Das Haus wird zum Kraftwerk

Markus Schmidiger über die Möglichkeiten der erneuerbaren Energien nach dem beschlossenen Ausstieg aus der Atomenergie.

Markus Schmidiger
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Markus Schmidiger ist Dozent und Leiter des Competence Center Immobilienmanagement an der Hochschule Luzern. (Bild: LZ)

Markus Schmidiger ist Dozent und Leiter des Competence Center Immobilienmanagement an der Hochschule Luzern. (Bild: LZ)

Die Energiewende ist ­beschlossene Sache. Erneuer­bare Energien sollen massiv ausgebaut werden. Das macht nicht nur ökologisch Sinn. Auch volkswirtschaftlich und politisch ist der Verzicht auf fossile Energie weise: Wir müssen nicht mehr massive Beträge an Potentatenstaaten überweisen, deren Politik unseren Interessen zuwiderläuft.

Eigentlich hat die Welt gar kein Energieproblem. Energie ist sogar die einzige Ressource, die uns im Überfluss zur Verfügung steht: Der weltweite Energieverbrauch entspricht etwa 0,007 Prozent der gesamten durch die Sonneneinstrahlung auf die Welt fallenden Energiemenge. Die grosse Frage ist allerdings, wie diese Energie in Nutzenergie umgewandelt und dorthin gebracht und gespeichert werden kann, wo sie gebraucht wird.

Die Leistungen von Solarpanels steigen laufend, während die Preise massiv sinken. Das deutsche Fraunhofer-Institut geht davon aus, dass solar erzeugte Elektrizität bis 2050 maximal 2 Cent pro Kilowattstunde, also weniger als ein Drittel von heute, kosten wird. Da Ähnliches auch für andere Formen der regenerativen Energieerzeugung gilt, ist davon auszugehen, dass elektrische Energie in 30 bis 40 Jahren praktisch unbeschränkt und zu sehr tiefen Preisen zur Verfügung steht, insbesondere da sich parallel dazu auch die Speichertechnologien weiterentwickeln und vergünstigen.

Immobilien spielen eine gewichtige Rolle in der Energiediskussion: Über 40 Prozent des Energieverbrauchs in der Schweiz gehen auf Immobilien zurück. Dämm- und Energievorschriften wurden folgerichtig in den letzten Jahren verschärft. Aber auch Technologien zur Energieerzeugung und Verbrauchsreduzierung entwickeln sich laufend weiter.

In Brütten steht seit kurzem das erste energieautarke Mehrfamilienhaus der Schweiz. Es bezieht seinen kompletten Energiebedarf aus der Sonne und verfügt weder über einen Stromnetzanschluss noch andere Energiequellen wie Öl oder Gas. Mit der Sonne wird nicht nur geheizt. Auch die Energie für die Haushaltgeräte sowie für zwei Elektroautos wird selbstständig erzeugt.

Sowohl Dach als auch Fassade bestehen aus Fotovoltaikzellen, sodass eine Stunde Sonne pro Tag reicht, um den gesamten Energiebedarf der Bewohner abzudecken. Das Speicherproblem wird vielfältig gelöst: Kurzfristig wird überschüssige Energie in Batterien gespeichert, zum Saisonausgleich wird im Sommer Wasserstoff produziert, mit dem im Winter über Brennstoffzellen wieder Strom erzeugt wird. Durch ausgeklügelte Wärmedämmung und effiziente Haushaltgeräte wird der Energieverbrauch so weit wie heute möglich minimiert.

Verschiedene Komponenten sind auch andernorts schon im Einsatz, teilweise in wesentlich grösserem Massstab. Das neu entwickelte Quartier Suurstoffi in Rotkreuz etwa verfügt über ein sogenanntes Anergienetz, mit dem im Sommer überschüssige Wärme gespeichert und im Winter wieder abgerufen werden kann. Die Optimierung auf Quartierebene ist doppelt interessant: Büro- und Wohngebäude haben zu unterschiedlichen Tages- und Jahreszeiten einen sehr unterschiedlichen Elektrizitäts-, Wärme- und Kältebedarf. Dank dem Einsatz intelligenter Technik wird das Quartier ohne CO2-Emissionen betrieben.

Mit den neuen Möglichkeiten des «Internet of Things» können Geräte miteinander vernetzt werden. Damit können sie sich selbst und vorausschauend steuern. Es gibt bereits erste Haussteuerungen, die sich selbstlernend an das Nutzerverhalten anpassen. In Kombination mit dem automatischen Abgleich mit der Wettervorhersage wird damit eine vorausschauende Temperaturführung mit maximaler Energieeinsparung möglich.

Erste modulare sogenannte Aktivhäuser fast ausschliesslich aus Holz und rezyklierbaren Materialien kommen auf den Markt. Dank computerisierter Planung und industrieller Fertigung können Kosten und Bauzeit gegenüber heute reduziert werden. Integrierte Solarpanels sowohl auf dem Dach als auch in der Fassade liefern mehr Strom, als das Haus selbst braucht. Das Vorzeigehaus in Brütten wird nicht lange ein Solitär bleiben.

Damit zeigt sich aber auch, dass die am letzten Wochenende angenommene Energievorlage ein ordnungspolitischer Sündenfall ist. Zusätzliche Subventionen wären kaum notwendig. Bei dezentraler Energieerzeugung rücken die Fragen der Netzstabilität, des Lastausgleichs, der Speicherung und der Spitzenabdeckungen ins Zentrum. Die Energiepolitik muss sich anpassen, die grossen Energieversorger und Netzbetreiber müssen sich neu erfinden. Dieser Schritt wird schwieriger, schmerzhafter, aber wesentlich wichtiger als das Geldverteilen vom letzten Wochenende.

Hinweis

Markus Schmidiger ist Dozent und Leiter des Competence Center Immobilienmanagement an der Hochschule Luzern.

Markus Schmidiger

wirtschaft@luzernerzeitung.ch