Interview
«Den Firmen geht das Geld aus»

Bei den Regionalen Arbeitsvermittlungszentren (RAV) wird personell aufgestockt. Bruno Sauter, Chef des kantonalen Amtes für Wirtschaft und Arbeit AWA, sieht ein schwieriges Jahr voraus. Man sei jedoch vorbereitet, versichert er.

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Bruno Sauter

Bruno Sauter

Limmattaler Zeitung

Thomas Marth

Bruno Sauter, letzten Dezember eine Arbeitslosenquote von 2,5 Prozent im Kanton Zürich - im Juli bereits von 3,8 Prozent. Wo sehen Sie das Maximum?

Bruno Sauter: Wir vom Amt für Wirtschaft und Arbeit machen nicht selbst Prognosen. Das Staatssekretariat für Wirtschaft Seco sagt für 2010 5,5 Prozent voraus, einzelne Prognose-Institute halten gar 6 Prozent für möglich. Unser Szenario 2010 für den Kanton Zürich lautet: 5,4 Prozent. Diese Zahl haben wir übrigens bereits im letzten Oktober kommuniziert, was uns teils als allzu pessimistisch angekreidet wurde. Entscheidend dafür, wohin die Reise geht, wird nun jedoch der Herbst sein und was sich in saisonal sensitiven Branchen wie etwa dem Bau tut.

Der läuft bisher erstaunlich gut.

Sauter: Das stimmt. Im Tiefbau dürfte das noch weit bis ins nächste Jahr hinein so bleiben - den Baustellen sei Dank! Im Hochbau zeichnet sich ein Einbruch bei den Geschäftsliegenschaften ab; beim Wohnungsbau wird man sehen - wobei es sicher regionale Unterschiede gibt. Die Stadt Zürich mit Ausläufern ins Limmattal und ins Glatttal und auch die Stadt Winterthur sind nach wie vor nicht überversorgt mit Wohnungen.

Eine Zeit lang war viel von den arbeitslosen Bankern die Rede - teils auch mit etwas schadenfreudigem Unterton. Sind sie noch ein Thema in den Regionalen Arbeitsvermittlungszentren (RAV)?

Sauter: Jeder Mensch, der eine Arbeit sucht, hat für uns ein Thema zu sein. Festzuhalten ist: Die Banker/Finanzdienstleister stellen mit knapp 1300 Betroffenen eine eher kleine Gruppe unter den rund 34 000 Arbeitlosen im Kanton Zürich dar. Sie sind auch unterdurchschnittlich lange stellenlos. Typischerweise sind sie gut qualifiziert, und in der Regel erhalten sie insbesondere durch die Grossbanken eine sehr gute Unterstützung während der Kündigungsfrist. Die meisten von ihnen müssen daher gar nie bei einem RAV vorsprechen. Die Banken nehmen also ihre Verantwortung sehr wohl wahr.

Sie können es sich auch wieder leisten, nachdem ja zeitweise ein Bankensterben nicht auszuschliessen war.

Sauter: Gott sei dank ist es nicht so weit gekommen. Aber wir wären vorbereitet gewesen. Die Zürcher Regierung und mein Amt standen in sehr engem Kontakt mit der einen Grossbank. Eine interdepartementale Arbeitsgruppe hat sich intensiv mit Was-wäre-wenn-Szenarien auseinandergesetzt.

Was hätte man denn tun können?

Sauter: Die Handlungsfelder sind nicht riesig, doch wir hätten unsere Dienstleistungen im Rahmen unserer Möglichkeiten ausgebaut. Wichtig war der enge Kontakt mit besagter Bank, um stets zu wissen, womit allenfalls zu rechnen ist.

Sorgenkind ist die Industrie - wie lange noch, wo es Anzeichen gibt, dass der globale Abschwung gestoppt ist?

Sauter: Auf dem Arbeitsmarkt geht die Entwicklung vorderhand in die entgegengesetzte Richtung. Es sind vor allem das produzierende Gewerbe und die Industrie, die Kündigungen ausgesprochen oder Kurzarbeit eingeführt haben - auf Herbst, Winter hin ist hier mit weiteren Entlassungen zu rechnen.

Würde es etwas bringen, die maximale Dauer der Kurzarbeit auszudehnen?

Sauter: Die Entlassungen erfolgen in einem kleineren Teil der Fälle, weil die zur Verfügung stehenden 18 Monate Kurzarbeit abgeschöpft sind. In Regel ist der Grund die Liquidität der Unternehmen. Sie müssen ja nicht nur Löhne, sondern auch Lieferanten, Miete usw. bezahlen. Mit anderen Worten: Den Firmen geht das Geld aus.

Würde ein Fonds unter Umständen etwas bringen?

Sauter: Diesbezüglich wurden verschiedene Ideen geäussert; im Tessin zum Beispiel gibt es einen KMU-Unterstützungsfonds. In einem kleinen Kanton ist so etwas sicher machbar. Für den Kanton Zürich mit fast 70 000 Unternehmen würde es aber sehr schwierig, das von heute auf morgen auf die Beine zu stellen. Um Gelder aus einem solchen Fonds zu sprechen, müssten Firmen bewertet werden, die Verwaltung hat das dafür nötige Know-how nicht. Dieses liegt bei den Banken.

Unter anderem bei der Kantonalbank.

Sauter: Genau, sie steht jetzt in der Verantwortung. Geld hat sie ja genug. Allerdings kann auch sie nicht konkursiten Unternehmen Geld nachwerfen. Generell ist festzuhalten, dass wir seitens der Banken im Kanton Zürich bis jetzt zwar eine gewisse Zurückhaltung bei der Kreditvergabe verspüren, aber keinen drastischen Rückgang. Ich sage das mit Zuversicht: Die Schweizer Banken sind sich heute alle ihrer volkswirtschaftlichen Bedeutung bewusst.

Ab wann rechnen Sie mit sinkenden Arbeitslosenzahlen?

Sauter: Wir machen keine Prognosen, wie bereits erwähnt. In unserem Szenario gehen wir davon aus, dass frühestens Ende 2010 eine Besserung eintreten kann.

Die Wirtschaftsprognostiker waren sich vor allem zu Beginn der Krise oft uneinig. Wie macht man da eine vernünftige Personalplanung für die RAV?

Sauter: Das ist in der Tat nicht ganz einfach. Und so bin ich auch ein wenig stolz, dass wir in den letzten Jahren stets richtig lagen. Wir haben im letzten Aufschwung die Zahl der RAV-Berater und -Beraterinnen senken können, ohne Kündigungen aussprechen zu müssen. Nun haben wir genug früh regiert, sodass das Betreuungsverhältnis im Kanton Zürich nach wie vor bei 100 Stellensuchenden auf einen RAV-Berater liegt - so wie es vom Seco empfohlen wird.

Können Sie das vielleicht noch etwas quantifizieren?

Sauter: Seit Ende letzten Jahres haben wir zusätzliche 80 Berater und Beraterinnen für die RAV rekrutiert, und wir werden noch einmal so viele anstellen. Bei der Arbeitslosenkasse und der Abteilung Arbeitslosenversicherung stellten wir ausserdem rund 15 Personen an, weil es auch dort mehr Arbeit gibt. Das bedeutet in etwa eine Personalaufstockung um 30 Prozent. Da wir nicht überstürzt einstellen müssen, bleibt auch genug Zeit für die nötige Ausbildung.

Viele Arbeitnehmer kamen im Rahmen der seit 2006 geltenden Personenfreizügigkeit mit der EU in die Schweiz. Nun werden sie oft als erste entlassen. Ein Problem?

Sauter: Sie haben in die Arbeitslosenversicherung einbezahlt und nun auch das Recht, sie in Anspruch zu nehmen.

Dennoch: Vor allem gegen die Deutschen wurde diesbezüglich schon medial mobilgemacht.

Sauter: Was unfair ist. Die Deutschen kamen, weil Schweizer Firmen sie gebraucht und daher angestellt haben. Der Grossteil von ihnen ist übrigens in der Industrie und im Gastgewerbe, das momentan ebenfalls stark unter Druck steht, tätig - weniger im Finanzsektor. Und so sprechen nun in der Tat auch Deutsche in den RAV vor - aber nochmals: Sie haben wie alle andern mindestens ein Jahr lang einbezahlt. Im Übrigen sind die Deutschen und allgemein jene Ausländer, die in den letzten drei, vier Jahren zu uns gekommen sind, meist gut ausgebildet und haben somit auch Chancen, bald wieder irgendwo unterzukommen.

Gibt es Forderungen an die Politik im Hinblick auf die nun schwierige Zeit?

Sauter: Es wäre jetzt sicher der falsche Zeitpunkt, um grosse Sparprogramme oder Steuererhöhungen zu beschliessen, auch wenn sich Löcher in den öffentlichen Haushalten abzeichnen. Auch diese Krise wird vorbeigehen. Mit hoher Innovationskraft dank guter Bildungsinstitutionen und anerkannt hoher Lebensqualität wird der Kanton Zürich auch kommende Herausforderungen meistern.