Überflieger und Absteiger in der Wirtschaft: Was 2018 in der Zentralschweiz Schlagzeilen machte

Krach und Frieden im Zuger Crypto Valley, politischer Druck auf regionale Unternehmen, eine historische Einigung und immer wieder Schub für die hiesige Tourismusbranche: Das Zentralschweizer Wirtschaftsjahr 2018 im Rückblick.

Livio Brandenberg
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Am 11. Mai 2018 gibt Sika-Verwaltungsratspräsident Paul Hälg bekannt, dass eine der längsten Übernahmeschlachten Europas zu Ende geht: Der französische Baustoffkonzern Saint-Gobain willigte nach heftiger Gegenwehr ein, auf den Kauf der Baarer Sika zu verzichten. (Bild: Walter Bieri/Keystone, Zürich)

Am 11. Mai 2018 gibt Sika-Verwaltungsratspräsident Paul Hälg bekannt, dass eine der längsten Übernahmeschlachten Europas zu Ende geht: Der französische Baustoffkonzern Saint-Gobain willigte nach heftiger Gegenwehr ein, auf den Kauf der Baarer Sika zu verzichten. (Bild: Walter Bieri/Keystone, Zürich)

Das sich dem Ende zuneigende Jahr begann mit Good News für die Region: Die Zentralschweizer Kantone stehen bei Unternehmensgründern und umzugswilligen Firmenchefs hoch im Kurs. So entstanden in Luzern, Zug und Schwyz 2017 besonders viele neue Betriebe. Auch im schweizweiten Vergleich schnitt unsere Region gut ab; Luzern grüsste sogar von der Spitze.

Die Ankündigung des Klimatechnikunternehmens Meier Tobler im Februar, seinen steuerlichen Hauptsitz nach Nebikon zu verlegen, bestätigte den erwähnten Trend. Und rund drei Monate später folgte mit LafargeHolcim ein grosser Fisch. Künftig wird der Zementriese seine Geschäfte aus der Grafenau in der Stadt Zug steuern. Allerdings folgte später im Jahr der Dämpfer: Laut einer CS-Studie wird Luzern bis im Jahr 2025 nicht mehr unter den Top-Ten der attraktivsten Wirtschaftskantone figurieren.

Im Mai geschah dann das lange Undenkbare, das eigentliche Highlight des Zentralschweizer Wirtschaftsjahres: Der seit Ende 2014 dauernde, erbittert geführte Übernahmestreit zwischen der Sika-Führung auf der einen und der Besitzerfamilie Burkard und dem französischen Industriekonzern Saint-Gobain auf der anderen Seite wurde beigelegt. Durch die Einigung der Parteien und die Einführung der Einheitsaktie wurde der traditionsreiche Baarer Baustoffkonzern auf einen Schlag modern.

Will für Ruhe sorgen im Zuger Crypto Valley: Der neue Präsident der Tezos-Stiftung Ryan Jesperson. Tezos ist eines der bestfinanzierten Krypto-Projekte der Welt. (Bild: Stefan Kaiser, Zug, 27. November 2018)

Will für Ruhe sorgen im Zuger Crypto Valley: Der neue Präsident der Tezos-Stiftung Ryan Jesperson. Tezos ist eines der bestfinanzierten Krypto-Projekte der Welt. (Bild: Stefan Kaiser, Zug, 27. November 2018)

Neuer Mut, Milliardenverlust, Massenentlassung

Und die Auflösung eines weiteren, nicht minder gehässig geführten Kampfes nahm im Februar seinen Anfang: als nämlich der in die Kritik geratene Präsident der Zuger Tezos-Stiftung Johann Gevers zurücktrat. Damit machte er den Weg frei für die Lancierung des in der Szene lange erwarteten Blockchain-Netzwerks Tezos. Dieses hatte im Sommer 2017 die grösste Schweizer Krypto-Finanzierungsrunde (ICO) abgeschlossen und dadurch umgerechnet mehr als 230 Millionen US-Dollar eingenommen. Von diesem Geld sei noch locker genug vorhanden, sagte später im Jahr der neue Tezos-Präsident Ryan Jesperson.

Weniger positive Schlagzeilen machten die Zuger Krypto-Projekte Envion, Cardano oder Shapeshift. Und für die bekannteste Blockchain-Anwendung Bitcoin war 2018 ohnehin ein Jahr zum Vergessen: 2018 wird als das Jahr des Bitcoin-Absturzes in die Geschichte eingehen. Gerade rechtzeitig hat der Bundesrat seinen Bericht zu regulatorischen Fragen der Blockchain-Technologie veröffentlicht.

Viel Geld verloren (schätzungsweise 3 Milliarden Franken) hat derweil Viktor Vekselberg. Der in Zug gemeldete russische Investor wurde im April auf die US-Sanktionsliste gesetzt und musste massive Verluste an der Börse hinnehmen, so etwa bei seinen (grossen) Anteilen an Sulzer, OC Oerlikon und Schmolz + Bickenbach. Der Luzerner Stahlhersteller hatte dieses Jahr freilich andere Probleme.

2018 war ein Annus horribilis für den in Zug wohnhaften russischen Investor Viktor Vekselberg. (Bild: Artyom Korotayev/Getty)

2018 war ein Annus horribilis für den in Zug wohnhaften russischen Investor Viktor Vekselberg. (Bild: Artyom Korotayev/Getty)

Eine weitere «Bad-News»-Angelegenheit konkretisierte sich im März, als uns Quellen verrieten, dass in Hochdorf «wohl irgendwann Schluss sein» dürfte. Die Rede ist von der bisherigen Athleticum-Einkaufszentrale in Hochdorf. Anfang Jahr war bekannt geworden, dass die beiden Sportartikelhändler Athleticum und Decathlon aus Frankreich hierzulande eine Kooperation eingegangen waren. Anfang August folgte dann die Bestätigung: Im Sommer 2019 wird die Einkaufszentrale im Seetal geschlossen. Betroffen sind 21 Mitarbeitende.

Deutlich mehr Personen verloren bei OVS ihre Stelle. Der Charles-Vögele-Nachfolger Sempione Fashion löste bis Ende Juni 1180 Arbeitsverträge auf. Allein am Hauptsitz in Pfäffikon SZ mussten knapp 150 Personen gehen. Sempione betrieb die Schweizer OVS-Läden, gab das Geschäft jedoch nach kurzer Zeit wegen anhaltend ungenügender Umsätze auf.

Keine zwei Jahre hat es das italienische Modehaus OVS in der Schweiz ausgehalten. Im Sommer 2018 ging die Geschichte der ehemaligen Textilkette Charles Vögele zu Ende. Allein am Hauptsitz in Pfäffikon SZ mussten knapp 150 Personen gehen. Das Bild zeigt die Filiale an der Hertensteinstrasse in Luzern. (Bild: Philipp Schmidli, 1. Juni 2018)

Keine zwei Jahre hat es das italienische Modehaus OVS in der Schweiz ausgehalten. Im Sommer 2018 ging die Geschichte der ehemaligen Textilkette Charles Vögele zu Ende. Allein am Hauptsitz in Pfäffikon SZ mussten knapp 150 Personen gehen. Das Bild zeigt die Filiale an der Hertensteinstrasse in Luzern. (Bild: Philipp Schmidli, 1. Juni 2018)

Ruag unter massivem Druck

Im Sommer dieses Jahres gerieten auch verschiedene Zentralschweizer Firmen unter politischen Druck. So beispielsweise der Baarer Rohstoffkonzern Glencore, der wegen seines Engagements in der Demokratischen Republik Kongo sowie anderen Ländern Afrikas und Südamerikas Dokumente an das United States Department of Justice (DOJ) einreichen musste. Die US-Justiz wollte wissen, ob Anti-Korruptions- und Geldwäschegesetze eingehalten wurden. Und erst Anfang Dezember wurde bekannt, dass die brasilianische Staatsanwaltschaft gegen Glencore sowie die beiden Rohstoffhändler Vitol und Trafigura eine Untersuchung eingeleitet hat. Sie stehen im Verdacht, Bestechungsgelder an Mitarbeiter des öffentlichen Ölkonzerns Petrobras gezahlt zu haben.

Nicht minder heikel tönen die Vorwürfe, die gegen Ruag im Raum stehen: Ende März hat die Bundesanwaltschaft beim bundeseigenen Rüstungskonzern eine Hausdurchsuchung durchgeführt und ein Strafverfahren eröffnet «wegen Widerhandlung gegen das Kriegsmaterialgesetz, ungetreue Geschäftsbesorgung, eventuelle ungetreue Amtsführung».

Blick in die Produktionshallen der Ruag. (Bild: Moritz Hager/Keystone)

Blick in die Produktionshallen der Ruag. (Bild: Moritz Hager/Keystone)

Und nun, Mitte Dezember, kam es noch dicker für den Rüstungsbetrieb, den der Bundesrat aufspalten und teilprivatisieren möchte: Jahrelang soll die Ruag dem Verteidigungsdepartement VBS für den Unterhalt des Flugparks der Schweizer Luftwaffe überhöhte Rechnungen ausgestellt und damit andere Bereiche quersubventioniert haben. Die Rede ist von Hunderten von Millionen Franken, deutlich mehr als in der ähnlich gelagerten Postauto-Affäre.

Nicht zur Ruhe kommt auch der Ferienanbieter Hapimag mit Sitz in Steinhausen: An der Generalversammlung Ende April wurden von Aktionärsseite gleich zwei Sonderprüfungen initiiert. Im Konflikt zwischen der Aktionärsgruppe HFA und dem Management geht es im Kern um Misstrauen, was die Rechnungslegung von Hapimag angeht. Inzwischen ist Tauwetter auszumachen, doch das Pièce de Résistance, die Offenlegung der Geschäftszahlen der einzelnen Resorts, bleibt.

Grand Opening des Bürgenstock Hotels am Freitag, 28. September 2018. (Bild: Philipp Schmidli)

Grand Opening des Bürgenstock Hotels am Freitag, 28. September 2018. (Bild: Philipp Schmidli)

Schub für die Tourismusbranche, Probleme anderswo

Schon das ganze Jahr durften sich Betreiber wie auch zukünftige Gäste (vor)freuen, im September war es dann soweit: Nach rund neun Jahren Bauzeit wurde das Bürgenstock Resort feierlich eröffnet. Der katarische Chefinvestor des 550 Millionen Franken teuren Projekts ist mit dem Resultat mehr als zufrieden. Er verriet auch: Das erste Jahr sei «recht gut» angelaufen.

Und mit einer weiteren Hoteleröffnung ging eine Premiere einher: Das neue Radisson Blu in Andermatt ist das erste Vier-Sterne-Haus im Kanton Uri. Die Fertigstellung ist ein weiterer Meilenstein für das Grossprojekt von Investor Samih Sawiris und dessen Andermatt Swiss Alps, die aber einen neuen CEO suchen muss.

Der abtretende Andermatt-Swiss-Alps-CEO Franz-Xaver Simmen vor dem Radisson Blu. (Bild: Boris Bürgisser, 8. November 2018)

Der abtretende Andermatt-Swiss-Alps-CEO Franz-Xaver Simmen vor dem Radisson Blu. (Bild: Boris Bürgisser, 8. November 2018)

Der Herbst brachte auch in anderen Branchen Positives: Ende Oktober einigten sich die Schwyzer Messerschmiede Victorinox und der Bund nach einem Streit, in dem es um die Marke «Swiss Military» und Parfüms in den USA ging.

Doch im Oktober fing eine andere Affiche (zumindest in der Öffentlichkeit) erst an: Die Wettbewerbskommission Weko teilte mit, dass sie Stöckli wegen möglicher Preisabsprachen ins Visier nimmt. Dem Skihersteller aus Malters droht eine saftige Busse. Ein ehemaliger Wettbewerbshüter hält die Untersuchung jedoch für «absurd». Aber auch andere regionale Unternehmen wie Otto's oder Competec mussten sich dieses Jahr mit der Justiz herumschlagen.

Ein Angestellter in der Produktion des Malterser Skiherstellers Stöckli. Die Weko hat dieses Jahr eine Untersuchung gegen Stöckli eröffnet. (Bild: Urs Flüeler/Keystone, 10. Juni 2010)

Ein Angestellter in der Produktion des Malterser Skiherstellers Stöckli. Die Weko hat dieses Jahr eine Untersuchung gegen Stöckli eröffnet. (Bild: Urs Flüeler/Keystone, 10. Juni 2010)

Ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückten Ende Oktober auch die Pilatus Flugzeugwerke. Dabei ging es um 55 Trainingsflugzeuge, die das Stanser Unternehmen an die Luftwaffe Saudi-Arabiens geliefert hat. Das Aussendepartement (EDA) ist nun daran, den umstrittenen Auftrag zu prüfen. Ein heikler Punkt: Der Flugzeughersteller hatte dem EDA nicht mitgeteilt, dass er die saudischen Streitkräfte logistisch unterstützt. Pilatus-Verwaltungsratspräsident Oscar J. Schwenk wies die Vorwürfe gegen sein Unternehmen entschieden zurück. Das letzte Wort ist in dieser Angelegenheit aber noch nicht gesprochen.

Ob das Wirtschaftsjahr 2019 ebenso viele Wendungen parat hat wie das ausklingende Jahr – wir werden es gespannt verfolgen.

Blick in die Produktionshallen des PC-24 bei den Pilatus Flugzeugwerken. Dieses Jahr lieferte Pilatus die ersten PC-24-Jets aus, doch gerieten die Stanser auch in die Kritik wegen Saudi-Arabien. (Bild: Pius Amrein, Stans, 1. Mai 2018)

Blick in die Produktionshallen des PC-24 bei den Pilatus Flugzeugwerken. Dieses Jahr lieferte Pilatus die ersten PC-24-Jets aus, doch gerieten die Stanser auch in die Kritik wegen Saudi-Arabien. (Bild: Pius Amrein, Stans, 1. Mai 2018)