Start-ups
Das Schweizer Silicon Valley: Ein neues Programm fördert Jungunternehmen

Der Kickstart Accelerator ist eines der wichtigsten Projekte für den Aufbau einer neuen, digitalen Unternehmerkultur in der Deutschschweiz. Das Limmattal soll dabei das Schweizer Silicon Valley werden.

Patrick Züst
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Zürich bemüht sich um den Aufbau einer neuen Unternehmenskultur: 30 Start-ups wurden für das Accelerator-Programm ausgewählt.

Zürich bemüht sich um den Aufbau einer neuen Unternehmenskultur: 30 Start-ups wurden für das Accelerator-Programm ausgewählt.

Alles wirkt unfertig. Und genau so soll es auch sein. In einer ehemals kahlen Industriehalle im Herzen Zürichs hat der Start-up-Spirit Einzug gehalten. Das EWZ-Unterwerk ist seit dieser Woche nämlich offiziell ein Coworking-Space – vielleicht sogar einer der bedeutendsten der Schweiz. Gearbeitet wird hier in Schiffscontainern, in Hängematten und in umfunktionierten Ruderboten. Es herrscht Aufbruchstimmung. Die Einrichtung ist genauso divers wie die jungen Unternehmer, die aus aller Welt nach Zürich kamen, um hier die Welt zu verändern. Nur etwas ist bei allen gleich: der Laptop auf dem Schoss, der all das erst ermöglicht hat.

Die Schweiz hat Samen gesät. Und zwar in der Stadt Zürich und in der Form von jungen, innovativen Start-ups. Der Kickstart Accelerator ist eines der wichtigsten Projekte für den Aufbau einer neuen, digitalen Unternehmerkultur in der Deutschschweiz. Als Teil der Standortinitiative Digital Zurich 2025 will man das Limmattal zum Schweizer Silicon Valley machen, zum Nährboden für neue Ideen und erfolgreich Firmen. Insgesamt 30 Start-ups wurden für das Accelerator-Programm ausgewählt, seit dieser Woche leben und arbeiten sie nun im Herzen der Stadt.

In Zürich sollen die Start-up-Pflänzchen wachsen, gedeihen und bald schon florieren. Drei Monate dauert das Accelerator-Programm insgesamt. Während dieser Zeit werden die Start-ups von erfahrenen Mentoren gehegt, gepflegt und beim Umsetzen ihrer Ideen unterstützt. Es soll ein Schritt sein, um im derzeit noch ziemlich brach liegende Start-up-Land Schweiz ein einladendes und fruchtbares Klima für internationale Jungunternehmer zu schaffen.

Die Schweiz als Chance

Aber in Zürich wachsen momentan nicht nur Start-up-Pflänzchen heran, sondern auch Grillen. Perttu Karjalainen ist Finne, Start-up-Gründer und möchte mit seinen Insekten nichts Geringeres als die Welt verändern. Damit ist der CEO der Firma EntoCube in guter Gesellschaft. Gestern stellten sich die 30 Startups des Accelerator-Programms zum ersten Mal der Öffentlichkeit vor und bei fast allen Präsentationen stand der zukünftige globale Einfluss der eigenen Firma im klaren Fokus. Genau so, wie man es sich von Start-ups gewohnt ist.

Karjalainen will mit seiner Idee, seinem Team und seinen Grillen den Welthunger besiegen. In Insekten sieht er die Nahrung der Zukunft. Deshalb entwickelte er gemeinsam mit seinem Team einen speziellen Container, der eine nachhaltige Insektenzucht ermöglicht. Damit hat er sich gegen rund 850 andere Start-ups durchgesetzt, welche sich ebenfalls um einen Platz im Accelerator-Programm beworben hatten.

Und für ihn und sein Team ist das eine einmalige Möglichkeit: «Die Atmosphäre hier ist genial. Der Austausch mit den anderen Teams und den Mentoren, das ist Gold wert. Die Schweiz ist für uns die grosse Chance, unser Start-up international zu lancieren.» Dass gemäss einer allgemeinen Faustregel nur gerade jedes zehnte Start-up überlebt, das stört Karjalainen nicht. Sein Team bringe alles Nötige mit, um den Durchbruch zu schaffen, findet er.

Zusammenarbeit mit den Grossen

Das Accelerator-Programm, wie es in Zürich angeboten wird, findet man in ähnlicher Form an diversen Orten Europas. Was Kickstart aber ganz klar auszeichnet, sind die vielen einflussreichen Partnerfirmen – beispielsweise Swisscom, UBS, Swisslife und ABB. Gerade weil das Start-up-Land Schweiz derzeit noch brach liegt, bietet das Projekt Kickstart auch für Investoren eine der wenigen Möglichkeiten, in junge Unternehmen zu investieren.

Das zeigt sich vor allem auch in den Partnerschaften mit Migros und Coop – es ist eine absolute Seltenheit, dass die beiden Detailhändler gemeinsam an einem Projekt arbeiten. Das sei aber noch nicht alles, sagt Christoph Birkholz, der den Kickstart Accelerator leitet: «Uns zeichnet vor allem aus, dass die grossen Schweizer Firmen nicht einfach investieren, sondern auch inhaltlich mit unseren Start-ups zusammenarbeiten wollen. Das ist so nicht üblich.»

Die Jungunternehmer können durch diese Partnerschaften nicht nur vom Netzwerk grosser Schweizer Unternehmen, sondern auch von hoher finanzieller Eigenständigkeit profitieren. Anders als bei vergleichbaren Programmen müssen die Start-ups in Zürich nämlich für die Teilnahme keine Aktien abgeben und können dennoch von starker finanzieller Unterstützung profitieren.

«Wichtiger Paradigmenwechsel»

Leiter Christoph Birkholz ist überzeugt, dass die Schweiz bezüglich ihrer Start-up-Landschaft auf dem richtigen Weg ist. In den vergangenen fünf Jahren habe ein Paradigmenwechsel stattgefunden, welcher dem Land sehr gut getan habe, findet er: «Man hat gemerkt, dass man die Dinge selber in die Hand nehmen muss.

Die Romandie beispielsweise hat sich so zu einem für Start-ups äusserst interessanten Gebiet entwickelt – allen voran die Stadt Lausanne. Da wollen wir in Zürich natürlich mithalten.» Das Mandat für die Organisation des Kickstart Accelerators wurde für drei Jahre abgeschlossen. Das soll gemäss Birkholz aber erst der Anfang sein.

Zumindest die offizielle Eröffnung gestern überzeugte das Publikum. Aber ob die Start-up-Pflänzchen fruchten und die Ernte in drei Monaten ähnlich euphorisch aufgenommen wird wie die erste Präsentation, das lässt sich derzeit schlicht noch nicht abschätzen.

Kickstart Accelerator: Start-ups aus den verschiedensten Bereichen

- EntoCube Das finnische Start-up sieht in Insekten die Lösung im Kampf gegen den Welthunger. Die Firma produziert und liefert würfelförmige Container, in denen diverse Grillenarten aufgezogen werden können. Endprodukt ist ein proteinreiches Insektenpuder, das – gemäss den Gründern – die Zukunft der Nahrungsmittelindustrie darstellen wird.

- Veezoo «Sprich zu deinen Daten – erfahre, was sie sagen.» Das Start-up Veezoo will ein Tool zur effizienten Datenanalyse entwickeln. Mit einem einfachen und benutzerfreundlichen Chat-System orientieren sie sich an den aktuellen Trends im Bereich der künstlichen Intelligenz. Statistiken sollen nicht mehr mit Formeln, sondern mithilfe digitaler Assistenten gemacht werden.

- Drofie Drohnen und Selfies gehören derzeit zu den wichtigsten digitalen Trends. Drofie kombiniert genau das und bietet die fliegende Kamera für die Hosentasche. Zukünftig sollen die polarisierenden Selbstporträts also nicht mehr mit der Hand oder dem Selfiestick gemacht werden, sondern mit einer Drohne.

- Minebox Daten werden zukünftig eine noch grössere Bedeutung erhalten. Und ein Datenverlust wird noch weitreichendere und fatalere Folgen haben. Minebox will genau dem vorbeugen und setzt dabei auf ein neues, cloud-basiertes Speichernetzwerk. Sie wollen die Ressourcen von nicht ausgelasteten Festplatten nutzen, um Datenverlust absolut unmöglich zu machen.