Investitionen
Den Unternehmen vergeht die Lust auf Kredite

Die Banken wollen mehr Geld ausleihen, als die Wirtschaft brauchen kann. Unternehmen wie Private haben keinen Bedarf an zusätzlichen Limiten.

Tommaso Manzin
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Fassade der SNB in Bern.

Fassade der SNB in Bern.

Im November 2014 schoss die Zunahme an Krediten, die Banken zu sprechen bereit waren, in die Höhe. Die Summe der von den Kreditnehmern tatsächlich beanspruchten Kredite wächst dagegen immer weniger.

Am auffälligsten ist die Entwicklung bei den Haushalten. Aber auch bei Unternehmen zeigt sich diese Tendenz. Im Interview mit der «Nordwestschweiz» erklärt Peter Bühlmann, CEO der Neuen Aargauer Bank (NAB): «Wir haben per Mitte Jahr zwei Prozent mehr Gelder als Firmenkredite bewilligt als Anfang Jahr. Sie werden aber nur zu 80 Prozent genutzt.»

Diese Entwicklung ist nur auf den ersten Blick ein blosses Luxusproblem. In Wirklichkeit sind die Ursachen für das Phänomen beunruhigend: die Euro-Schwäche und die damit verbundenen Massnahmen der Schweizerischen Nationalbank (SNB). Kein Zufall dürfte nämlich der Zeitpunkt sein, da das Wachstum bei den Limiten hochschoss: Der November 2014 ist just jener Monat, in dem die SNB die Negativzinsen für Geschäftsbanken ankündigte. Zunächst mussten die Geldhäuser für ihre Bargeldreserven, die sie bei der Zentralbank lagerten, einen Strafzins von 0,25 Prozent bezahlen; am 5. Januar wurden diese Zinsen dann noch einmal weiter auf 0,75 Prozent in den negativen Bereich gedrückt.

Kredite als Gegenmassnahme

Die Banken wussten: Das wird teuer. Für Institute mit einem grossen Bestand an Kundengeldern und eher geringer Kreditvergabe belaufen sich diese Zahlungen in der Höhe von zweistelligen Millionenbeträgen pro Jahr. Die Banken wälzen diese Kosten nur in Ausnahmefällen auf ihre Kunden ab, indem sie ihnen ebenfalls Gebühren für ihre Einlagen verrechnen. Wie die Bankiervereinigung erklärt, werden die Negativzinsen zwar teilweise an Firmenkunden weitergegeben, nicht aber an Private oder KMU. Die Banken können nur versuchen, ihren Bargeldbestand zu verringern – am besten, indem sie das Geld ausleihen.

Kurz zusammengefasst: Die Banken haben ihre Kreditlimiten erhöht, in der Hoffnung, dass sich Firmen dann Geld leihen. Es würde dann nicht mehr auf dem SNB-Girokonto liegen und negativ verzinst würde.

Vielleicht noch für Jahre negativ

Bloss haben die Geldinstitute ihre Rechnung ohne die Kunden gemacht. Unternehmen wie Private haben keinen Bedarf für einen guten Teil der zusätzlichen Limiten. Dieses abnehmende Interesse an der Grosszügigkeit der Banken war schon seit Mitte 2013 zu beobachten. Offensichtlich verstärkt wurde diese Tendenz dann aber durch eine andere SNB-Massnahme: die Aufgabe des Mindestkurses von Fr. 1.20 für den Euro am 15. Januar. Peter Bühlmann von der NAB erklärt: «Seit dem SNB-Entscheid vom Januar haben sich Unsicherheit und Preisdruck unter den KMU verstärkt. Die Unternehmen sind zurückhaltender geworden gegenüber neuen Investitionen.»

Mit der gleichzeitigen Verschärfung der Negativzinsen wollte die SNB die Auswirkung des Aus für den Euromindestkurs abfedern. Denn je weiter unter Null die Verzinsung in der Schweiz ist, desto weniger attraktiv sind Anlagen oder Sparkonti hierzulande für Ausländer. Und fliesst weniger Geld in die Schweiz, lässt der Aufwertungsdruck auf den Franken nach.

Wie lange noch Negativzinsen?

Die Banken dürften also weiterhin versuchen, ihr Kreditangebot auszuweiten. Gut denkbar, dass das Negativzinsregime länger in Kraft bleibt als gedacht. Jürg Rimle, Schweiz-Chef von PIMCO – einem der weltweit grössten Obligationenmanager – ist überzeugt: «Die Negativzinsen dürften eher eine Sache von einigen Jahren als einigen Monaten sein. Die SNB erachtet die Zinsen nach dem Wegfall des Euro-Mindestkurses wieder als ihr Hauptinstrument im Kampf gegen die Frankenstärke.»

Sollte sich diese wieder akzentuieren, könnte die SNB die Zinsen noch weiter in negatives Terrain drücken. Bleibt der Franken unter Aufwertungsdruck, wird die Unsicherheit in der Exportindustrie ebenfalls anhalten, was über die Frage der Arbeitsplatzsicherheit auch jene der Konsumenten vergrössert. Die Schere zwischen Angebot und Nachfrage im Kreditmarkt könnte sich durchaus weiter öffnen.