Der Manager, der das Duell nicht scheut

Für die einen ist er der «Winkelried», der sich «einem feindlichen Verkauf der Sika» entgegenstellt. Für die anderen ist er ein «Sonnenkönig», der sich als Verwaltungsrats-Präsident verhält, als würde ihm Sika gehören. Ob unerschrockener Freiheitskämpfer oder absolutistischer Louis XIV – Paul Hälg ist neben der Erbenfamilie Burkard und Saint-Gobain-Chef Pierre-André de Chalendar die Schlüsselfigur in der Sika-Übernahmeschlacht.

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Sika-Präsident Paul Hälg kämpft gegen den Verkauf des Baarer Unternehmens. (Bild: Keystone)

Sika-Präsident Paul Hälg kämpft gegen den Verkauf des Baarer Unternehmens. (Bild: Keystone)

Ernst Meier

Paul Hälg, der gleichzeitig Dätwyler-CEO ist, übernahm im April 2012 das Amt des Sika-Präsidenten. Interesse am Job hatte auch der langjährige und sehr erfolgreiche Sika-CEO Ernst Bärtschi. Doch er wurde übergangen. Enttäuscht verliess Bärtschi den Baustoffzulieferer. Der VR entschied sich für Paul Hälg, Jan Jenisch wurde neuer CEO. Unter ihnen kam es zum Bruch mit der Familie. Sie fühlte sich von den beiden Managern immer mehr an den Rand gedrängt, wie Urs Burkard in einem Gespräch verriet.

Familie will Paul Hälg abwählen

In gut zwei Wochen ist die Sika-Generalversammlung. Paul Hälg wird dann seinen grossen Auftritt haben. Der Chemiker mit Doktortitel führt am 14. April durch die Aktionärsversammlung. Eigentlich sollte es Hälgs letzte Handlung als Sika-Präsident werden: Die Familie will ihn und zwei weitere «renitente» Verwaltungsräte abwählen. Stattdessen will sie ihren Anwalt Max C. Roesle zum Präsidenten küren. Hälg ist fest entschlossen, dies zu verhindern. Erreichen will er dies, indem er die Stimmenmehrheit der Familie auf unter 5 Prozent beschneidet. Von einer solchen in den Statuten festgelegten Vinkulierung war die Familie bisher ausgenommen. Unter Berufung auf ein Gutachten von Rechtsprofessor Peter Nobel wendet man die Vinkulierung an, «weil die Burkards mit Saint-Gobain eine Aktionärsgruppe bilden», schreibt Sika. Mit den Stimmen der Publikumsaktionäre wird der VR an der GV ein leichtes Spiel haben. Die Familie Burkard blitzt mit ihren Anträgen ab. Sie erlebt ein Debakel.

Verwaltungsräten droht Klage

Für Paul Hälg könnte das Vorgehen ebenfalls zu einem Debakel werden. «Es steht für den Verwaltungsrat viel auf dem Spiel», tönt es in Juristenkreisen. «Ich möchte nicht in deren Schuhe stecken», heisst es. Denn das Kantonsgericht Zug liess zwar im Entscheid vom letzten Montag die Frage unbeantwortet, ob eine Stimmrechtsbeschränkung rechtens ist. Das Gericht äusserte sich in der Begründung aber zu möglichen Folgen, falls der VR die Massnahme ergreift. «Der Verwaltungsrat ist für den Schaden verantwortlich, den er durch absichtliche oder fahrlässige Verletzung seiner Pflichten der Gesellschaft und deren Aktionäre verursacht», heisst es im Entscheid. Eine klare Warnung an die Sika-Chefs. Die Burkards können die GV-Entscheide vor Gericht anfechten; dereinst sogar Paul Hälg und Co. mit einer Verantwortlichkeitsklage eindecken. Notfalls haften diese auch mit ihrem Privatvermögen. Beim Sika-Verkauf geht es um eine Summe von 2,75 Milliarden Franken.

Seit der Swissair-Pleite versichern sich wichtige Verwaltungsräte in der Schweiz gegen mögliche Klagen – Organ- und Management-Haftpflichtversicherung in der Fachsprache. Fraglich ist aber, ob ein Versicherer ein Risiko wie jenes der Sika-Chefs abdeckt. Der Fall hat nämlich einen Schönheitsfehler: Management und Verwaltungsrat gehen gegen etwas vor, das sie während Jahren gegenüber Aktionären und deren Interessenvertreter verteidigt haben: Die Ungleichbehandlung durch Stimmrechtsaktien und Opting-out-Klausel. Kleines, aber wichtiges Detail dazu – im Geschäftsbericht 2013 teilte Sika mit: «Sika kennt weder statutarische Gruppenklauseln noch anderweitige Stimmrechtsbeschränkungen und somit auch keine Regeln zur Gewährung von Ausnahmen.» Ein Jahr später fehlt im aktuellen Geschäftsbericht der Satz. Grotesk auch: Der Aktionärsdienstleister zRating setzt sich schweizweit für moderne Corporate-Governance-Richtlinien ein, kritisiert aber den Widerstand der Sika-Führung. «Das Vorgehen ist juristisch äusserst fragwürdig. Durch mögliche Klagen können Kosten entstehen, die am Schluss das Unternehmen und alle Aktionäre zu zahlen haben», warnt Michael Otte von zRating.

Zuspruch von Investoren

Was treibt Paul Hälg an, einen so heiklen juristischen Streit zu provozieren und seine Karriere zu riskieren? Derzeit äussere er sich nicht zum Thema, heisst es bei Sika. In einem früheren Interview sagte Hälg: «Der Verwaltungsrat ist allen Aktionären verpflichtet.» Würde man sich nicht wehren, könnten die 84 Prozent der Publikumsaktionäre auch gegen sie vorgehen. Hälg verweist auf den Umstand, dass Saint-Gobain ihm Geld angeboten habe, damit er mit der neuen Führung kooperiere. Er lehnte ab. Als Winkelried sieht er sich trotzdem nicht: «Das war ich vielleicht am Anfang, heute unterstützen unsere Haltung über 50 Prozent der Aktionäre.» Zuspruch erhält er auch direkt von Investoren. «Ich bin überzeugt, Paul Hälg leistet sehr viel Gutes für Sika sowie Dätwyler und ich schätze ihn als Mensch äusserst korrekt ein», sagt Marc Possa von der VV Vermögensverwaltung.

Ob der Sika-VR an der GV die Stimmen der Familie einschränkt und Klagen riskiert, bleibt offen. Wie Gary Cooper im Western-Klassiker «High Noon» muss Paul Hälg entscheiden, ob er sich der direkten Konfrontation mit den Gegnern stellt oder «wegreitet». Die Einladung zur GV vom 14. April deutet darauf hin, dass es zum Showdown kommt: «High Noon» beginnt um 14 Uhr in der Baarer Waldmannhalle.