Interview

Der neue Direktor der Industrie- und Handelskammer Zentralschweiz: «Für Grabenkämpfe ist jetzt nicht die richtige Zeit»

Adrian Derungs, Direktor der Industrie- und Handelskammer Zentralschweiz, spricht über die Auswirkungen der Coronakrise auf die regionale Wirtschaft.

Maurizio Minetti
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Direktor Adrian Derungs am IHZ-Sitz in Luzern.

Direktor Adrian Derungs am IHZ-Sitz in Luzern.

Nadia Schärli (6.4.2020)

Sie haben Anfang Jahr die Nachfolge von Felix Howald als Direktor der Industrie- und Handelskammer Zentralschweiz (IHZ) angetreten. Welche Bilanz ziehen Sie nach hundert Tagen?

Adrian Derungs: Ich habe mich schnell zurechtgefunden, auch weil ich einen grossen Teil des Teams kenne, da ich bereits von 2014 bis 2017 als wirtschaftspolitischer Berater bei der IHZ tätig war. Ich konnte für eine kurze Zeit den normalen IHZ-Alltag erleben und gestalten. Bis Ende Januar. Dann war sehr schnell sehr viel in Bewegung und es ging Schlag auf Schlag.

Sie sprechen die Coronakrise an, welche die Zentralschweizer Wirtschaft mit voller Wucht trifft. Wie ist der Stimmung bei den Unternehmen?

Wir haben noch vor der Ausbreitung des Coronavirus in Europa eine Umfrage bei unseren Mitgliedern durchgeführt. Daraus ging hervor, dass die Unternehmen verhalten optimistisch auf das Jahr 2020 blickten. Damals glaubte man noch, dass der chinesisch-amerikanische Handelsstreit und der Brexit die grössten Probleme darstellten. Wir gingen aufgrund der Coronakrise in China von möglichen Preissteigerungen bei den Frachtkosten aus und rechneten mit einer eher kurzen Delle…

Und heute?

Heute ist natürlich klar, dass auch unsere Mitglieder stark von der Krise in Mitleidenschaft gezogen werden. Die Rezession scheint mittlerweile unausweichlich. Nach dem Ausbruch der Coronakrise haben wir eine zweite Umfrage unter den grössten Exportfirmen durchgeführt. Diese hat gezeigt, dass zum Teil ganze Absatzmärkte eingebrochen sind. Heute Donnerstag startet nun eine schweizweite Umfrage des Staatssekretariats für Wirtschaft Seco und des Dachverbands Economiesuisse. Voraussichtlich Ende April werden wir erste Ergebnisse für die Zentralschweiz haben. Ich gehe davon aus, dass sich die Aussichten nicht verbessert haben.

Wie hilft die IHZ ihren Mitgliedern in dieser Situation?

Wir haben sehr schnell damit angefangen, die Flut an Informationen, die vor allem aus Bundesbern kommt, für unsere Mitglieder zu bündeln. Wenn der Bundesrat beinahe täglich seine Coronaverordnung anpasst, sorgt das verständlicherweise für viele Fragen bei den Firmen. Um am Ball zu bleiben, sprechen wir uns eng mit Economiesuisse und dem Arbeitgeberverband ab, die in der entsprechenden Taskforce des Bundes Einsitz haben. Im Kanton Luzern findet zudem ein regelmässiger und konstruktiver Austausch zwischen der Regierung, Wirtschaftsverbänden und den Gewerkschaften statt. Dann haben wir auch die Rechtsberatung sowie Dienstleistungen für Personalleiter ausgebaut. Ein wichtiger Teil unseres Angebots sind zudem die Schulungen für exportorientierte Unternehmen. Hier mussten wir natürlich schnell umsatteln, weil die Nutzung von Schulungsräumen oder Seminare bei den Unternehmen nicht mehr möglich sind.

Haben Sie auf Videokonferenzen umgestellt?

Ja. Wir sammeln noch Erfahrungen, aber mit Videokonferenzen kann man einen grossen Teil der Schulungen durchführen. Am Dienstag dieser Woche haben wir den ersten rein digitalen IHZ-Anlass durchgeführt. An der Videokonferenz mit Economiesuisse-Direktorin Monika Rühl und Arbeitgeberverband-Direktor Roland Müller nahmen über 90 IHZ-Mitglieder teil.

Pflegt die IHZ in dieser Zeit einen intensiveren Kontakt zur Politik?

Die IHZ pflegt den Kontakt zur Zentralschweizer Politik seit Jahren stetig und das Motto «In Krisen Köpfe kennen» hilft auch für die aktuelle Situation. Der Austausch zwischen den Zentralschweizer Kantonen funktioniert gut, auch wenn zurzeit grundsätzlich Bundesbern den Takt vorgibt. Wir erfahren jeweils unmittelbar, welche zusätzlichen Massnahmen ein Kanton beschlossen hat. Oft schnell und unkompliziert in einem gemeinsamen Whats­app-Chat. Grundsätzlich ist die Situation für alle Neuland und ich habe den Eindruck, dass die Politik besonnen reagiert hat. Es zeigt sich auch, dass die Hilfspakete nur deshalb möglich sind, weil der Bund und die Kantone in guten Zeiten haushälterisch mit dem Geld umgegangen sind. Das trifft übrigens auch auf viele Zentralschweizer Unternehmen zu. Spare in der Zeit, dann hast du in der Not; ein Grundsatz, an den wir uns auch in besseren Zeiten wieder erinnern müssen.

Welche Signale nehmen Sie aus der Gesellschaft wahr?

Manchmal werden «die Wirtschaft» und «die Gesundheit» gegeneinander ausgespielt. Etwa wenn es darum geht, ob die Industrieproduktion aufrechterhalten werden soll oder nicht. Aber es gibt kein Entweder-oder. Das sind keine trennbaren, unabhängigen Systeme, sondern das Gegenteil ist der Fall. Hier ist eine komplexe Maschinerie zum Stillstand gekommen und wir sind alle davon betroffen. Ein kompletter Stillstand muss unbedingt vermieden werden, damit das gesamte Gesellschaftssystem nicht noch mehr Schaden nimmt, etwa durch eine massiv steigende Arbeitslosigkeit.

Sie plädieren für eine Lockerung, wie sie der Bundesrat am Mittwoch in Aussicht gestellt hat.

Ja. Wer kein Geld verdient, kann nicht konsumieren; von den Nahrungsmitteln über kulturelle Angebote bis hin zu Kleidern, Elektronikartikeln oder Ferien. Wer kein Geld verdient, kann aber auch keine Steuern zahlen. Wenn weniger konsumiert wird, leiden die Unternehmen. Wenn weniger Steuern bezahlt werden, leidet die Finanzierung des modernen Sozialstaates, das heisst auch unser Gesundheitssystem. Für Grabenkämpfe ist jetzt nicht die richtige Zeit. Es braucht nun Mut, einen schrittweisen Ausstieg aus der aktuellen Situation zu planen und entsprechend umzusetzen. Der Entscheid des Bundesrats ist ein Schritt in die richtige Richtung.

Gewerkschaften sind jedoch der Meinung, dass Baustellen und Industriebetriebe, die nicht lebensnotwendige Güter produzieren, nun geschlossen werden müssen, um damit die Angestellten zu schützen.

Das wäre übertrieben. Uns ist wichtig, dass jene Teile der Wirtschaft, die noch einigermassen normal laufen, nicht abgewürgt werden. Es ist gleichzeitig aber auch wichtig, dass auf Baustellen und in Industriebetrieben die Vorschriften eingehalten werden.

Die Suva hat festgestellt, dass einige Baufirmen in Luzern die Vorschriften nicht eingehalten haben.

Es ist richtig, dass die Betriebe regelmässig kontrolliert werden, wie dies in den vergangenen Tagen auch passiert ist. Und wenn sie die Vorschriften nicht einhalten, ist eine temporäre Schliessung auch korrekt. Aber eine präventive Schliessung der industriellen Produktion ist unnötig. Es bringt niemandem etwas, wenn Angestellte in Kurzarbeit geschickt werden müssen, obwohl der Arbeitgeber genügend Aufträge hat.

Von der Coronakrise dürften auch die IHZ-Finanzen betroffen sein. Müssen die krisengeplagten Mitgliederunternehmen nun höhere Beiträge zahlen?

Nein, das ist nicht vorgesehen. Wir werden ein schwieriges Jahr haben und rechnen mit einem Minus, doch wird diese Krise hoffentlich auch irgendwann vorbei sein. Dann sind zum Beispiel die Exportdienstleistungen, die wir anbieten, auch wieder verstärkt gefragt. Wir mussten viele Veranstaltungen absagen, aber der jährliche Innovationspreis und das Zentralschweizer Wirtschaftsforum auf dem Pilatus sind weiterhin gesetzt. Von Seiten der Unternehmen haben wir gute Signale erhalten. Die Zahl der Mitglieder ist im ersten Quartal weiter angestiegen. Das werte ich als Zeichen dafür, dass man den Nutzen des IHZ-Netzwerks in dieser Krise schätzt.

Adrian Derungs (40) ist seit Januar Direktor der Industrie- und Handelskammer Zentralschweiz (IHZ). Der Krienser leitete zuletzt die Abteilung Unternehmenskommunikation und Public Affairs beim Stromanbieter CKW. Die IHZ ist eine von 18 Industrie- und Handelskammern in der Schweiz und wurde 1889 gegründet. Sie ist zuständig für die Kantone Luzern, Uri, Schwyz, Obwalden und Nidwalden. Ziel der IHZ ist, die Interessen der Unternehmen gegenüber den kantonalen und eidgenössischen Behörden zu vertreten und den Mitgliedern diverse Dienstleistungen, etwa beim Export, anzubieten. Aktuell hat die IHZ rund 800 Mitgliederfirmen.