Der Franken steigt und niemand schreit

Die Schweizer Wirtschaft hat mit dem Wechselkurs zu leben gelernt. Rasche Aufwertungsschübe bleiben dennoch eine Bedrohung.

Daniel Zulauf
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Die Preise für Hotels und Restaurants steigen im Ausland viel stärker als in der Schweiz, was die Folgen der Frankenaufwertung für den Tourismus mindert.

Die Preise für Hotels und Restaurants steigen im Ausland viel stärker als in der Schweiz, was die Folgen der Frankenaufwertung für den Tourismus mindert.

Bild: Marcel Bieri/Keystone (Sörenberg, 15. Februar 2020)

Seit Anfang Dezember ist eine markante Aufwertungsdynamik des Frankens im Vergleich zum Euro im Gang. Die Gemeinschaftswährung hat sich in dieser kurzen Zeit um mehr als 3 Prozent abgewertet. Kostete ein Euro vor zehn Wochen noch knapp 1.10 Franken, ist dieser inzwischen für nur noch gut 1.06 Franken zu haben.

Für grosse Teile der Schweizer Exportwirtschaft stellt dies in dem angespannten internationalen konjunkturellen Umfeld eine erhebliche Zusatzbelastung dar. Das gilt in erster Linie für die mit relativ knappen Margen kalkulierende Industrie. Diese muss zudem direkt und indirekt die aktuelle Nachfrageschwäche der deutschen Automobilbauer verkraften. In einem sich intensivierenden Wettbewerb können Schweizer Maschinen- und Anlagenbauer ihre Wechselkurseinbussen nur schwerlich auf die Kunden überwälzen, ohne den Verlust von Aufträgen befürchten zu müssen. Viele nehmen die Aufwertung des Frankens deshalb auf die eigene Kappe und opfern einen Teil ihrer Gewinne gegen den Erhalt von Marktanteilen.

Mit solchen Situationen sah sich die Schweizer Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie in den vergangenen Jahren allerdings schon oft konfrontiert. Der grosse Frankenschock von Anfang 2015, als die Nationalbank den Euro-Mindestkurs aufhob und mindestens kurzzeitig eine Aufwertung des Frankens um 15 Prozent zuliess, ist in der Branche noch in wacher Erinnerung. Ein Jahr nach diesem Ereignis klagte deren Verband Swissmem, dass rund ein Drittel aller Mitgliedsfirmen rote Zahlen schreiben würden.

Die Warnung der Industrie ist nicht mehr so alarmistisch

Zum damaligen Zeitpunkt bewegte sich der Euro-Frankenkurs aber noch bei 1.10, was für die betroffenen Unternehmen im Vergleich zum derzeitigen Kurs noch deutlich komfortabler war. Dennoch klagt die Branche heute deutlich weniger laut als damals. Zwar spricht der Verband von einer «erheblichen» Schwächung der Wettbewerbsfähigkeit seiner Mitgliedsfirmen als Folge der «deutlichen Überbewertung» des Frankens. Zudem fordert er die Nationalbank auf, «alle sinnvollen Massnahmen zu ergreifen», um eine weitere Aufwertung zu verhindern. Doch die Warnung kommt offenkundig weniger alarmistisch daher wie damals.

Ein Grund dafür dürfte zunächst in der Hoffnung der Schweizer Exporteure zu suchen sein, die mit einer Abschwächung der aktuellen Aufwertungsdynamik rechnen, sobald die Ausbreitung des Corona-Virus unter Kontrolle ist. Der starke Einfluss des Virus auf den Wechselkurs zeigt sich etwa am Umstand, dass sich der Dollar gegenüber dem Franken seit Anfang Jahr um mehr als 2 Prozent aufgewertet hat. In Krisenzeiten übernimmt der Dollar, ähnlich wie der Franken, die Funktion eines sicheren Hafens für internationale Investoren. Dies dürfte auch erklären, weshalb sich die US-Währung seit der Entdeckung des Virus auch gegenüber dem Euro um gut 3 Prozent aufgewertet hat.

Etwas ruhiger als vor ein paar Jahren geht es in der Industrie wohl auch deshalb zu und her, weil man sich dort, nach im Januar 2015 abgelaufenen vierjährigen Euro-Mindestkurs-Schonzeit wieder auf den langfristigen Aufwertungstrend des Frankens eingestellt hat. So wurden in der Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie seit 2015 rund 30'000 Stellen abgebaut beziehungsweise in günstigere Standorte im Ausland verlagert. Gemäss Rudolf Minsch, Chefökonom des Wirtschaftsdachverbandes Economiesuisse, würde es für die Schweizer Industrie bei einem Kurs von 1 Franken pro Euro ganz schwierig werden.  

Preise steigen im Ausland viel stärker als in der Schweiz

Hilfreich ist schliesslich auch die markante Inflationsdifferenz zwischen dem Euro-Raum und der Schweiz. Diese führt dazu, dass die Preise in der Eurozone im Durchschnitt schneller steigen als in der Schweiz, was die Folgen der Frankenaufwertung auf lange Sicht deutlich mindert. Veranschaulicht wird dies zum Beispiel durch eine Analyse der Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich für den Tourismus. So sind die Preise für Hotels und Restaurants in Österreich seit 2005 im Mittel um 35 Prozent stärker gestiegen als in der Schweiz. In der gleichen Zeit hat sich der Franken zum Euro zwar um 40 Prozent aufgewertet, aber real ist die Schweiz für ausländische Touristen nur 5 Prozent teurer geworden als die Konkurrenzdestinationen im Nachbarland.

Auf das kurzfristige Nachfrageverhalten hat die Inflationsdifferenz allerdings fast keine Wirkung, weshalb die Nationalbank alles daran setzen muss, kurzfristige Aufwertungsschübe zu bremsen. Minsch warnt denn auch, dass die Zahl der in Not geratenden Exportfirmen exponentiell zunimmt, wenn sich der Euro-Frankenkurs allzu schnell auf die Parität zubewegt. Auch beim Industrieverband Swissmem scheint man indessen anzuerkennen, dass ein kurzfristig besserer Wechselkurs nicht gratis zu haben ist. Dafür müsste die Nationalbank entweder den Leitzins noch tiefer ins Minus drücken oder grössere Summen für die Verteidigung bestehender Kurslimiten aufwenden. Beide Massnahmen hätten unerwünschte Nebenwirkungen und würden wohl auch politisch auf Widerstand stossen. Spätestens seit Januar, als die USA die Schweiz wieder auf ihre Liste der potenziellen Währungsmanipulatoren aufgenommen hat, dürfte auch die Wiederaufnahme eines Mindestkurses keine Option mehr sein.

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