung aussieht, dürften weitere superteure Medikamente auf den Markt kommen.

Dreht sich die Kostenspirale im Gesundheitswesen so weiter wie bisher, ist das öffentliche Gesundheitswesen längerfristig nicht mehr finanzierbar. Daher müssen wir eine Debatte darüber führen, ob solche Medikamente, welche die Grundversicherung nicht mehr tragen kann, überhaupt angeboten werden dürfen. Eine solche Grenzziehung müsste aus Solidaritätsgründen ausnahmslos für alle Patienten gelten, also auch für solche, die sich das Medikament leisten könnten.

Das wäre ein radikaler Schritt.

Im Moment ist die Diskussion über die Preise fast nicht zu führen, da es überhaupt keine Transparenz über die Entstehungskosten von Medikamenten gibt. Untersuchungen zeigen, dass die Pharmaindustrie mit einzelnen Präparaten Gewinnmargen von bis zu 95 Prozent erzielt. Wenn wir die Gesundheit als öffentliches Gut verstehen, dann darf es nicht einzig und allein um Gewinnmaximierung gehen.

Letztlich stellt sich die Frage, was uns als Gesellschaft die Heilung eines Kleinkindes wert ist.

Nein, die Frage ist nicht, was ein Menschenleben wert ist, sondern welche medizinischen Leistungen die Gesellschaft finanzieren möchte. Eine grosse Wirksamkeit kann einen hohen Preis rechtfertigen, wenn hierfür der Entwicklungsaufwand einer Firma entsprechend gross ist. Allerdings gibt es ja nicht nur Kleinkinder mit der spinalen Muskelatrophie, es gibt viele andere Menschen mit anderen Krankheiten, die zu vergleichbaren Einschränkungen führen. Warum soll also einer Gruppe von Patienten sehr viel Geld zur Verfügung stehen und einer anderen weniger?

Sie sagen, die Gesellschaft müsse über diese Fragen diskutieren. Allerdings findet diese Debatte ja nicht einmal in der Politik statt.

Die Abhängigkeit der Politiker von der Industrie ist gross. Wir beobachten das auch in anderen Branchen, etwa in der Finanz- oder in der Autoindustrie. Deshalb wird diese Diskussion jeweils möglichst rasch beiseitegelegt. Es wird sich nichts ändern, solange die Politik so stark mit der Industrie verbandelt ist. Unsere Stiftung Dialog Ethik hat daher bereits 1999 ein erstes Manifest für eine faire Mittel- und Leistungsverteilung im Gesundheitswesen und jetzt den Schweizer Eid vorgelegt.

Müsste die Diskussion nicht zumindest von der akademischen Seite angestossen werden?

Auch dort haben wir Abhängigkeiten, denken Sie etwa an die Stiftungsprofessuren der Pharmafirmen. Die Branche hat zudem ein hohes Interesse, in den Spitälern vertreten zu sein. Wenn ein Patient in einem Spital ein Medikament erhält, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass er nach dem Spitalaufenthalt dasselbe Präparat einnehmen wird. Das ist ein kompaktes System, das nur sehr schwer zu ändern ist.

Wie lässt sich der Nutzen eines Medikaments konkret bemessen?

Aus meiner Sicht sollte man bewerten, welchen zusätzlichen Gewinn an Lebensqualität, Schmerzlinderung und Lebensverlängerung eine medizinische Massnahme im Vergleich zur Ausgangssituation bewirkt.

Gehen wir von einem Medikament aus, das eine zu 100 Prozent tödliche Krankheit heilt. Was sollte hier die Obergrenze sein?

Wir müssen als Gesellschaft definieren, wie viel Geld wir für das Gesundheitswesen ausgeben. Auch die Bildung spielt eine wichtige Rolle. Je besser eine Person gebildet ist, desto länger lebt sie. Deshalb müssen wir als Gesellschaft definieren, wie viel Geld dem Gesundheitswesen und anderen gesundheitsrelevanten Bereichen zugutekommen soll.

Eine andere heikle Frage ist der Umgang mit Krankheiten im Alter. Laut Studien entfallen bis zu 25 Prozent der Kosten auf die letzten drei Lebensjahre. Werden hier die Mittel richtig eingesetzt?

Am Lebensende verhalten wir uns wie Lottospieler. Wenn schon nur eine geringe Chance besteht, das Leben zu verlängern, sind wir bereit, fast alles zu bezahlen und zu erleiden.

Birgt die Kostendiskussion nicht auch die Gefahr, dass alte Menschen auf eine Therapie verzichten, weil sie der Gesellschaft und ihren Angehörigen nicht zur Last fallen wollen?

Diese Entwicklung beobachten wir auch mit Sorge, da unsere Stiftung Beratungen für Patientenverfügungen anbietet. Viele sagen, dass sie ihre Kinder finanziell nicht belasten wollen. Allerdings geht die Tendenz bei den jüngeren Senioren eher dahin, dass sie zunehmend mehr Leistungen einfordern.

Steht nicht auch die Ärzteschaft in der Verantwortung, nicht alles auszureizen?

Die Ärzte stehen ebenfalls unter Druck. Wenn ihr Lohn etwa an die Fallzahlen gekoppelt wird, sind der Druck und die Versuchung gross, mehr zu behandeln, als angemessen wäre. Auch die Spitäler stehen in der Verantwortung. Ein Spital verdient mit einer teuren Behandlung mehr als mit der palliativen Medizin. Dieses Beispiel zeigt auch, wie falsch die Anreize im Gesundheitswesen gesetzt sind. Wir bezahlen aus meiner Sicht einen sehr hohen Preis, wenn wir nicht bereit sind, auf gewisse lebenserhaltende Massnahmen zu verzichten. Und zwar in zweierlei Hinsicht.

Was meinen Sie damit?

Lebensverlängernde Massnahmen können zu grossem Leiden führen. Gerade am Lebensende wird auch in nach medizinischem Ermessen aussichtslosen Situationen medizinisch oft noch sehr viel unternommen, weil der Patient, die Angehörigen und auch das Behandlungsteam nicht loslassen können oder weil es finanziell lukrativ ist. Das kann zur Tyrannei des Überlebens führen. Die Medizin bleibt nur human, wenn die Endlichkeit akzeptiert wird. Der zweite Punkt ist die Gesundheitsförderung. Diese kann totalitäre Züge annehmen, wenn die Gesundheit als höchstes Gut betrachtet wird, dann gefährdet dies die menschliche Freiheit.

Sie meinen etwa Fitnessarmbänder und dergleichen?

Die Idee der Bonuspunkte-Programme der Krankenkassen zum Beispiel, mit denen die Kunden für gesundes Verhalten belohnt werden, widersprechen dem Solidargedanken und sind wohl der Anfang eines Malussystems. Oder wenn Gentests oder andere Gesundheitsdaten die Lebensführung zu bestimmen beginnen.

Was haben Sie mit sich selber ausgemacht, wenn es um lebensverlängernde Massnahmen geht?

Das muss natürlich jeder für sich abwägen. Ich betrachte dies im Rahmen meines ganzen Lebensbogens. Am jetzigen Punkt meines Lebens möchte ich, dass in komplexen Krankheitssituationen nicht mehr im Zweifel für das Leben, sondern im Zweifel für den Tod entschieden wird. Ich selber möchte nicht alles ausschöpfen wollen, weil ich sehe, wozu das führen kann. Wie heute zum Teil lebensverlängernde Massnahmen eingesetzt werden, hat für mich mit Menschlichkeit nichts mehr zu tun.

Zur Person

Ruth Baumann-Hölzle ist Mitbegründerin und Leiterin der Stiftung Dialog Ethik. Das Institut ist insbesondere auf Fragen rund um das Gesundheitswesen spezialisiert. Die 62-Jährige hat in Zürich und Genf Theologie studiert. Sie ist zudem Mitglied der Ethikkommission des Kantons Zürich und war von 2001 bis 2013 Mitglied der nationalen Ethikkommission im Bereich Humanmedizin. (mka)

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.