Digitalisierung
Das neue Gesicht der Schweizer Industrie

Der Einsatz von moderner Software verändert die Industrieprodukte. Das hat auch Folgen für die Schweiz. Diese muss ihr Potenzial erkennen und die sich bietende Chance nutzen.

Fabian Hock
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Die Industrie und ihre Produkte verändern sich. Softwarebasierte Güter dominieren heute in vielen traditionellen Industriezweigen die Produktion.

Die Industrie und ihre Produkte verändern sich. Softwarebasierte Güter dominieren heute in vielen traditionellen Industriezweigen die Produktion.

ABB

Göran Lindahl hatte eine Vision. Der frühere ABB-Chef wollte den Industriekonzern zum «Wissenskonzern» umbauen. Das Vorhaben bekam den Namen «Projekt Alpha». Es beinhaltete den radikalen Umbau des Traditionshauses. Lindahl mistete aus. Er verkaufte das Nukleargeschäft, trennte sich von der Eisenbahn-Sparte. Über 50 000 Leute wurden entlassen, als ABB eine Tochterfirma nach der anderen abstiess. Betroffen war hauptsächlich die Schwerindustrie. Lindahl sah in ihr keine Zukunft. Stattdessen setzte er auf intelligente Software. Binnen kürzester Zeit beschäftigte ABB 30 000 Softwareingenieure. Der Industriekonzern wollte sich für das Internetzeitalter fit machen. Das war Ende der 1990er-Jahre. Lindahl war damals seiner Zeit voraus. Der Konzern rutschte in die roten Zahlen. Das «Projekt Alpha» scheiterte.

Heute hat ABB wieder eine Vision. Die ist nicht so tiefgreifend, aber dafür erfolgversprechender als «Projekt Alpha». Denn dieses Mal setzt ABB wohl zur richtigen Zeit auf die neuen Technologien. Letzten September verkündete der Konzern seine Strategie für die kommenden Jahre. Die Bereiche Beratung und Engineering, Software und Value-Added-Services sollen vorangetrieben werden.

Nicht mit einem radikalen Umbau wie unter Lindahl, sondern eher schleichend hat sich ABB für die neue Ära der industriellen Produktion aufgestellt. Diese neue Ära hört auf den Namen Digitalisierung.

Welch gewaltige Veränderungen in dieser neuen Ära auf uns warten, erklärt Roman Boutellier, Professor für Innovations- und Technologiemanagement an der ETH Zürich und früher selbst Chef eines Industriekonzerns, mit einem Verweis auf die Erdgeschichte: Vor 500 Millionen Jahren fand ein Ereignis statt, das als «Kambrische Explosion» bekannt geworden ist. In einem kurzen Zeitraum von etwa 10 Millionen Jahren, zu Beginn des Kambriums, traten praktisch alle heutigen Tierstämme erstmals auf. Eine schlagartige Vervielfachung der Arten fand damals fast gleichzeitig statt. «Was wir heute erleben, ist nichts weniger als eine neue Kambrische Explosion», sagt Boutellier. Nur nicht mit Tieren, sondern mit Software.

Ohne Software geht nichts mehr

Davon betroffen ist auch die Industrie. Was ABB damals schon wusste: Ohne Software geht heute gar nichts mehr. «Ein normales Mittelklasseauto hat heute über 10 Millionen Programmzeilen», sagt Boutellier. «In der Programmierung eines künstlichen Atemgeräts stecken 300 Mann-Jahre Arbeit.» Auch die Zeiten des rein mechanischen Aufzugs des Schweizer Traditionsbetriebs Schindler seien vorbei. Heute ist der Lift mit dem Internet verbunden und macht selbstständig Meldung über notwendige Wartungsarbeiten.

Schindler ist, wie ABB, in der neuen Welt angekommen. Das deutsche «Handelsblatt» und die Universität St. Gallen verliehen dem Liftbauer jüngst den «Digital Business Innovation Award 2015» für den Einsatz von innovativen digitalen Technologien. So geht jeder der 20 000 Feldmitarbeiter des Ebikoner (LU) Unternehmens mit seinem iPhone und dem darin programmierten Werkzeugkoffer los, um Wartungs- und Modernisierungsarbeiten durchzuführen.

Schindler hat für IT-Angelegenheiten die Tochterfirma Schindler Digital Business gegründet. Und auch ABB ist vorbereitet: In Dättwil (AG) betreibt der Konzern ein Forschungszentrum mit über 200 Mitarbeitern und 160 Diplomanden und Studenten. Von dort aus wechseln die IT-Spezialisten direkt in die einzelnen ABB-Divisionen.

Die Bedeutung der Software für die Industrie unterstreicht Kai Gramke, Experte für technische Entwicklung beim Beratungsunternehmen Bakbasel. «Der Digitalisierungsanteil in den klassischen Industrien nimmt zu, die ursprünglichen Kernbereiche geraten immer mehr in den Hintergrund», sagt Gramke. Bei den Präzisionsgütern, zu denen beispielsweise Produkte aus der Medizintechnik zählen, stelle die Digitalisierung bereits mehr als die Hälfte der technologischen Grundlagen. «Das verändert die Industrie», sagt Gramke. Die Firmen konzentrierten sich immer weniger auf den Verkauf ihrer Maschinen. Das Geschäft wandere zum Kunden, dem der Produzent keine Maschine, sondern Dienstleistungen verkauft. Die Maschine steht dann nur noch auf Zeit beim Kunden. «Das geht so weit, dass ein Schweizer Hersteller von Kompressoren seinen chinesischen Kunden keine Anlagen mehr verkauft, sondern nur noch komprimierte Luft und dieses Geschäft von der Schweiz aus steuern kann», so Gramke.

Veränderungen in der Struktur

Der Wandel in der Industrie macht sich auch in der Struktur der Firmen bemerkbar. Die Industriekonzerne bauen eigene IT-Abteilungen auf und setzen auch bei den Ingenieuren verstärkt auf Computerkenntnisse. Laut ABB-Sprecher Antonio Ligi hat heute jeder dritte Mitarbeiter mit diesen Bereichen zu tun. Entwickelt werden speziell auf die Produkte zugeschnittene Steuerungsprogramme. Die vormals rein mechanischen Produkte verschmelzen mit der firmeneigenen Software.

Für die Schweiz ergeben sich daraus völlig neue Möglichkeiten, sagt Branchenexperte Gramke. Mit der zunehmenden Bedeutung von Software im Produktionsprozess, steigen die Anforderungen an die Mitarbeiter. Die Schweiz sei hier gut aufgestellt. Gleiches gelte für die Fachkräfte-Ausbildung. Und etwas Weiteres komme hinzu: «Die Digitalisierung verändert die Produktionsstätten», sagt Gramke. Sie brauchen künftig weniger Platz, stattdessen aber eine gute Anbindung an die Infrastrukur und Marktnähe. Den gut ausgebauten Standorten in der Schweiz könnte dank der explosionsartigen Vermehrung von Software eine neue Welle der Industrialisierung bevorstehen — sofern sie die sich ihr bietenden Chancen nutzt.