Pierin Vincenz stürzte die Raiffeisenbank in eine tiefe Krise: Mit diesen Folgen für seine ehemaligen Weggefährten

Die Affäre um Pierin Vincenz hat die Raiffeisenbank vor drei Jahren in eine tiefe Krise gestürzt, mit Folgen für das berufliche Umfeld des ehemaligen Bankchefs. Was waren die Folgen für seinen Chef, seine Partnerin, seinen Ziehsohn und seinen Geschäftspartner?

Daniel Zulauf, Roman Schenkel, Stefan Ehrbar
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Der Kollarteralschaden seines Wirkens ist nicht unwesentlich: Pierin Vincenz

Der Kollarteralschaden seines Wirkens ist nicht unwesentlich: Pierin Vincenz

Bild: Matthew Lloyd

Gewerbsmässiger Betrug, Veruntreuung, Urkundenfälschung und passive Bestechung zum Nachteil des Zahlungsdienstleisters Aduno und der Raiffeisen Gruppe: So lautet die Anklage der Staatsanwaltschaft gegen den Ex-Raiffeisenchef Pierin Vincenz. Mitangeklagt ist sein Geschäftspartner Beat Stocker. Die beiden sollen bei Firmenübernahmen der Kreditkartengesellschaft Aduno und der Investmentgesellschaft Investnet ein Doppelspiel gespielt und persönlich abkassiert haben. Bei einer Verurteilung drohen ihnen bis zu sechs Jahre Haft. Daneben sind fünf Helfershelfer angeklagt.

Auch ohne Anzeige, die Aufarbeitung des Falls hat zahlreiche andere Personen rund um Pierin Vincenz mit in den Strudel gerissen. So hat sich das Leben für vier ehemalige Weggefährten verändert:

Patrik Gisel (58), Ex-Raiffeisen-CEO

Bild: Benjamin Manser

Er dürfte die Anklage gegen seinen Mentor mit Erleichterung zur Kenntnis genommen haben: Gegen Patrik Gisel, der in der Raiffeisen-Geschäftsleitung lange Jahre Stellvertreter von Pierin Vincenz war und ihm an der Spitze von Raiffeisen nachfolgte, unternehmen die Staatsanwälte keine Schritte. Gisel wurde 2015 CEO. Seine Regentschaft bei Raiffeisen stand von Anfang an unter einem schlechten Stern. Zu eng klebte er all die Jahre an Vincenz. Der durchtrainierte Triathlet schaffte es nie, aus dem Schatten von Vincenz zu treten. Nachdem die Affäre Vincenz aufbrach, kam er arg unter Druck. Im Juli 2018 kündigte er seinen Rücktritt per Ende Jahr an. Er musste aber vorzeitig gehen, weil er eine Beziehung mit seiner neuen Partnerin Laurence de la Serna eingegangen sein soll, als diese noch Verwaltungsrätin bei Raiffeisen war. Gisel hat dies stets bestritten, dennoch musste er gehen und tauchte danach ab. Seither ist es still um ihn. Einmal wurde ein Verkaufsinserat seiner Wohnung an der Zürcher Goldküste bekannt. Gisel wohnt heute in der Westschweiz, wo seine Partnerin de la Serna lebt. Sie ist Chefin der Flugzeugturbinenfirma Jean Gallay in der Nähe von Genf. Im Frühling ist sie zur Präsidentin der Handelskammer Genf gewählt worden. Gisel geht es ruhiger an. Er ist seit kurzem im Zentralvorstand des Schweizerischen Schwimmverbands. Dort ist er für das Ressort Turmspringen zuständig.

Nadja Ceregato (51), Ex-Partnerin und Ex-Risikochefin Raiffeisen

Bild: PD

Die Partnerin von Pierin Vincenz, die Juristin Nadja Ceregato, arbeitet seit Anfang 2019 als Vertragsspezialistin für Aebi-Schmidt, einen Anbieter von Fahrzeugen und intelligenten Produktionssystemen. Laut «Blick» leben Ceregato und Vincenz getrennt. Kennen gelernt haben sich die beiden schon während ihres Studiums an der Universität St.Gallen. Zwischen 2005 und 2015 war Ceregato Risikochefin der Raiffeisen, 2015 zog sie in die erweiterte Geschäftsleitung der Bank ein. Als Compliance-Chefin oblag ihr damals die Kontrolle über die Geschäfte ihres Ehemanns – keine Heldentat der guten Unternehmensführung. Vincenz war aber stolz darauf: Für «Corporate-Governance-Freaks» sei das sicher nicht zulässig. Ihm gefalle aber, dass man das bei Raiffeisen noch mit gesundem Menschenverstand anschaue, sagte er 2013 dem «Magazin». Nach dem Abgang von Vincenz verliess auch Ceregato die Bank – eine Auflage der Finanzmarktaufsicht. Danach bildete sie sich an der Harvard Business School in Boston weiter und nahm im Februar 2019 die neue Stelle bei Aebi an. Mehrheitsaktionär der Firma ist Peter Spuhler – laut «Inside Paradeplatz» ein enger Vertrauter von Vincenz. Im Mai 2019 leitete die Zürcher Staatsanwaltschaft ein Strafverfahren gegen Ceregato ein. Der Vorwurf: Verletzung des Geschäftsgeheimnisses. Dieses läuft weiterhin.

Johannes Rüegg-Stürm (59), Ex-Präsident Raiffeisen

Bild: Walter Bieri/Keystone

Der Glarner Wirtschaftsprofessor war von 2011 bis 2018 Verwaltungsratspräsident von Raiffeisen. Heute lebt er mit der Kritik, dass er den CEO in dessen selbstherrlichen Geschäftspraktiken viel zu lange gewähren liess. Zum Thema Raiffeisen werde er sich allenfalls dann wieder äussern, wenn die rechtliche Situation durch die Gerichte geklärt sei, sagt er auf Anfrage unserer Zeitung. Dass die Zürcher Staatsanwaltschaft Pierin Vincenz und Beat Stocker nun wegen gewerbsmässigen Betrugs anklagt, könnte Rüegg-Stürm aber immerhin als erste Bestätigung werten, dass er in seiner Aufsichtstätigkeit doch nicht nur geschlafen hat, sondern auch einen besonders schlau agierenden Manager vor sich hatte. Der 59-Jährige setzt seine Lehrtätigkeit an der Universität St.Gallen übrigens immer noch fort. Erst im Januar wurde Rüegg-Stürm von der HSG als Professor, Forschungsleiter für Organization Studies an der Universität und Direktor am Institut für Systemisches Management und Public Governance wiedergewählt und bis 2026 bestätigt. In der im laufenden Jahr erschienenen Neuauflage seines Hauptwerkes «Das St.Galler Management-Modell» finden sich praktische Beispiele zu Organisationsformen, die an ihrer Komplexität gescheitert sind. Raiffeisen ist nicht dabei. Natürlich reflektiere er aber die «ungeheuer breite Erfahrung» aus jener Zeit, um seine Studenten daran partizipieren zu lassen.

Jan Schoch (43), Ex-Geschäftspartner

Bild: Urs Bucher

Jan Schoch, Jungunternehmer und Gründer des börsenkotierten Finanzderivatehauses Leonteq, ist heute Wirt und Immobilienbesitzer. Der Appenzeller, der es in seinen besten Zeiten in die Bilanz-Liste der 300 Reichsten geschafft hatte, war auch für Vincenz ein interessanter Partner, um sich und der Raiffeisen Gruppe den angesagten Fintech-Touch zu verleihen. Vincenz erwarb für Raiffeisen eine 29-Prozent-Beteiligung, die schnell und stark an Wert gewann. Doch dann kam es zum grossen Kurssturz. Das glänzende Investment wurde zur Belastung – vor allem auch für das Image von Leonteq-Verwaltungsratspräsident Vincenz. Wie der Raiffeisen-Chef den Gründer, CEO und Mitaktionär Jan Schoch genau loswurde, ist nicht belegt. Fakt aber ist, dass dem 42-Jährigen das Baby ziemlich unsanft entrissen wurde. Während Vincenz den entscheidungsstarken Präsidenten markierte und Schochs langjährigen Geschäftspartner Lukas Ruflin an die Spitze manövrierte, fiel Schoch in ein tiefes Loch: sozialer Abstieg, Scheidung, Finanzprobleme. Das Loch hat Schoch inzwischen verlassen. In seiner Firma Valastone verwaltet er das Hotel Bären in Gonten, das er für viel Geld auf schick getrimmt hat. Auch diverse Immobilien befinden sich in seinem Besitz. Über seine einstigen Weggefährten sagte er der «Bilanz»: «Wir sind nicht verfeindet, aber schon sehr distanziert.»