Der neue Medien-Republikaner

Publizist Gottlieb F. Höpfli über das geplante Online-Magazin «Republik».

Gottlieb F. Höpli
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Gottlieb F. Höpli (Bild: Mareycke Frehner)

Gottlieb F. Höpli (Bild: Mareycke Frehner)

Nein, vor den ganz grossen Worten scheuen sie nicht zurück, die Initianten des «Projekts R»: Das geplante Online-Magazin mit dem programmatischen Titel «Republik» will gegen die «Medienkonzerne» antreten. Denn «die grossen Verlage verlassen die Publizistik: Sie bauen sich in hohem Tempo in Internet-Handelshäuser um». Als Gegenprojekt dazu will die «Republik», unabhängig von Werbung und Internetkommerz, Wachhund der Demokratie sein – und hatte erst einmal Erfolg: Mittels Crowdfunding wurde das Ziel von 3000 Abonnenten innert weniger Stunden erreicht – so viele waren nötig, um die von Investoren zugesagten 3,5 Startmillionen auszulösen.

Seither steigt die Zahl der Subskribenten.Beim Zwischenziel von 10 000 sei der «Weltrekord im Crowdfunding» gebrochen worden. Crowdfunding, die angesagteste Art des Spenden­eintreibens durch das virtuelle Schwarm-Spendenkonto. Und der Schwarm vergrössert sich von Stunde zu Stunde, melden die Initianten triumphierend. Das dürfen sie auch: Klappern gehört nun mal zum Geschäft. Auch im Geschäft mit alternativen Medien. Den etwas gar atemlos inszenierten Start der zehnköpfigen Crew in einem ehemaligen Zürcher Stundenhotel kommentierten die Schweizer Medien mit einer Mischung aus Herablassung und Bewunderung. Ein übertriebener Hype sei das, spotten Kollegen der gescholtenen Medien. Wer will sich schon als Lohnschreiber eines untergehenden Systems beschimpfen lassen. Einer, der nicht den Mut hat, gegen prinzipienlosen Kommerz der Verlagsetagen aufzustehen.

Der rasante Start des Projekts Rist aber unbestreitbar ein Indiz für ein gewisses Unbehagen gegenüber der aktuellen Entwicklung der Medien. Klar, die (Werbe-)Erträge der klassischen Medien schwinden, und im Internet sind es mächtige neue Player, die abkassieren und publizistisch nichts bieten. Dass sich aber vor allem grosse Medienhäuser wie Ringier und Tamedia zu «Internet-Handelshäusern» entwickeln und den wenig einträglichen Journalismus eindampfen, lässt viele Leser nicht kalt, weil sie sich nach wie vor als Staatsbürger, als Citoyens und nicht als gesichtslose User verstehen. Auf dem Kurs der Medienhäuser zu immer mehr Bildli und Video­streams, zu Skandal-, Empörungs- und Jöh-Themen vermisst ein Teil der bisherigen Leserschaft die gründlichen, das heisst auch längeren Texte. Und fragt sich besorgt, was werden soll, wenn die Printmedien die Segel streichen und angeblich ohne Qualitätseinbussen als Onlinemedien weiterbestehen. Das glaubt – aus bisheriger Erfahrung – keiner.

Da liegt es in der Luft,wenn sich auch in den Medien selbst Widerstand regt: «Ohne Journalismus keine Demokratie. Und ohne Demokratie keine Freiheit.» (Manifest des Projekts Republik). Das Projekt, das sich zurzeit noch mit dem «Heiligenschein der reinen Idee» schmücken kann (Rainer Stadler in der NZZ), wird sich in der journalistischen Praxis noch bewähren müssen. Aber als Stachel im Fleisch der ideell erschlafften helvetischen Medienszene hat es seine Existenzberechtigung, seine «raison d’être», wie es bei den Edelfedern der neuen Republikaner wohl heissen könnte. Der politische Begriff der Republik und der Republikaner hat hierzulande durchaus seine Geschichte. Zur Zeit der Helvetik (von 1798 bis 1803) gründete der Arzt und Politiker Paul Usteri den «schweizerischen Republikaner» und wurde später einer der Anführer der radikal-liberalen Bewegung. Später bemächtigten sich Männer wie Johann Baptist Rusch und James Schwarzenbach des Begriffs, der nun zur Verteidigung einer unverwechselbaren schweizerischen Demokratie und gegen deren «Überfremdung» verwendet wurde.

Man sieht:Das Spektrum dessen, was «republikanisch» sein will, ist breit. Und, wie die historischen Beispiele zeigen, geeignet, mit ganz verschiedenen ideologischen Inhalten gefüllt zu werden. Wo auch immer das Projekt R seinen Pfad zwischen Gesinnungs- und Informationsmedium finden will – man darf gespannt sein.

Gottlieb F. Höpfli, Publizist