Frankenstärke
Das Leben nach dem Mindestkurs könnte hart werden

Eine Umfrage der Konjunkturforschungsstelle der ETH (KOF) lässt wenig Gutes erahnen. Die Unternehmen haben bisher mit Preissenkungen auf den Frankenschock reagiert. Jetzt müssen die Kosten angepasst werden – auch beim Personal.

Tommaso Manzin
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Stimmungstief trotz verlockendem Angebot: Den Konsumenten ist nicht nach Einkaufen zumute.christian Beutler/KEY

Stimmungstief trotz verlockendem Angebot: Den Konsumenten ist nicht nach Einkaufen zumute.christian Beutler/KEY

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Wer noch nicht an den Sonderfall Schweiz glaubte, erhielt in der Finanzkrise nach 2008 eine weitere Chance, sich bekehren zu lassen: Die Schweiz erholte sich schneller als der Rest der Welt von der grössten Krise seit der Grossen Depression der 1930er-Jahre. Ein wahrlich auserwähltes Land. Dafür gibt es auch ohne göttliche Vorsehung gute Gründe, etwa die sprichwörtliche Stabilität und das wirtschaftsfreundliche Umfeld. Und will man eine höhere Macht ins Spiel bringen, findet man sie auch in der Schweiz spätestens seit dieser Finanzkrise in der Notenbank.

Anders als hierzulande folgte in der Eurozone auf die Finanz- die Schuldenkrise. Aus Angst vor einem Zusammenbruch des Euros floh immer mehr Geld in die Schweiz, der Franken wertete sich stetig auf. Der Schweiz drohte ihr eigener Erfolg zum Verhängnis zu werden: Vor der Krise handelte das Währungspaar zeitweise über Fr. 1.50 pro Euro. Nun bewegt es sich immer weiter Richtung Parität: ein Franken für einen Euro. Die Exportindustrie war besorgt, die schweizerische Nationalbank (SNB) erkannte die Gefahr einer starken Rezession mit einer Abwärtsspirale bei den Preisen (Deflation). Am 6. September 2011 führte die SNB den Mindestkurs von Fr. 1.20 für einen Euro ein.

Warum die Eurountergrenze fiel

Das Paradies war gerettet. Und alle vergassen, dass es sich um eine Krisenmassnahme handelt, die nicht ewig währt. Sie war mit der Hoffnung verbunden, dass sich der Sturm um die Insel der Glückseligen von selbst wieder legen würde.

Die Lage in der Eurozone besserte zwar tatsächlich. Doch noch bevor sie sich normalisiert hatte, kochte die Krise 2014 mit dem drohenden Bankrott Griechenlands erneut hoch. Die SNB bekam kalte Füsse. Sie hatte zur Schwächung des Frankens bereits so viel Euros gekauft, dass sich ihre Bilanz –relativ zur Wirtschaftsleistung – weiter aufgebläht hatte als in jeder anderen grossen Zentralbank. Sie sah in den drohenden Verlusten auf den Europositionen die grössere Gefahr als in einer darbenden Exportindustrie. Diese hatte in ihren Augen Zeit gehabt, sich auf das Ende des Mindestkurses vorzubereiten.

Am 15. Januar hob sie den über drei Jahre mit gezogenem Schwert verteidigten Euromindestkurs auf. Ein Schock. Das Paradies musste über Nacht schliessen, zumindest vorläufig: Der Euro fiel innert Minuten wie ein Stein unter die Parität. Die SNB versuchte sich in Schadenbegrenzung: Der Franken werde sich abwerten, er sei fundamental immer noch zu teuer.

Zwar bewegte sich der Wechselkurs zeitweise in Richtung 1.10. Nach den apokalyptischen Szenarien kehrte zunächst so etwas wie Ruhe ein. Die Hotellerie erweist sich mit ihrem eben erst veröffentlichten Halbjahresausweis noch immer als erstaunlich robust. Doch dürfte die Ruhe trügerisch sein. Auch in der Industrie hat es Zeit gebraucht, bis der Frankenschock in den Geschäftszahlen ankam.

Konjunktur trübt sich ein

Die am Mittwoch veröffentlichte Umfrage der Konjunkturforschungsstelle der ETH (KOF) lässt jedenfalls wenig Gutes erahnen: Bisher haben die Unternehmen vor allem mit Preissenkungen auf die wechselkursbedingte Einbusse in ihrer Wettbewerbsfähigkeit reagiert. Dadurch gingen die Erträge zurück, jetzt müssten die Kosten angepasst werden, schreibt die KOF, wohl vor allem durch Stellenabbau.

Nicht nur in der Konjunktur, auch in der Preisstabilität, deren Wahrung die Hauptaufgabe der SNB ist, hat sich nichts zum Guten gewendet: Die SNB hat den Mindestkurs mit der Begründung eingeführt, es herrsche Deflationsgefahr. Und sie liess danach keine Pressekonferenz aus, um die Gefahr einer negativen Preisspirale und die Notwendigkeit des Mindestkurses zu betonen – nur am 15. Januar nicht. Dies, obwohl die SNB noch im Dezember eine negative Teuerung für 2015 prognostizierte. Die am Mittwoch veröffentlichen Daten des Bundesamts für Statistik (BFS) zeigen, dass sich am deflationären Umfeld nichts geändert hat: Der Landesindex der Konsumentenpreise (LIK) erreichte im Juli den tiefsten Stand seit Oktober 2007.

Konsumenten nicht in Kauflaune

Trotzdem scheinen sich die Konsumenten auf weniger paradiesische Zustände einzurichten: Der am Donnerstag vom Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) veröffentlichte Konsumentenstimmungsindex ist auf dem tiefsten Stand seit dreieinhalb Jahren aufgeschlagen. Die Konsumenten haben laut Seco wegen der konjunkturellen Eintrübung Angst, die Arbeitslosigkeit könnte steigen – nicht ohne Grund, wie der am Donnerstag publizierte Beschäftigungsindikator der KOF zeigt: Das aus Unternehmensumfragen resultierende Barometer lässt erwarten, dass wie schon im Juni auch im Juli mehr Unternehmen mit Stellenabbau als -aufbau rechnen. Wenig überraschend: Betroffen seien vor allem jene Branchen, die stark unter der Frankenaufwertung leiden.

Dass nicht alles ausgestanden ist, legen auch jene Indikatoren nahe, die der realen Wirtschaftsentwicklung vorlaufen. Der prominenteste darunter ist der Einkaufsmanagerindex PMI. Der Juli-Wert von 48,7 bedeutet, dass die Wirtschaftsleistung in den nächsten Monaten schrumpfen sollte. Die schlimmsten Befürchtungen sind zwar nach dem Frankenschock nicht eingetreten – es gibt ein Leben nach dem Mindestkurs. Aber die Hinweise verdichten sich, dass es doch etwas mehr Hölle als Himmel sein könnte.