DELÉMONT: Victorinox investiert Millionen

Gerade in schwierigen Phasen investiere Victorinox, sagt Firmenchef Carl Elsener. In Délémont und Schwyz werden die Standorte ausgebaut. Auch eine Smartwatch ist in Planung.

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«Mir ist in erster Linie wichtig, dass wir für alle Mitarbeitenden genügend Arbeit haben. Zurzeit haben wir eine gute Auslastung.» Victorinox-Chef Carl Elsener vor dem Stahllager am Produktionsstandort in Ibach. (Bild: Keystone/Samuel Truempy)

«Mir ist in erster Linie wichtig, dass wir für alle Mitarbeitenden genügend Arbeit haben. Zurzeit haben wir eine gute Auslastung.» Victorinox-Chef Carl Elsener vor dem Stahllager am Produktionsstandort in Ibach. (Bild: Keystone/Samuel Truempy)

Interview Bernard Marks

Carl Elsener, Victorinox baut im jurassischen Delémont zwei neue Fabriken und erweitert ein bestehendes Gebäude. Trotz der Frankenstärke lösen Sie Investitionen aus und schaffen 20 neue Stellen. Handeln Sie als Unternehmer bewusst antizyklisch?

Carl Elsener: Grundsätzlich versuchen wir immer antizyklisch zu investieren, um die wirtschaftlichen Schwankungen auszugleichen. Wir investieren in schwierigen Phasen verstärkt in die Werbung, neue Produkte und die Erschliessung von neuen Märkten. Hauptziel dabei ist es, den Personalbestand möglichst stabil zu halten und Entlassungen zu vermeiden.

Was genau plant Victorinox am Standort Delémont?

Elsener: Wir investieren dort gesamthaft 32 Millionen Franken. Dass dieses Projekt aber in diese schwierige Phase fällt, ist eher ein Zufall. Den Entscheid dazu haben wir bereits vor über einem Jahr gefällt. Ein Teil dieser Investition wurde bereits im letzten Jahr getätigt. Zurzeit baut Victorinox nebst der bereits bestehenden Messerproduktion in Delémont zusätzlich die Kapazitäten für die Uhrenmontage und die Fertigung von Uhrengehäusen aus. Ziel ist es, in Delémont das Kompetenzzentrum für die Uhrenmarken «Victorinox Swiss Army» und «Wenger» zu schaffen.

Als Exportbranche bekommt die Schweizer Uhrenindustrie Währungsschwankungen besonders zu spüren. Wie sehr trifft das Victorinox?

Elsener: Victorinox ist stark vom schwachen Euro betroffen, weil unser Exportanteil bei über 80 Prozent liegt. Europa ist hierbei der wichtigste Markt. Wir tragen das gesamte Kursrisiko, da uns unsere Kunden in Euro bezahlen.

Was kostet Victorinox ein Frankenkurs von 1.05 zum Euro genau?

Elsener: Wegen des starken Frankens und der tieferen Marge wird uns Ende Jahr ein zweistelliger Millionenbetrag in der Erfolgsrechnung fehlen.

Wie profitabel hat Victorinox während der Zeit des Euro-Mindestkurses arbeiten können?

Elsener: Im Jahr 2009 stand der Euro noch bei über 1.50 Franken. In den letzten Jahren konnten wir den Kurszerfall mit unseren schrittweisen Preiserhöhungen aber nie ganz ausgleichen. Im Januar dieses Jahres basierte unsere Kalkulation für unser Jahresbudget noch auf einem Kurs von 1.27. Wir hätten noch ein bis zwei Jahre gebraucht, um auf einen Kurs von 1.20 zu kommen. Bei einem Eurokurs von 1.05 benötigen wir erneut drei bis vier Jahre, bis wir wieder eine Marge erzielen, die eine gesunde, nachhaltige Entwicklung ermöglicht.

Wie wirkt sich der starke Franken auf die Bestellungen aus?

Elsener: Zurzeit ist der Bestellungseingang bei den Messern ähnlich wie im letzten Jahr. Der starke Schweizer Franken hat aber viele von unseren Kunden im Ausland verunsichert, und sie sind mit Bestellungen zurückhaltend. An der Uhrenmesse in Basel sind wir aber positiv überrascht worden. Die Bestellmengen waren deutlich höher als im Jahr 2014.

Wie stark haben Sie die Preise für Ihre Produkte erhöht?

Elsener: Im Euroraum haben wir die Uhrenpreise angehoben, in der Schweiz aber reduziert. So können wir sicherstellen, dass unsere Uhren in der Schweiz günstiger zu kaufen sind als in Europa.

Wie hoch ist die Preissensibilität Ihrer Kunden im Bereich Sackmesser?

Elsener: Unsere Taschenmesser sind preislich weniger sensibel als unsere Uhren oder Haushalts- und Berufsmesser. Auch hier mussten wir im Euroraum die Preise erhöhen, um gegenüber der Schweiz und den übrigen Exportmärkten nicht plötzlich zu günstig zu sein.

Sie wirken trotz all dieser Herausforderungen relativ ge­lassen.

Elsener: Mir ist in erster Linie wichtig, dass wir für alle Mitarbeitenden genügend Arbeit haben. Das steht ganz oben auf der Prioritätenliste. Zurzeit haben wir eine gute Auslastung und auch gewisse Reserven, die es uns trotz den gedrückten Margen ermöglichen, die notwendigen Investitionen zu tätigen.

Wie hoch sind denn diese Reserven?

Elsener: (lacht) Wir haben gesunde Reserven. In guten Zeiten bilden wir finanzielle Rücklagen, die uns helfen, schwierige Zeiten besser zu überbrücken. Unsere Familie hat in den vergangenen dreissig Jahren nie Dividenden bezogen, sondern immer den ganzen Gewinn ins Unternehmen reinvestiert oder damit Reserven gebildet.

Was erwarten Sie vom Jahr 2015?

Elsener: Das hängt vor allem von der Entwicklung der Weltwirtschaft ab. Wenn sich diese einigermassen gut hält, wird auch die Auslastung bei uns gut bleiben. Ich bin recht zuversichtlich. In der Schweiz sind wir sehr stark vom Tourismus abhängig. Wenn die Touristenströme erfreulich sind, erzielen wir auch hier gute Umsätze.

Apple und Swatch bringen eine Smartwatch auf den Markt. Wie sehr setzt das Victorinox unter Zugzwang?

Elsener: Diese Nachricht haben wir mit Interesse aufgenommen. Als Hersteller der «Swiss Army Knives» würde natürlich eine multifunktionale Uhr gut zu uns passen. Die Kurzlebigkeit einer Smartwatch und die rasante Entwicklung im Elektronikbereich passen jedoch weniger zur Lebensdauer eines Taschenmessers. Unser Uhrenteam arbeitet zurzeit an einem Konzept, das unsere Kunden mit Multifunktionalität überraschen soll, ohne die Nachhaltigkeit der Uhr zu reduzieren.

Wie sehen Ihre weiteren Pläne für den Produktionsstandort in Schwyz aus?

Elsener: Ibach ist unser wichtigster Produktionsstandort. Hier beschäftigen wir 900 Mitarbeitende und produzieren täglich 60 000 Taschenmesser und 60 000 Haushalts- und Berufsmesser. In einem Jahr verkaufen wir gesamthaft 26 Millionen verschiedene Messer. Zurzeit investieren wir in die Erweiterung einer Produktionshalle für die Griffschalenherstellung.

Noch eine persönliche Frage: Wie halten Sie sich als Manager fit für solche turbulenten Zeiten?

Elsener: (lacht) Ich versuche eine gesunde Balance zwischen Unternehmen und Familie zu finden. Ausserdem verbringe ich meine freie Zeit gerne beim Wandern, Langlaufen und Skifahren.

Hinweis

Carl Elsener (57) ist seit 2007 Konzernchef der Victorinox AG. Die Firma mit Hauptsitz in Ibach im Kanton Schwyz beschäftigt schweizweit 1200 Mitarbeiter und weitere 800 Mitarbeiter weltweit.