Lenzburg/Indien
Das neue Projekt der ABB - mit indischen Adern und Lenzburger Herzen

Ein neues Energieprojekt von ABB soll 90 Millionen Inder mit Strom versorgen. Eine besondere Rolle spielt dabei die Technologie aus dem Aargau.

Fabian Hock
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Homer Simpson in Assam: Sicherheit wird auf dem ABB-Gelände in Biswanath Chariali gross geschrieben - und humorvoll vermittelt.

Homer Simpson in Assam: Sicherheit wird auf dem ABB-Gelände in Biswanath Chariali gross geschrieben - und humorvoll vermittelt.

Keystone

Wie vertreibt man sich eigentlich die Zeit im nordöstlichsten Zipfel Indiens, zwischen Bangladesh, Myanmar und den gewaltigen Bergen des Himalaya? Lars Kilstrom überlegt kurz und antwortet mit einem schelmischen Lächeln: «Wir haben einen Pool.»

Kilstrom ist 31 Jahre alt und Chef des neuen ABB-Umspannwerks in Biswanath Chariali im indischen Bundesstaat Assam. Seit dreieinhalb Jahren ist der Schwede in der Region zu Hause. Zusammen mit zwei Dutzend Mitarbeitern wohnt er in einer kleinen Siedlung auf dem Werksgelände – auch deshalb, weil die Anreise von ausserhalb ein kleines Abenteuer ist.

Auf einer langen Reise - hier der Mount Everest.
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Beim Anflug von Neu Dehli: mit Blick auf den Fluss Brahmaputra.
Vom Militärflughafen in Tezpur, der ganz sicher schon bessere Zeiten gesehen hat, geht es weiter mit dem Bus Richtung Osten.
Auf der Fahrt zum ABB-Umspannwerk.
Das Umspannwerk in Agra in Zentralindien: Hier kommt der Gleichstrom... ....aus dem Nordosten an und wird über Dutzende Masten als Wechselstrom in der Region verteilt.
Das Kontrollzentrum des ABB-Umspannwerks. Ein baugleiches steht am Zielort in Agra.

Auf einer langen Reise - hier der Mount Everest.

Fabian Hock

Vorbei am Dach der Welt
Der Anflug aus der indischen Hauptstadt Neu Delhi dauert zweieinhalb Stunden, vorbei am höchsten Berg der Erde, dem Mount Everest. Vom Militärflughafen in Tezpur, der ganz sicher schon bessere Zeiten gesehen hat, geht es weiter mit dem Bus Richtung Osten, die letzten Kilometer entlang des mit unzähligen Inseln durchzogenen Flusses Brahmaputra. Die Region ist bekannt für ihren kräftigen Schwarztee, weniger jedoch für moderne Ingenieurskunst.

Die kleine Strasse zwischen Flughafen und ABB-Gelände ist gesäumt von Teeplantagen. Am Strassenrand verkaufen Bauern Bananen, Granatäpfel und Gemüse, in den Dorfzentren wirbt Vodafone mit günstigen Handyverträgen. Entlang der Strasse tragen Frauen in eleganten Saris ihre Einkäufe auf dem Kopf nach Hause, Schüler in glattgebügelten Uniformen bahnen sich ihren Heimweg durch die vielen Kühe und Ziegen, die zwischen dem Müll in den Strassengräben nach frischem Grünzeug suchen.

Auf der Strasse selbst herrscht, wie fast überall in Indien, das «organisierte Chaos», wie man hier sagt. Dem westlichen Besucher erschliessen sich recht schnell zumindest drei der wichtigsten Verkehrsregeln: Hupen in sehr kurzen Abständen ist ein absolutes Muss, der Glaube an Reinkarnation prägt die Fahrweise der meisten Verkehrsteilnehmer stärker als die Angst vor dem eigenen Ableben. Und wenn eine Kuh ihren Mittagsschlaf mitten auf der Fahrbahn hält, dann fahren Autos, Motorräder und Rikschas einfach drum herum.

Aus dem Boden gestampft
Das riesige Strom-Verteilzentrum in Biswanath Chariali will dann auch nicht so richtig ins Bild passen, als es nach zwei Stunden Fahrtzeit endlich erreicht ist. Für die Bevölkerung in Indien, wie auch für ABB, ist die Anlage jedoch schon jetzt ein Erfolg.

«Vor vier Jahren war hier noch gar nichts», sagt Kilstrom. Jetzt stehen auf dem 900 mal 600 Meter grossen Areal Dutzende Strommasten und Transformatoren. Das Umspannwerk ist die Bergstation von ABBs North-East-Agra-Projekt (NEA): Von Wasserkraftwerken im nahegelegenen Himalaya erzeugter Wechselstrom wird in der Anlage in Biswanath Chariali gesammelt und in Gleichstrom umgewandelt.

Dieser lässt sich über grosse Distanzen verlustarm transportieren. Über einen ganzen Wald aus Masten kommt der Strom herein, in einem einzigen Kabel verlässt er das Werk auf der anderen Seite in Richtung Zentralindien. In der 1728 Kilometer entfernten Millionenstadt Agra, der Heimat des berühmten Taj Mahal, kommt er an. Im dortigen fast baugleichen Umspannwerk wird der Gleichstrom wieder in Wechselstrom verwandelt und auf Häuser und Fabriken in der Region verteilt.

Bei dem Projekt arbeitet ABB eng mit indischen Partnern zusammen. Das Übertragungskabel und die zugehörigen Masten wurden von regionalen Unternehmen errichtet – die Hauptschlagader nach Agra und die Kabel für das Verteilnetz sind indisch. Auch der Betreiber der Anlage ist ein indischer Konzern. Die wichtigsten Komponenten kommen jedoch von ABB, wahlweise aus der Schweiz oder aus Schweden. Das Herz des Ganzen stammt aus dem Aargau.

Das Wichtigste aus Lenzburg
Im ABB-Halbleiterwerk in Lenzburg werden die wichtigsten Elemente für die Umwandlung von Wechsel- in Gleichstrom gefertigt. 1296 dieser sogenannten «Thyristoren» sind in der Konverterhalle der Umspannstation verbaut. Über Lenzburg gehen sie zunächst nach Schweden, werden dort geprüft und in Module verpackt. Von dort geht weiter nach Indien — die letzten Kilometer per Lastwagen über die holprigen Strassen von Assam.

Zum Lenzburger Werk hat sich ABB-Chef Ulrich Spiesshofer im Gespräch mit der «Nordwestschweiz» ausdrücklich bekannt. «Hervorragend positioniert» sei das Kompetenzzentrum in Lenzburg, sagte er. Dies, weil die ABB-Technik zunehmend gefragt ist.

Der Zürcher Technologiekonzern hofft in Sachen Energie besonders auf zwei Entwicklungen: Zum einen setzt die Welt auf erneuerbare Energien, was die Komplexität im Stromnetz erhöht. Dezentrale Stromerzeuger, Häuser, die nicht nur Strom aus dem Netz ziehen, sondern etwa über eine Solaranlage auf dem Dach selbst ins Netz einspeisen — all dies verlangt nach intelligenten, automatisierten Lösungen in der Stromübertragung.

Zum anderen wächst der Energiehunger der Schwellenländer wie China und Indien trotz des leicht schwächeren Wirtschaftswachstums der letzten Zeit stetig. Und mit dem Energiehunger steigt der Bedarf an besseren Übertragungsnetzen.

300 Millionen Inder ohne Strom
Wie gross das Potenzial allein in Indien ist, zeigt die Tatsache, dass 300 Millionen Menschen im Land noch keinen Zugang zu Elektrizität haben. Die Hälfte der 1,2 Milliarden Inder wird nicht rund um die Uhr mit Strom versorgt. Der Fokus auf erneuerbare Energien, etwa auf Wasserkraft aus dem Himalaya, könnte ABB weitere Aufträge einbringen.

Dabei ist der Subkontinent für ABB mehr als nur ein Absatzmarkt. Konzernchef Spiesshofer gewährte in Neu Delhi Einblick in seine Indien-Pläne. Demnach sollen künftig von Indien aus die Märkte in Südostasien und in Afrika beliefert werden. ABB-Chef Spiesshofer betont, man habe in der neuen Konzernstruktur nicht ohne Grund die Märkte Asien, Nahost und Afrika zusammengelegt und von den anderen beiden Regionen Europa und Amerika getrennt.

Indiens Produktionsstätten soll dabei die entscheidende Rolle zukommen: Man wolle in Afrika nicht zusätzlich qualitativ hochwertigen Werke errichten, sondern die bereits gut ausgestatteten Werke in Bangalore oder in Chennai weiter ausbauen und von hier aus die Produkte in die betreffenden Regionen liefern.

Erst vor wenigen Tagen kündigte ABB an, die Zahl der Mitarbeiter im «Engineering- and Operations-Center» in Chennai in den kommenden beiden Jahren auf 1200 verdoppelt zu wollen. In der Nähe von Bangalore stärkt ABB ausserdem die dortige Power Protection Product Group, indem zwei neue Produktionslinien errichtet werden.
Neben dem Energiebereich setzt ABB auch auf den riesigen Bedarf sowohl an Automatisierungslösungen für die Industrie, als auch auf die steigende Nachfrage nach Infrastrukturlösungen.

So ist der Schweizer Konzern etwa in den boomenden Metro-Projekten des Landes involviert. Das Vorzeigeprojekt ist hier die Metro in Neu Delhi.
Letztere ist zu Stosszeiten zwar völlig überfüllt. Doch im Vergleich mit einer Tour auf Indiens Strassen bleibt die Metro das kleinere Abenteuer.