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Londoner «Anzüge» im Visier: das Geschäft mit dem Nickerchen

London entwickelt sich mehr und mehr zu einer veritablen 24-Stunden-Metropole. Ausgelaugte Grossstädter können sich nun ein Auswärts-Nickerchen leisten – für umgerechnet 24 Franken pro Stunde.
Gabriel Felder, London
So sehen die «Pop & Rest»-Zimmer für den Kurzschlaf mitten in London aus. (Bild:PD)

So sehen die «Pop & Rest»-Zimmer für den Kurzschlaf mitten in London aus. (Bild:PD)

«Pop & Rest» nennt sich die neuste Innovation auf dem urbanen Wellnessmarkt an der Themse. Das Konzept steckt noch in seinen Anfängen, und eine erste Filiale im Finanzdistrikt der City of London gilt als Versuchsballon. Die vier Schlafkammern sind betont dunkel eingerichtet. Dominiert von winterlichen Dunkelbrauntönen und nur gerade von einer Leselampe aufgehellt. Neben dem frisch angezogenen Einzelbett – Doppelbelegung strikte untersagt – warten eine Augenbinde und Ohrenstöpsel auf den erholungsbedürftigen Städter. Früchte, Kräutertee und eisgekühlten Kaffee gibt es gratis dazu.

Sauber, schlicht und unkompliziert, scheint die Devise zu lauten. Bei unserem Testbesuch an einem schwül-heissen Freitagnachmittag zwitscherten zudem tropische Vögel aus unsichtbaren Lautsprechern, sobald sich die Türe zum Schlummerparadies schloss.

«Anzüge» im Visier

Unser Versuchskaninchen hiess Wesley, ein 31-jähriger Beziehungsmanager bei einer internationalen Grossbank. «Ich hatte es satt, fast jeden Tag in der U-Bahn einzuschlafen», erklärt er lachend. «Und ich weiss von meinen Ferien, dass ein Nickerchen zur richtigen Zeit Gold wert ist.» Sein Verdikt kommt frisch und aufgeweckt: «Toll, echt genial. Ich war irgendwie zu rastlos, um wirklich einzuschlafen, aber genoss es, ein bisschen Ruhe und Zeit nur für mich zu haben.» Die Kabinen sind schallisoliert, und Londons Stosszeit mit ihrem Rattern und Dröhnen verschwindet aus dem Bewusstsein. «Das ist genau der Plan», erklärt Mitgründer Mauricio Villamizar. «Wir wollen unseren Kunden eine Erfahrung fernab vom Alltag geben. Die Welt soll draussen bleiben.» Die Welt besteht in diesem Fall vornehmlich aus Aktienhändlern, Finanzberatern und sonstigen «Anzügen», wie die vornehmlich männlichen Arbeiter in der City halb neckisch, halb bewundernd bezeichnet werden.

Villamizar sieht das Kundenpotenzial aber auch bei Business-Touristen, männlich oder weiblich: «Wir haben oft amerikanische oder chinesische Bankiers, die während zweier Stunden ihren Jetlag wegschlafen und sich für Sitzungen bereit machen», erklärt der gebürtige Kolumbianer. «Man muss allerdings nicht mit Finanzen oder Aktienmärkten zu tun haben, um bei uns ein Nickerchen zu machen. Jeder ist willkommen.» Gut so: Immerhin zieht sich das Phänomen von zunehmenden Schlafproblemen durch sämtliche westliche Gesellschaftsschichten. In der Wirtschaftsbilanz eines Landes lässt es sich auch beziffern: Dem Vereinigten Königreich allein gehen rund 200000 Arbeitstage pro Jahr durch die Lappen, da sich Leute nach schlaflosen Nächten vom Büro abmelden. Die Mühlen von flexibleren Arbeitsstrukturen, welche den Menschen gesamtheitlich und nicht nur aus der Perspektive von Nutzen und Produktivität betrachten, mahlen auch in grossstädtischen Kontexten noch allzu langsam.

Mauricio Villamizar sieht aber keine moralischen Konflikte, die sein Nickerchen-Service aufbringen könnte: «Unsere Mission ist einfach: Wir helfen Menschen, sich aufzufrischen und die Batterien wieder aufzuladen. Wir machen ein Bett verfügbar, wenn das Zuhause zu weit entfernt liegt.» Und wem umgerechnete 24 Franken pro Stunde schlicht und einfach zu teuer sind, kann sich für 30 Minuten und etwas mehr als 10 Franken hinlegen. Wesley sieht die Einrichtung als «kleinen Luxus für zwischendurch oder als Zwischenstopp vor dem Ausgang».

Grösserer Anklang in kühleren Monaten

Internationale Firmen wie Goo­gle, das Privattaxi-Unternehmen Uber oder Glace-Hersteller Ben and Jerry’s haben den Zusammenhang zwischen Arbeitsmoral und Nickerchen am Tag schon vor Jahren erkannt und sogenannte Schlummerzonen in die Bürogestaltung eingebaut. «Es gibt immer mehr Untersuchungen, die zeigen, dass sich ein 20-minütiges Nickerchen am Nachmittag für alle Beteiligten lohnt», führt die amerikanische Schlafexpertin und Psychologin Rita Aouad aus. «Konzentration und Gemütslage werden positiv beeinflusst, ohne Zweifel.»

«Pop & Rest» – hereinplatzen und ruhen – wollen es nicht bei ihrem Versuchsballon belassen. Die Suche nach Investoren, die ein ganzes Netzwerk von Filialen finanzieren sollen, läuft auf Hochtouren. Mauricio Villamizar und sein Team geben sich zuversichtlich und schauen sich derzeit nach geeigneten Lokalitäten im Wolkenkratzerviertel von Canary Wharf um. London gilt als Kernmarkt, während andere europäische Grossstädte wie Paris und Berlin in einer zweiten Welle folgen sollen. Gleichzeitig läuft momentan eine Werbekampagne, die «Super-Sommer-Ermässigungen» auf den Normalpreis verspricht – ein Hinweis darauf, dass die intensive Hitzewelle der vergangenen Wochen dem Businessmodell nicht unbedingt geholfen hat und das Nickerchen-Konzept in den kühleren Monaten wohl grösseren Anklang findet wird.

Ob sich urbane Schlaftankstellen als willkommene Einrichtung für eine gestresste Arbeiterschicht etablieren werden oder ob die Idee als gut gemeinter, aber kurzlebiger Gag in die Geschichte eingehen wird, bleibt abzuwarten.

Kapsel statt Sitzschlaf

Statt bei Flugverzögerungen auf den Wartebänken sitzend und eher unbequem zu dösen, kann man sich derzeit in über einem Dutzend Flughäfen weltweit – wie etwa in Hamburg und Amsterdam – in die GoSleep-Kapseln legen. Für zirka 10 Euro pro Stunde bietet das finnische Unternehmen müden Passagieren Schall- und Lichtschutz, die Möglichkeit, elektronische Geräte aufzuladen, eine sichere Verstauung für das Handgepäck – und vor allem eine horizontal ausfahrbare Liegefläche.

Flufhafen-Schlafkapseln der Firma GoSleep am Flughafen von Abu Dhabi. (Bild: Imago)

Flufhafen-Schlafkapseln der Firma GoSleep am Flughafen von Abu Dhabi. (Bild: Imago)

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