Der Ostschweizer Konjunkturindex fällt auf Rekordtief – regionale Exportwirtschaft in die Knie gezwungen

Die Corona-Pandemie stürzt die Weltwirtschaft, die Schweiz und die Ostschweiz in eine schwere Rezession. Die Regionale Wirtschaft funktioniere derzeit im Krisenmodus, so das Fazit der aktuellsten Konjunkturumfrage. 

Kaspar Enz
Drucken
Teilen
Laden in St. Gallen am ersten Tag des schweizweiten Lock-Downs.

Laden in St. Gallen am ersten Tag des schweizweiten Lock-Downs.

Benjamin Manser

Seit Mitte März stehen in der Schweiz viele Branchen still. Auch weltweit legten ähnliche Massnahmen grosse Teile der Wirtschaft lahm, so leiden auch Unternehmen, die nicht staatlich verordnet schliessen mussten. «Das Ausmass der Coronakrise ist beeindruckend», sagt der St. aller Ökonom Peter Eisenhut. Im Auftrag des Kantons und der St. aller Kantonalbank analysiert er regelmässig Konjunkturdaten und die Unternehmensumfrage der Konjunkturforschungsstelle der ETH.

Die Coronakrise breche Rekorde, schreibt Eisenhut im neusten Quartalbericht, aber negative. Der Ostschweizer Konjunkturindex ist unter den Tiefstand der Finanzkrise gefallen. Rund ein Drittel der Ostschweizer Erwerbstätigen arbeitet kurz. Der Detailhandel beurteilte seinen Geschäftsgang noch nie so schlecht wie heute. «In der Finanzkrise blieb diese Branche mehr oder weniger verschont», sagt Eisenhut. Sogar auf dem Bau sank die Stimmung.

Exportrückgang trifft die Industrie

Anfang Jahr glaubte die Industrie noch, der Rezession entgangen zu sein, die im Herbst 2019 drohte. Jetzt ist sie trotzdem in der Krise. Das zeigen die Zahlen der Aussenhandelsstatistiken. Die Exporte sind im März um 12,2 Prozent zurückgegangen. Betroffen waren im ersten Quartal vor allem die Fahrzeug- (-35%), die Maschinenindustrie (-11%) und die Elektrotechnik (-12%). Einen kleinen Boom erlebte lediglich die Pharmaindustrie, deren Exporte im ersten Quartal um 7,5 Prozent zulegten. Die Branche ist in der Region zwar schwach vertreten, macht aber nun rund 10 Prozent des ganzen Exportes aus.

Junge von steigender Arbeitslosigkeit betroffen

«Das Corona-Virus und die vom Bund verfügten Massnahmen zum Schutz der Bevölkerung schlagen mittlerweile mit voller Wucht auf den Arbeitsmarkt im Kanton St.Gallen durch», sagt Karin Jung, Leiterin Amt für Wirtschaft und Arbeit, Kanton St.Gallen. Die Zahl der Stellensuchenden habe gegenüber dem Vormonat um knapp 800 Personen oder 7 Prozent zugenommen, im Vergleich zum Vorjahresmonat seien es sogar 3000 Stellensuchende (30 Prozent) mehr. Noch deutlicher sei ein Blick auf die Entwicklung der Kurzarbeits-Zahlen: Für den Monat Mai seien von gegen 9000 Betrieben für rund 98000 Mitarbeitende Kurzarbeit vorangemeldet und vom Amt für Wirtschaft und Arbeit bewilligt worden.

«Die Generation der Berufseinsteigerinnen und -einsteiger, die 15-24-Jährigen, ist nach wie vor überdurchschnittlich vom Anstieg betroffen. Er beträgt im Vorjahresvergleich über 50 Prozent», sagt die Amtsleiterin.  (red)


«Die Generation der Berufseinsteigerinnen und -einsteiger, die 15-24-Jährigen, ist nach wie vor überdurchschnittlich vom Anstieg betroffen. Er beträgt im Vorjahresvergleich über 50 Prozent», sagt die Amtsleiterin. Was die Zunahme der Stellensuchenden betreffe, gebe es keine grossen Unterschiede zwischen Industrie und Dienstleistungen. Zwischen den einzelnen Branchen zeigten sich jedoch grosse Unterschiede. «So weisen der Maschinenbau und das Baugewerbe, aber auch der Bereich Elektrotechnik, Elektronik, Optik überdurchschnittliche Anstiege aus, während dieser im Fahrzeugbau unter dem Mittel liegt. Unter den Dienstleistungsbranchen ist das Gastgewerbe mit einem Anstieg von gegen 60 Prozent besonders betroffen.»


«Die SNB unterstützt die Wirtschaft in der Corona-Krise mit den stärksten Interventionen am Devisenmarkt seit der Aufhebung des Euro-Mindestkurses im Januar 2015», sagt Albert Koller, Leiter Privat- und Geschäftskunden, St.Galler Kantonalbank. Wöchentlich wende sie dafür mehrere Milliarden Franken auf. «Damit kann sie den Eurokurs zum Franken stabilisieren und den Unternehmen auf der Währungsseite den Rücken freihalten», so Koller.

Bei rund zwei Drittel der Industriefirmen unserer Region hat das Coronavirus einen Rückgang der Nachfrage ausgelöst. Bei der Mehrheit liegt die Produktion unter der Vorjahresperiode. Für rund 38 Prozent der Angestellten in der Industrie gilt Kurzarbeit. Und Bestellungseingänge und Auftragsbestand verheissen auch für die nächsten Monate keine Besserung. Die Geschäftslage dürfte sich eher noch verschlechtern, befürchtet Eisenhut: «Wir stehen noch am Anfang.»

Schlechte Stimmung bei Detailhändlern

So schlecht wie nie ist die Stimmung auch im Detailhandel. Der Verkauf von Nahrungsmitteln legte zwar während des Lockdowns zu. Allen anderen Geschäften verordnete der Staat aber die Schliessung. So sanken die Umsätze schon im März um über sechs Prozent. Ab dem kommenden Montag kehre mit der Öffnung der Geschäfte eine gewisse Normalität zurück. Doch im Non-Food-Bereich dürften die verlorenen Umsätze noch nachwirken. Und die Konsumentenstimmung ist im April auf einen Tiefstwert gesunken.

Peter Eisenhut ist Managing Partner des Wirtschaftsberatungsunternehmens Ecopol AG in St.Gallen.

Peter Eisenhut ist Managing Partner des Wirtschaftsberatungsunternehmens Ecopol AG in St.Gallen.

Verschont von staatlichen Schliessungen war auch das Baugewerbe. Die tiefen Zinsen befeuern die Branche seit langem. Und trotz der Pandemie hat die Bautätigkeit kaum gelitten. Immer noch überwiegt zwar die Zahl der Bauunternehmer, die die Geschäftslage positiv beurteilen. Aber die Geschäftslage ist gegenüber dem Vormonat so stark gesunken wie noch nie. Vor allem deshalb, weil die Bauwirtschaft die Zukunft eher skeptisch sieht. So rechnen die Bauunternehmer trotz Preissenkungen mit einem Rückgang der Nachfrage.

Rückgang der Fälle macht Hoffnung

So widerspiegelt auch der Tiefstand des Ostschweizer Konjunkturindexes vor allem die Tatsache, dass die befragten Unternehmen die Entwicklung der nächsten Monate noch düsterer sehen, als sie es 2009 zum Höhepunkt der Finanzkrise taten. Wann eine Verbesserung der Entwicklung einsetzen könnte, sei zur Zeit kaum absehbar, schreibt Eisenhut im Konjunkturbericht. «Eine V-förmige Erholung, die bereits im Sommer Tritt fasst, ist in der Beurteilung der regionalen Unternehmer unwahrscheinlich.»

Die sinkenden Zahlen der Ansteckungen und Todesfälle aufgrund des Coronavirus seien aber ein Lichtblick, sagt Eisenhut. «Sie lassen Hoffnungen aufkommen, dass der Exit aus dem Lockdown schneller angegangen werden kann». Die Hoffnung, dass sich die Wirtschaft schnell wieder erhole, habe sich so noch nicht ganz in Luft aufgelöst. Je länger das Coronavirus die Welt im Griff habe, desto mehr schwinde aber diese Hoffnung, sagt Peter Eisenhut.

Detaillierte Informationen auf: www.sgkb.ch/konjunktur

Mehr zum Thema