US-Steuerstreit
Das Schweigen der ehemaligen CS-Verwaltungsräte

Sie verdienten Millionen als Verwaltungsrat bei der Credit Suisse. Wie sie ihre Aufsichtspflicht bei der Grossbank wahrnehmen, lassen prominente Schweizer Wirtschaftsführer heute offen.

Roman Seiler
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Ehemalige CS-Verwaltungsräte
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Peter Brabeck-Letmathe.KEY
Walter B. Kielholz. KEY
Ernst Tanner. KEY
David W. Syz. KEY
Andreas Koopmann. HO
Thomas W. Bechtler. HO

Ehemalige CS-Verwaltungsräte

Keystone

«Sorry», heisst es im Mail von Lindt & Sprüngli. Ihr Chef, Ernst Tanner, sass zwischen 2002 und 2010 im Verwaltungsrat (VR) der Credit Suisse (CS). «Da Herr Tanner nicht mehr im VR der CS ist, wird er sich auch nicht äussern», schreibt eine Sprecherin. «Die Nordwestschweiz» wollte vom Chef des Schoggiherstellers wissen, ob er je persönlich nachgefragt habe, ob die dem VR wohl präsentierten Regeln für das grenzüberschreitende Geschäft mit reichen Kunden eingehalten würden, insbesondere bei der Betreuung von US-Amerikanern.

Tanner ist nur einer von vielen Schweizer Top-Managern und ehemaligen, hochrangigen Vertretern der Bundesverwaltung, die bei der Zürcher Grossbank ein VR-Mandat angenommen haben. «Die Nordwestschweiz» fragte sechs an, ob sie bereit wären, Auskunft zu geben, wie sie persönlich ihre Aufsichtspflicht bei der CS wahrgenommen haben.

«Fehlendes Risikobewusstsein»

Die Finanzmarktaufsicht (Finma) konstatierte in ihrem Untersuchungsbericht zum CS-Geschäft mit US-Kunden «ein fehlendes Risikobewusstsein bezüglich unversteuerter Vermögenswerte bis 2008». Es sei nicht «effektiv» kontrolliert worden, ob Regeln auch eingehalten worden seien.

Dabei hat ja der VR-Präsident und frühere Chefjurist, Urs Rohner, stets betont, er habe 2006 «eine weltweite Überprüfung des grenzüberschreitenden Vermögensverwaltungsgeschäfts» angeordnet. Gewirkt hat es nicht. Einige wenige Mitarbeiter hätten die Regeln nicht eingehalten, sagte Rohner stets. Jetzt musste die CS eingestehen, Beihilfe zur Steuerhinterziehung für US-Kunden geleistet haben. Dafür zahlt die Bank eine Busse von 2,5 Milliarden Franken.

Daher stellt sich die Frage, ob VR-Mitglieder je nachgefragt haben, ob denn die Einhaltung der Regeln auch effektiv kontrolliert würde. Gregor Greber, Experte für gute Geschäftsführung der zRating AG, sagt: «Diese Frage ist berechtigt.» Der VR habe die Oberaufsicht über das Unternehmen. «Das Thema der Betreuung von Steuersündern, insbesondere in den USA», sagt Greber, «hätte aus heutiger Sicht proaktiver angegangen werden müssen.» Darüber mögen die prominenten Verwaltungsräte nicht sprechen.

Die Anfrage ging ins Leere. Auskunft über Interna im VR gebe es nicht, heisst es bei der Pressestelle. «Ich muss sie leider enttäuschen«, sagt Andreas Koopmann, seit 2009 Verwaltungsrat (VR) der Credit Suisse (CS) und Präsident des Industriekonzerns Georg Fischer. Er könne sich nicht äussern und verweist auf die Pressestelle. Ebenso wenig auskunftsfreudig waren der ehemalige Staatssekretär für Wirtschaft im Seco, David W. Syz, Nestlé-VR-Präsident Peter Brabeck-Letmathe und Thomas W. Bechtler, Spross einer Industriellenfamilie und Kunstsammler. Sie alle waren zwischen 2004 und 2010 VR-Mitglieder. Walter B. Kielholz, zwischen 2003 und 2009 VR-Präsident, liess ausrichten, er «stehe für ein Gespräch nicht zur Verfügung».

Kielholz verdiente für sein Teilzeitmandat bei der CS bis zu 16 Millionen Franken pro Jahr – rund drei Mal so viel wie Urs Rohner 2013 kassiert hat. Auch Kielholz hat wohl nicht gewusst, wie Bankmitarbeiter gegen alle Regeln in den USA Kunden betreut haben. Gewöhnliche VR-Mitglieder erhielten 2013 zwischen 250 000 und 644 000 Franken, Ausschuss-Vorsitzende 800 000 bis 1,4 Millionen.

Es gibt eine Haftungspflicht

Viel Geld für ein Mandat. Als Faustregel gilt laut einer Studie der Beratungsfirma Heidrick & Struggles, dass ein europäisches VR-Mitglied im Schnitt 21 Tage dafür aufwenden muss. Die Entschädigung ist auch mit Verantwortung verbunden. So soll die persönliche Haftungspflicht für allfällige Schäden gewährleisten, dass ein VR-Mitglied seine Sorgfaltspflicht einhält. Verantwortlichkeitsklagen sind in der Schweiz zwar fast immer chancenlos. Aber das Schuldeingeständnis der Bank beschädigt die Reputation der VR-Mitglieder – auch der früheren.

Nun gilt tatsächlich die Regel, dass sich Verwaltungsräte nicht öffentlich darüber äussern sollen, wie sie ihr Mandat ausüben. Doch damit sind sie nicht aus dem Schneider. Es könnten auch Fragen von Aktionärsseite auf sie zukommen. So verlangt die Aktionärsvereinigung Actares einen Bericht über die Verantwortlichkeiten innerhalb der Grossbank. Die CS-Führung könne sich nicht so leicht aus der Verantwortung stehlen.

Ob die heutigen Chefs die Krise einfach aussitzen können, ist offen. Gregor Greber sagt: «Für einen Neuanfang bei der CS könnte sich ein freiwilliger Rücktritt der heutigen Führungsriege allenfalls positiv auf die Unternehmenskultur auswirken.»