Soziologin Sophie Mützel über die Digitalisierung: «Das geht uns alle etwas an»

In welcher Zukunft wollen wir leben? Die Soziologin Sophie Mützel plädiert für eine Neuausrichtung von Politik und Wissenschaft – vor allem im Umgang mit den Herausforderungen der Digitalisierung.

Interview: Gregory Remez
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Sophie Mützel, Soziologin an der Universität Luzern. (Boris Bürgisser, Luzern, 19. Oktober 2018)

Sophie Mützel, Soziologin an der Universität Luzern. (Boris Bürgisser, Luzern, 19. Oktober 2018)

Sophie Mützel, «Mein Smartphone und ich» – so lautet die Überschrift des Podiums, das Sie morgen am KKL Luzern halten. Sie befassen sich ansonsten mit der Soziologie von Algorithmen und Big Data. Was hat Sie dazu bewogen, nun über das Smartphone zu referieren?

Mein Anliegen als Soziologin ist es, über die individuellen und gesellschaftlichen Dimensionen des technologischen Wandels zu sprechen. Dabei nehme ich die Position ein, dass wir über den Prozess, in dem wir uns ja bereits befinden, reflektieren müssen. Wir sollten uns mehr damit beschäftigen, wie das Digitale funktioniert und welche Auswirkungen es hat, statt uns einfach von der Technologie treiben zu lassen. Es geht um die zentrale Frage: Wie wollen wir in Zukunft leben? Das Smartphone ist nur ein sehr konkretes Element in unserem Alltag, das vieles von dem, was den digitalen Strukturwandel ausmacht, vereint.

Sie kündigen an, die Mechanismen der schleichenden Digitalisierung unseres alltäglichen Lebens zu beleuchten. Wie äussern sich diese?

Wir folgen aktuell einem bestimmten Digitalisierungsnarrativ. Es herrscht die Idee vor, dass prinzipiell alle Bereiche unseres Lebens digitalisiert werden können. Das wird unseren Alltag in vielerlei Hinsicht vereinfachen. So werden wir immer weniger Zeit für banale Tätigkeiten wie das Bezahlen im Supermarkt aufwenden. Daraus ergeben sich aber zwei zentrale Fragen. Erstens: Welche Daten fallen dabei an, und wie werden diese weiterverarbeitet? Und zweitens: Was machen wir mit dieser gewonnenen Zeit? Die Antwort darauf hat sehr viel damit zu tun, in welcher Zukunft wir leben wollen.

«Das Problem ist, dass wir genauso wenig wie Facebook und Google wissen, wie wir mit unseren Daten verfahren sollen.»

Hat die Soziologie Antworten darauf, wie wir mit dem Gefühl des Unbehagens umgehen sollten, das der digitale Strukturwandel auslöst?

Wir befinden uns momentan noch in einer Phase, in der wir erst herausfinden müssen, wie wir mit dem Digitalen umgehen. Das Unbehagen ist ein elementarer Bestandteil des Prozesses, diese neuen Normen, Praktiken und Routinen zu finden. Ein Problem dabei ist, dass wir nicht wissen, was die unbeabsichtigten Konsequenzen von all dem sind, was wir da tun. Es gibt beispielsweise heute Hinweise darauf, dass die Daten, die jetzt erhoben werden, später einmal bei Kreditvergaben oder der Ermittlung von Krankenkassenprämien eine Rolle spielen werden. Infolgedessen könnten sich ganz neue Ungleichheiten herausbilden.

Sie sind gerade dabei, an der Universität Luzern den Schwerpunkt «Medien und Netzwerke» aufzubauen. Hinken die Schweizer in Sachen Medienkompetenz hinterher?

Da sollte man differenzieren. In gewissen Bereichen ist die Schweiz bereits extrem weit, zum Beispiel was die Qualität der technischen Geräte und deren Möglichkeiten, etwa beim Kauf von Bahntickets, angeht. In anderen Bereichen wie der Vernetzung dieser Geräte oder dem bargeldlosen Bezahlen hinkt man dagegen anderen Ländern hinterher. Mir geht es vor allem darum, einen soziologischen Akzent zu setzen. Die Digitalisierung, und damit meine ich sowohl die Computerisierung von Prozessen als auch den Umgang mit den dabei anfallenden Daten, geht uns alle etwas an.

Nun geht es Datenriesen wie Google, Facebook, Baidu oder Tencent nicht nur darum, Anzeigen zu verkaufen. Sie wollen unsere Aufmerksamkeit binden, um Daten über uns anzuhäufen. Wir sind nicht nur Kunden, sondern auch Produkt. Was macht unsere Daten so wertvoll?

Es ist in der Tat so, dass gerne ausgeblendet wird, dass uns Dienste wie Facebook oder Google nicht gratis zur Verfügung gestellt werden, sondern dass wir durchaus dafür bezahlen – mit unseren Daten. Problematisch wird es, wenn Unternehmen damit beginnen, unsere digitalen Spuren mit Offline-Daten, etwa Registerdaten oder biometrischen Daten, zu verknüpfen. Das macht es ihnen leichter, nicht nur unsere vergangenen, sondern auch unsere künftigen Entscheidungen nachzuvollziehen. Weil wir alles Gewohnheitstiere sind, sind diese Berechnungen recht erfolgreich. Wir kennen das bereits heute in Form von Empfehlungsalgorithmen, zum Beispiel beim Kauf von Büchern auf Amazon.

Fachleute argumentieren, dass die Kontrolle des Datenstroms bald zur wichtigsten politischen Herausforderung unserer Zeit werden könnte. Würden Sie dem zustimmen?

Vieles, was den Datenschutz betrifft, ist noch nicht ausdiskutiert. Die neue Datenschutz-Grundverordnung der EU, die im Mai dieses Jahres in Kraft getreten ist, stellt jedoch einen ersten Schritt in die richtige Richtung dar. Sie zwingt die Technologieunternehmen dazu, sich damit auseinanderzusetzen, was es zum Beispiel heisst, transparent zu sein und Erklärungen zu liefern, warum welche Datenauswertungen zu den vorliegenden Ergebnissen führen.

Die Frage ist, ob die Unternehmen sich auch wirklich daran halten.

Im Fall von Facebook hat sich beispielsweise gezeigt, dass es gar nicht so einfach ist, Anforderungen der Transparenz zu genügen – auch wenn das Unternehmen dies will. Das hat damit zu tun, dass es immer schwieriger ist, die Datenströme von den algorithmischen Berechnungsprozessen zu trennen. Wenn nun Unternehmen von aussen dazu aufgefordert werden, Rechenschaft darüber abzugeben, wie deren Berechnungsmodelle im Detail aussehen, fehlt es ihnen in den meisten Fällen an dieser Kompetenz.

Wer sollte folglich den Besitz der Daten regeln?

Es ist natürlich wünschenswert, dass die Daten, die wir selber produzieren, uns gehören würden und nicht Unternehmen, die diese Daten dann auch noch an Dritte weiterverkaufen. Gerade im Bereich der Gesundheitsdaten gibt es auch in der Schweiz diverse Gruppen, die sich dafür einsetzen, dass die Rechte über diese Daten bei uns bleiben. Das Problem dabei ist, dass wir genauso wenig wie die Unternehmen wissen, wie mit diesen Daten umzugehen ist.

Wie behält man in der unübersichtlichen digitalen Welt den Durchblick?

Ich meine, dass sich die Politik sowie die Wissenschaft sich anders mit den Dingen befassen muss. Das Digitale rückt derart invasiv in unser Leben vor, dass es nicht ausreicht, eine zentrale Anlaufstelle für Digitalisierung zu gründen und dann zu hoffen, man sei gewappnet für die Zukunft. Die digitale Transformation ist nicht primär eine technische, sondern eine gesellschaftliche Herausforderung. Deshalb kann die Lösung der Probleme, die damit verbunden sind, nicht an eine einzelne Anlaufstelle ausgelagert werden. Es ist eine Zusammenarbeit auf allen Ebenen nötig – zwischen Wissenschafterinnen, Politikern, Juristinnen, Philosophen, Ingenieurinnen, Unternehmern.

Hinweis: Sophie Mützel (46) lehrt unter anderem zur Soziologie von Algorithmen, Big Data sowie sozialen Medien und baut den Schwerpunkt «Medien und Netzwerke» in der Universität Luzern auf. Am Donnerstag, 25. Oktober 2018, spricht sie am KKL Luzern über «die schleichende Digitalisierung unseres alltäglichen Lebens». Beginn des Podiums: 19 Uhr.