Der Ölpreis spielt verrückt: Warum der Verkäufer eines Erdölfasses plötzlich Geld zahlen muss

In den USA ist der Ölpreis wegen der Coronakrise erstmals in seiner Geschichte ins Minus gestürzt.

Daniel Zulauf
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Überfüllte Lagerbestände und die eingebrochene Nachfrage lösen schwere Turbulenzen am Öl-Markt aus.

Überfüllte Lagerbestände und die eingebrochene Nachfrage lösen schwere Turbulenzen am Öl-Markt aus.

Larry W. Smith / EPA

Die Preiskapriolen auf den internationalen Rohstoffmärkten haben am Montagabend einen neuen Höhepunkt erreicht. Wer gestern Abend, unmittelbar vor der Hauptsitzung der US-Rohstoffbörse New York Mercantile Exchange, ein Fass texanisches Erdöl verkaufen wollte, musste in der Spitze über 40 Dollar bezahlen um die 159 Liter des «Schwarzen Goldes» überhaupt loszuwerden.

Sicher ist, dass dieser Vorgang in der 37-jährigen Geschichte der weltgrössten Rohstoffbörse einmalig ist. Vermutlich findet sich aber auch viel tiefer in der Vergangenheit kein ähnliches Ereignis.

Wie immer an der Börse ging es auch gestern nur um das freie Spiel von Angebot und Nachfrage: Der Preis für texanisches Erdöl musste genauso lange fallen, bis er auf eine entsprechende Nachfrage stiess. Für das Angebot sorgten Spekulanten, welche die Ware mit Liefertermin Mai erworben hatten, ohne aber jemals die Absicht gehabt zu haben, sich das Erdöl tatsächlich liefern zu lassen.

Spekulanten wollen das Öl gar nie physisch besitzen

Das ist übrigens weder ungewöhnlich noch anstössig, sondern Alltag auf jedem Börsenhandelsplatz. Die Spekulanten sind sozusagen das Schmiermittel der Märkte. Sie sorgen dafür, dass meistens genügend Käufer und Verkäufer vorhanden sind. Dafür nimmt man auch in Kauf, dass die Spekulation bisweilen exzessive Preisausschläge zur Folge hat.

Doch auf Warenterminmärkten und insbesondere im Erdölmarkt gibt es eben diese erwähnte eine Besonderheit: Wer mit Erdöl nur finanziell spekulieren, aber die Ware niemals physisch besitzen, will muss sicherstellen, dass dies ein anderer für ihn tut.

Genau damit haben einige Erdölspekulanten allzu lange zugewartet, bis ihnen die Gegenseite am Montagabend die Rechnung präsentierte. In Erwartung, dass US-Präsident Donald Trump seine Drohung wahrmachen und den Import von saudischem Erdöl unterbinden würde, hofften die Spekulanten bis zuletzt, ihre seit Wochen fallenden Mai-Kontrakte doch noch zu einem höheren Preis veräussern zu können.

Lagerung wird teurer als die Ware selbst

In der Zwischenzeit waren die Lagerplätze in Oakland, wo die physische Lieferung der New Yorker Börse gekauften Erdölfässer erfolgt, aber weitgehend ausgebucht. Vor diesem Hintergrund haben auch auf der Seite der Nachfrager Spekulanten ein gutes Geschäft gewittert und den Preis ihrer knappen Lagerkapazität drastisch erhöht. So wurde es möglich, dass die Lagerung eines Fasses Erdöl plötzlich viel teurer wurde als die Ware selbst.

Allerdings sollte man bei der Betrachtung dieser Marktkapriolen die Relationen nicht aus den Augen verlieren. In den besagten 30 Minuten des grossen Preiszerfalls wurden ziemlich genau zwei Millionen Fässer gehandelt. Das entspricht einem Volumen von weniger als zwei Prozent der täglich in New York umgesetzten Erdölkontrakte. In die äussersten Extreme der Märkte wagen sich eben auch unter Spekulanten nur die wenigsten vor. Relevanter für uns alle ist ohnehin das grössere Bild, wie es am Erdölmarkt von der Preisentwicklung der Sorte «Brent» weit akkurater gespiegelt wird als durch das texanische «Crude». Ein Fass Brent kostet derzeit zwar immer noch gut 20 Dollar – aber drei Monaten stand der Preis noch bei 65 Dollar. Die Coronakrise hat auch hier tiefe Spuren hinterlassen.