Offshore-Leaks
Der Kampf des James Ball

Für Europas Linke klingt Offshore-Leaks wie eine Offenbarung: «Arme Reiche!» titelte die alternative deutsche «Tageszeitung» gestern fröhlich.

Gieri Cavelty
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Eines der Offshore-Paradiese: Die Britischen Jungferninseln.

Eines der Offshore-Paradiese: Die Britischen Jungferninseln.

Keystone

Tatsächlich diskreditiert aber haben die ersten Einblicke in die Welt der Steueroasen allen voran einen Sozialisten: Der Wahlkampfmanager des französischen Präsidenten François Hollande besitzt Briefkastenfirmen auf den Cayman-Inseln. Das macht Hollande als Jäger der Reichen und Steuersünder, der er unbedingt sein möchte, einfach nur unmöglich.

Noch dürfte die Debatte allerdings auch erst am Anfang stehen. Besonders spannend präsentiert sich die Rezeption des famosen – mit welcher Absicht denn eigentlich an die Medien herangetragenen? – Datenpakets im angelsächsischen Raum. Führend im Offshore-Leaks-Geschäft ist die britische Tageszeitung «The Guardian» und innerhalb deren Redaktion wiederum ein ehemaliger Wikileaks-Mitarbeiter. Ebendieser James Ball wartet in seiner Berichterstattung freilich weniger mit echten Enthüllungen auf.

Vielmehr informiert er seine Leser mit Nachdruck darüber, dass es überhaupt britische Steueroasen gibt und wie gross in etwa die Anzahl der dort domizilierten Trusts ist. Das hätte das Publikum alles längst wissen können, bislang fehlte offenbar indes das Interesse. Die Frage deshalb ist: Nachdem es James Ball von der Aussenseitertruppe um Julian Assange bereits zum etablierten «Guardian» gebracht hat – wird er es auch ganz bis in die Mitte der Gesellschaft schaffen? Konkret: Inwiefern wird es ihm mit seinen Artikeln gelingen, die öffentliche Meinung und die Politik davon zu überzeugen, dass das britische Finanzsystem umgekrempelt werden muss?

Der bemerkenswerteste Beitrag auf dem Internetportal des «Guardian» übrigens ist bereits ein paar Monate alt, wegen Offshore-Leaks nun aber wieder prominent aufgeschaltet worden. Berichtet wird über die Britin Sarah Petre-Mears, Geschäftsführerin von über 1200 zur Steueroptimierung geschaffenen Finanzgesellschaften. Die Super-Chefin betreibt ihr Business vom winzigen Karibikstaat St. Kitts und Nevis aus. Darauf angesprochen, lässt der Premierminister von St. Kitts und Nevis – und jetzt kommts – dem «Guardian» ausrichten: «Das Offshore-Geschäft ist einer der Gründe, weshalb es uns gut geht. Wenn sich Grossbritannien wegen entgangener Steuern grämt, ist das wirklich nicht unser Problem!» Wie stark erinnert diese Rhetorik an das Denken, wie es in hiesigen Banker- und Politikerkreisen noch bis vor kurzem ganz selbstverständlich war – und einem inzwischen doch vorkommt wie aus einer dunklen Vorzeit.

Erfindet sich Britannien neu? Und knöpfen sich die von der Finanzkrise gebeutelten Staaten in aller Welt nun auch Steuerparadiese wie St. Kitts und Nevis vor? Lacht demnach die Linke am Ende doch am besten? Der Weg zur Steuergerechtigkeit ist in jedem Fall noch lang: Wer sich gestern etwa auf dem Internetportal des «Spiegels» über Offshore-Leaks informieren wollte, stiess auf eine Anzeige, die dem Surfer eine Geldanlage schmackhaft machen wollte – «12% Rendite im Jahr, ohne Risiko & zu 100% steuerfrei!»