Steuerhinterziehuung
Der Fall Hoeness hält die Zürcher Bahnhofstrasse auf Trab

Die Selbstanzeige von FC-Bayern-Präsident Uli Hoeness sorgt bei Steueranwälten an der Zürcher Bahnhofstrasse für Hochkonjunktur. Der 35-jährige Jesco Idler ist einer von ihnen, spezialisiert auf Selbstanzeigen.

Uli Kreikebaum
Merken
Drucken
Teilen
Uli Hoeness und die Bahnhofstrasse

Uli Hoeness und die Bahnhofstrasse

key

Wenn der Mandant prominent ist, fährt Jesco Idler die Selbstanzeige persönlich zum Finanzamt. Er macht dann einen Termin mit dem Behördenchef, man spricht über den Fall, vereinbart, bei Unstimmigkeiten sofort zu telefonieren. «Ein Vertrauensverhältnis zu Finanzämtern und Steuerfahndern ist die Basis für unsere Arbeit», sagt Idler. Eine Selbstanzeige ist ein Geständnis, also eine heikle Sache, wenn sie nicht vollständig ist. Und der Staat vertraut Idlers Kunden längst nicht mehr.

Jesco Idler, Steueranwalt.

Jesco Idler, Steueranwalt.

ho

Sicherer in der Schweiz

Der 35-Jährige empfängt im «Weissen Salon» der Bonner Zentrale, einem unscheinbaren Gebäude im früheren Regierungsviertel. Idler schläft in diesen Wochen nicht viel, weil gerade besonders viele Geldbesorgte zu ihm kommen. Man unterhält sich eher nicht in Bonn, lieber trifft man sich fern der Heimat, an der Bahnhofstrasse in Zürich. Hier sitzen viele der Privatbanken, in denen das Geld von Idlers Kunden lagert, hier hat auch Flick Gocke Schaumburg ein Büro.

«Viele unserer Kunden fühlen sich in der Schweiz sicherer. Nach dem Motto: Was in der Schweiz besprochen wird, bleibt auch in der Schweiz», sagt Idler. Die Angst vor Enthüllungen sei vor allem bei Prominenten und regional bekannten Unternehmern gross. «Und diese Angst ist noch gewachsen, seit Uli Hoeness’ Selbstanzeige an die Öffentlichkeit gekommen ist.» Zumal der Fall Hoeness mit einer Hausdurchsuchung und vorläufigen Festnahme einhergegangen sein soll. «Dies deutet darauf hin, dass etwas schiefgelaufen ist», sagt Idler. «Der Verfahrensverlauf ist zumindest sehr ungewöhnlich.»

Die Sorgen haben zugenommen

Viele seiner Kunden hätten ähnlich wie Hoeness abgewartet, ob das deutsche Steuerabkommen mit der Schweiz zustande kommt. Hätte der deutsche Bundesrat das Abkommen nicht abgelehnt, hätten die Steuersünder ihr Vermögen komplett nachversteuert und sich nicht selbst anzeigen müssen.

So rufen nun noch mehr besorgte Wohlhabende als sonst in der Kanzlei an – «mit jeder Bekanntgabe eines Steuerdaten-CD-Kaufs, von Offshore-Leaks oder Hoeness ein paar mehr». Mindestens sechs Kundengespräche führt Idler jede Woche allein in Zürich.

Ob nach Zürich, Bonn, Berlin, Frankfurt, München oder Wien – in die renommierte Kanzlei kommt jeder. Manchmal stünden verzweifelte Sparer mit 10 000 oder 15 000 Euro in bar vor der Haustür und bäten, das Geld doch bitte so schnell wie möglich «legal zu machen». Es kommen Lehrer und Unternehmer, Fussballspieler und Metzgermeister, auch ein Finanzbeamter hat sich schon selbst angezeigt. Leute aus dem Rotlichtmilieu? «Selten, hatten wir aber auch schon. Der kam im Pelzmantel mit Bentley und wollte mit zum Termin mit der Steuerfahndung. Das war auch kein Problem, er war sehr umgänglich.»

Jesco Idler redet offen, dem Klischee des glatten Geldexperten entspricht er nicht. Das Steuerhandwerk ist zwar die Voraussetzung für seine Arbeit, aber nicht das Wichtigste. «Den Kunden die Verfahrensschritte zu erklären und die Angst zu nehmen, nach der Selbstanzeige stigmatisiert zu werden, steht an erster Stelle. Es geht viel um Psychologie.»

Im ersten Gespräch klärt Idler, woher das Vermögen kommt, ob es lediglich um unversteuerte Zinseinnahmen geht oder auch andere «Speisungen», Schenkungen oder Erbeinnahmen «nachzudeklarieren sind». Es folgt meist die besorgte Frage nach dem Ablauf des Verfahrens: Idler sagt dann, dass die Kanzlei die Bankdaten anfordert, aufbereitet und doppelt prüft, die deutschen Besteuerungsgrundlagen ermittelt und schliesslich die sogenannte Selbstanzeige –- die nachträgliche Steuererklärung samt Bankunterlagen –- beim Finanzamt abgibt.

Ermittlungsverfahren ist Standard

«Jeden Kunden weisen wir daraufhin, dass standardmässig ein steuerstrafrechtliches Ermittlungsverfahren zur Überprüfung eingeleitet wird», sagt Idler. «Viele wissen davon nichts und fallen aus allen Wolken, wenn die Einleitungsverfügung über das Ermittlungsverfahren bei ihnen im Briefkasten liegt.» Wenn die Selbstanzeige für korrekt befunden wird und die Steuern nachgezahlt sind, werde dieses Verfahren lautlos wieder eingestellt.

Für die Datenaufbereitung braucht die Kanzlei «zwei bis vier Wochen». Entscheidend sei, die Kontobewegungen lückenlos darzustellen – es komme vor, dass Mandanten sich an Ein- oder Auszahlungen, die Jahre zurückliegen, nicht mehr erinnern. «Die Steuerfahndung darf natürlich keine Lücken finden.» Steuerhinterzieher, die ihm wissentlich Schwarzgeldkonten vorenthielten und später aufflögen, sei leider nicht zu helfen. «Es gibt trotz immer schärferer Gesetze immer auch die, die denken, sie sind schlauer als die Ermittlungsbehörden.»

Die Angst vor der Enttarnung treibt Blüten: Klienten wollen lieber durch die Tiefgarage oder einen Hintereingang zum Beratungsgespräch für eine Selbstanzeige kommen, sie rufen von einer Telefonzelle am Bahnhof an, damit sich der Anruf nicht nachverfolgen lässt. Noch fantasievoller werden manche, wenn es darum geht, Bargeld zurück nach Deutschland zu bringen oder Bankdaten zu verstecken: «Da werden Innenfutter im Autositz umgenäht oder Motorräume bespickt. USB-Sticks werden im Garten vergraben, Notizbücher mit Verschlüsselungscodes versehen. Bei all der Energie wird vergessen, dass Daten auch anderweitig ans Licht kommen können.» Zum Beispiel über CDs.

«Possierlich» nennt Idler die Verschleierungsbemühungen und erzählt von einem Mann, der 3,5 Millionen D-Mark von Schweizer Konten in Euro umwandeln wollte und Buch führte über jede Bank in der Region, die er zu Wechselzwecken aufsuchte. Oder dem Reichen, der schnell sein ganzes Vermögen in Gold und Platin umwandeln liess.

Idler rät jedem dieser angstgetriebenen Aktionisten zur Selbstanzeige. «Tun sie es vollständig, werden sie straffrei, es sei denn, eine Steuerprüfung läuft bereits oder ist angekündigt.» Und wenn sie nur Teile ihres Vermögens angeben wollen? «Dann kommen sie für uns als Kunden nicht infrage. Zu unwirksamen Selbstanzeigen können wir nicht raten. Und es geht um Integrität, sonst könnten wir nicht vertrauensvoll im Sinne unserer Mandanten mit den Finanzbehörden zusammenarbeiten.»

50 Prozent Steuern sind zu viel

Nach knapp eineinhalb Stunden im «Weissen Salon» guckt Jesco Idler auf die Uhr. Seine Arbeitswoche hat 75 Stunden. Ein paar Kunden dürften in der Zwischenzeit angerufen haben, durchgedrungen ist nichts, kein Handyklingeln, keine klopfende Sekretärin. Ein paar Grundsatzfragen sind noch offen.

Haben die Mandanten ein Unrechtsbewusstsein? «Schon. Es gehört ja auch Mut dazu, sich selbst anzuzeigen.» Es gebe natürlich auch «Rechtfertigungsreflexe» wie: «Über 50 Prozent Einkommenssteuer wollten wir damals nicht zahlen.» Oder: «Das Geld ist ja kein Schwarzgeld, es kommt aus versteuertem Geld.» Die Kanzlei sage dann gern, dass das Geld aber leider schwarzen Nachwuchs bekommen habe.

Sind Selbstanzeigen, um straffrei auszugehen, nicht eine Form der Reichenprivilegierung, die nicht mehr zeitgemäss ist? «Ich denke, es ist ein sehr wirksames Mittel, um dem Staat hohe Geldsummen zurückzugeben.» Und man rede ja nicht nur über Reiche, sondern ganz normale Bürger, die ein bisschen sparen wollten.

Und wie funktioniert die Arbeit als Mittler zwischen Steuerhinterzieher und Staat moralisch? «Ich bin mir bewusst, dass meine Klienten eine Straftat begangen haben. Ich urteile jedoch nicht über sie. Das Gesetz sieht ausdrücklich eine Möglichkeit vor, Straffreiheit zu erlangen.» Er könnte seine Arbeit daher gut mit seinem Gewissen vereinbaren.