Aufholjagd
Der Franken wird schwächer – bekommt Thomas Jordan recht?

Der Euro hat sich gegenüber dem Schweizer Franken in den letzten Tagen klammheimlich aufgewertet. Ist das nur ein Strohfeuer? Oder bekommt SNB-Präsident Thomas Jordan recht, der stets sagte, dass sich der Kurs «auf mittlere Sicht» einpendeln werde?

Thomas Schlittler
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Als die Schweizerische Nationalbank (SNB) am 15. Januar die Aufhebung des Mindestkurses verkündete, stürzte der Euro-Kurs ins Bodenlose. Für kurze Zeit war ein Euro für 84 Rappen zu haben. SNB-Präsident Thomas Jordan kommentierte die panischen Reaktionen bewusst kühl: «Märkte tendieren zum Überschiessen.» Der Franken sei «riesig überbewertet» – auf mittlere Sicht werde sich das aber einpendeln.

In den darauffolgenden Tagen blieben Jordans Worte ein frommer Wunsch. Eine Woche nach Aufhebung des Mindestkurses kostete ein Euro noch immer nur 99 Rappen. Die Panik wurde fassbar. Zahlreiche Unternehmen kündigten wegen der Frankenstärke Massnahmen an: Ob Lohnsenkungen, Euro-Löhne, Kurzarbeit oder Arbeitszeitverlängerungen – fast täglich kam eine Hiobsbotschaft für die Arbeitnehmenden.

Die KOF Konjunkturforschungsstelle der ETH passte Ende Januar gar ausserplanmässig ihre Konjunkturprognose an. Die Ökonomen sagten der Schweiz eine Rezession voraus. Die Annahme für ihre Vorhersage: Ein Euro kostet bis Ende 2016 einen Franken.

Gleichzeitig gaben zahlreiche Wirtschaftsvertreter und Politiker Einschätzungen ab, mit welchem Eurokurs die Schweizer Wirtschaft leben könne. So sagte etwa Finanzministerin Eveline Widmer-Schlumpf, dass «ein Kurs von 1.10 für die Schweizer Wirtschaft zu verkraften» sei.

Erholung trotz Griechenland

Während die Diskussionen heiss liefen, kletterte der Eurokurs Stück für Stück nach oben: Am 27. Januar kostete ein Euro 1,03 Franken, am 29. Januar 1,05, am 3. Februar 1,06 und heute Nachmittag notierte der Euromittelkurs an den Devisenmärkten bei 1,08 Franken. Erstaunlich ist diese Entwicklung vor allem deshalb, weil eine Eskalation im Schuldenstreit zwischen der EU und Griechenland in den letzten Wochen nicht ausgeschlossen werden konnte.

Die Entwicklung von SMI und Euro.

Die Entwicklung von SMI und Euro.

Key/NCH

Ein Eurokurs von 1,08 ist noch kein Grund, in Euphorie zu verfallen. Auch bei diesem Kurs bleibt der Euro gegenüber dem Schweizer Franken massiv unterbewertet. Und für den Tourismus und viele Exportfirmen ist es auch bei 1,08 sehr schwierig, profitabel zu wirtschaften. Doch es ist immerhin ein Hoffnungsschimmer.

Ein Beispiel: Beim Ostschweizer Technologiekonzern Bühler müssen die rund 2500 Mitarbeiter in der Schweiz seit Mitte Februar 45 statt 40 Stunden arbeiten pro Woche – zum gleichen Lohn. Verharrt der Euro aber während mindestens drei Wochen über 1,08 Franken, beträgt die wöchentliche Arbeitszeit nur noch 42,5 Stunden. Und wenn er so lange über 1,15 Franken bleibt, wird wieder normal gearbeitet. Es stellt sich deshalb die Frage: Wie nachhaltig ist die Erholung des Eurokurses?

Ökonomen sind sich uneinig

Abschliessend sagen kann das niemand. Raiffeisen-Ökonom Roland Kläger ist aber optimistisch: «Ich halte die Franken-Abschwächung für stabil und nachhaltig.» Er nennt vier Hauptfaktoren für diese Einschätzung:

1. Die Ankündigung der SNB, bei Bedarf weiterhin am Devisenmarkt zu intervenieren, schrecke Spekulanten ab.

2. Die Negativzinsen, die ihre Wirkung nicht verfehlen würden.

3. Die leichte wirtschaftliche Erholung in der Eurozone.

4. Die Tatsache, dass der Franken noch immer stark überbewertet sei, wenn man die Kaufkraftparität betrachte.

Es sind aber nicht alle Ökonomen so zuversichtlich wie Kläger. Thomas Flury, Devisenexperte bei der UBS, äussert sich gegenüber «Cash.ch» skeptisch: «Wir trauen der jüngsten Abschwächung des Frankens nicht richtig.» Auch Flury hat für seine Einschätzung vier Argumente parat:

1. Die Europäische Zentralbank (EZB) hat ihr massives Kaufprogramm für Anleihen noch nicht einmal gestartet und keiner wisse, wo das ende.

2. Der noch immer ausstehende Zinsentscheid der USA.

3. Die weiterhin unsichere Lage in der Ukraine.

4. Die Tatsache, dass die Negativzinsen eine spürbare Belastung für den Finanzsektor seien und dass bei einem noch höheren Euro-Franken-Kurs die Kritik an diesem Instrument schnell lauter werde.

Ob Thomas Jordan mit seinen beschwichtigenden Worten recht behalten wird, ist also immer noch unsicher. Aber zumindest war die Kursentwicklung in den letzten Wochen besser, als das viele erwartet hatten.