Strukturwechsel
Das langsame Sterben der Reisebüros - gebucht wird auf Onlineportalen

Das Internet ist für viele Reisewillige längst zum vertrauten Buchungskanal geworden. Auch die ältere Generation vergleicht Preise von Flügen, Hotels oder Mietautos auf Online-Portalen. Den Gang ins Reisebüro überlegt man sich zweimal.

Thomas Schlittler
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Ob Stadt oder Land, gross oder klein: In den letzten Jahren sind Reisebüros jeglicher Couleur verschwunden.

Ob Stadt oder Land, gross oder klein: In den letzten Jahren sind Reisebüros jeglicher Couleur verschwunden.

Diese Entwicklung hat die Branche hart getroffen. In den letzten zwölf Jahren sind mehr als vier von zehn Reisebüros verschwunden. Und der Strukturwandel ist noch nicht abgeschlossen: Auch 2013 haben wieder zahlreiche Schweizer Reisebüros ihre Türen für immer geschlossen. Gemäss Zahlen des Aargauer Katalogversandspezialisten Markus Flühmann AG gab es Ende 2012 2129 Reisebüros, Anfang September 2013 waren es noch 2080. Das entspricht einem Rückgang von 2,3 Prozent. Zahlen für das ganze Jahr sind noch nicht verfügbar.

Qualität vor Quantität

Im Vergleich zu den Vorjahren fiel der Reisebüroschwund 2013 zwar moderat aus. Die Talsohle scheint aber noch immer nicht erreicht. Trotzdem ist von Walter Kunz, dem Geschäftsführer des Schweizer Reise-Verbands (SRV), kein Klagelied zu hören: «Es ist nicht so schlimm, dass es heute weniger Reisebüros gibt als früher.» Für die betroffenen Angestellten sei das zwar hart, grundsätzlich sei es ihm aber lieber, wenn weniger Reisebüros auf dem Markt seien – dafür aber gesunde.

Ein weiterer Grund für die Gelassenheit von Kunz ist, dass in den letzten fünf Jahren prozentual mehr Reisebüros ohne Kundengeldabsicherung verschwunden sind als solche mit Kundengeldabsicherung (Erklärung siehe Kontext). Kunz vertritt die Interessen seiner Verbandsmitglieder – und die haben alle eine Kundengeldabsicherung. «Wenn Reisebüros ohne Kundengeldabsicherung dichtmachen müssen, ist mir das ganz recht», so Kunz. Seiner Meinung nach verschaffen sich diese nämlich einen ungerechtfertigten Wettbewerbsvorteil.

Ob mit oder ohne Kundengeldabsicherung – was braucht ein Reisebüro, um im Internetzeitalter bestehen zu können? «Es gibt kein Patentrezept. Jeder muss seine eigene Strategie entwickeln», sagt Kunz. Hilfreich sei aber sicher eine klare Spezialisierung. «Ich kenne einen Ozeanien-Spezialisten, der die Leute an andere Reisebüros verweist, wenn sie sich für eine andere Region interessieren.» Das funktioniere, erfordere aber Mut.

Reich wird niemand

Doch auch diejenigen Reisebüros, die bestehen können, werden deswegen noch lange nicht reich. Gemäss Zahlen des SRV schwankte die durchschnittliche Nettorendite der Schweizer Reisebüros in den letzten Jahren zwischen 0,8 und 1,2 Prozent. In anderen Branchen würde man für eine solche Rendite nicht einmal aufstehen. Kunz: «Mit dem Reisegeschäft lässt sich kaum Geld verdienen. Jeder lebt mit dem Minimum.»

Die bescheidenen Gewinnaussichten haben Probleme bei der Nachfolgeregelung zur Folge. Viele Reisebüro-Inhaber, die sich dem Pensionsalter nähern, haben grosse Mühe, ihr Lebenswerk verkaufen zu können. Zur geringen Rendite kommt nämlich erschwerend hinzu, dass mit dem Ausscheiden des Inhabers auch sehr viel Know-how verloren geht. Zudem muss mit einem Verlust von Stammkunden gerechnet werden – gerade in ländlichen Regionen halten diese dem Reisebüro nämlich oft aus Sympathie gegenüber einzelnen Mitarbeitern die Treue.

Der Schweizer Reise-Verband stellt bei der Konkurs-Statistik allerdings keine Unterschiede zwischen Stadt und Land fest. Was den städtischen Reisebüros an Stammkundschaft fehlt, machen sie mit der Laufkundschaft wett. Auch betreffend Grösse der verschwundenen Reisebüros gebe es keine klaren Tendenzen, so SRV-Geschäftsführer Kunz.