Ex-Raiffeisen-Chef

Der «Patron» in der Bank ist out

Analyse über den überaus mächtigen Ex-Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz, der sich nun für sein Verhalten rechtfertigen muss.

Daniel Zulauf
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Pierin Vincenz stand während rund 16 Jahren an der Spitze der Raiffeisen Gruppe. Nun hat die Finma ein Verfahren gegen ihn eingeleitet. (Achivbild)

Pierin Vincenz stand während rund 16 Jahren an der Spitze der Raiffeisen Gruppe. Nun hat die Finma ein Verfahren gegen ihn eingeleitet. (Achivbild)

Keystone/GIAN EHRENZELLER

Nun also doch. Das bereits am Sonntag vor Wochenfrist publik gewordene Verfahren gegen die Raiffeisen-Gruppe richtet sich nun auch gegen deren langjährigen Chef Pierin Vincenz. Was dieser in der vergangenen Woche auf Anfrage von Journalisten noch bestritten hatte, liess er am Sonntag mit einer Medienmitteilung bestätigen: Die Eidgenössische Finanzmarktaufsicht Finma hat «ein Enforcement-Verfahren bezüglich Handhabung von Interessenkonflikten während meiner Zeit bei Raiffeisen Schweiz eröffnet», teilte Vincenz mit. Enforcement-Verfahren können von der Einziehung von Gewinnen über ein Berufsverbot bis hin zum Lizenzentzug verschiedene, schwerwiegende Zwangsmassnahmen nach sich ziehen. Die Sache ist für die Bank und ihren Ex-Chef also alles andere als eine Lappalie, zumal Letzterer beim Versicherungskonzern Helvetia auch noch als Verwaltungsratspräsident wirkt.

Im Fokus stehen Governance-Themen im Zusammenhang mit der auf KMU-Finanzierung spezialisierten Raiffeisen-Tochter Investnet Holding, sagte der aktuelle Raiffeisen-Chef Patrik Gisel am Montag der Zeitung «Finanz und Wirtschaft» zu den Hintergründen des Verfahrens. Konkret gehe es um die Entscheidungsprozesse, die zu der Beteiligung geführt hätten, und um Fragen, wie die Verträge gestaltet und aufgesetzt worden seien.

Viel lässt sich aus diesen Aussagen nicht herauslesen – ausser vielleicht, dass es in der Raiffeisen-Führung möglicherweise an den Checks und Balances fehlte, wie sie jedes Unternehmen, das unterschiedlichen Anspruchsgruppen gerecht werden muss, eigentlich standardmässig in die Managementprozesse eingebaut haben sollte. Mit eigenmächtigen Verhaltensweisen bringt der 61-jährige Vincenz seine Kritiker freilich schon seit vielen Jahren immer wieder auf die Palme. 2008 prangerte die «SonntagsZeitung» seine extravaganten Reisen an. So liess er sich etwa zusammen mit seiner Ehefrau, der Leiterin der Rechtsabteilung der Bank, auf Firmenkosten zum EM-Final in Wien fliegen – notabene im Privatjet. Mit seinen regelmässigen Helikopterflügen und dem auch sonst reichlich aufwendigen Lebensstil hätte sich Vincenz insbesondere während der Finanzkrise eigentlich als perfekte Projektionsfläche für das damals besonders beliebte Banker-Bashing geeignet.

Doch der Genossenschaftsbanker schaffte es, sich erfolgreich als Gegenentwurf zu den Grossbankenchefs zu positionieren. Und dies trotz seiner Eskapaden und seiner eigenen Biografie als Investmentbanker. Dieses erstaunliche Kunststück ist auch darin begründet, dass Vincenz auch grosse Erfolge vorweisen und seine Macht im Unternehmen stark ausbauen konnte. Als er 1999 die Leitung der einstigen Landbank übernahm, zählte diese 600 selbstständige Genossenschaftsbanken mit rund 1300 Standorten. Inzwischen ist die Zahl der Banken auf 255 geschrumpft und das Filialnetz auf 930 Standorte verkleinert worden.

Vincenz trieb diesen Abbau in den Stammlanden von Raiffeisen voran, also in den oft dünn besiedelten Randregionen, indem er Fusionen förderte und dabei auch vor Zwang nicht zurückschreckte. Durch diese Zentralisierung hat Vincenz die Macht des Hauptsitzes in St. Gallen gestärkt und der Gruppe neue strategische Möglichkeiten eröffnet. Den Handlungsspielraum nutzte er insbesondere für die Eroberung der städtischen Gebiete, in denen Raiffeisen vor der Ära Vincenz noch kaum präsent war.

Für das Gelingen dieser ehrgeizigen Expansion zur grössten Hypothekenbank der Schweiz und zur dritten Kraft neben den beiden Grossbanken dürfte die damalige Governance mit der starken Konzentration von Macht in den Händen des Bankchefs hilfreich gewesen sein. Vincenz schaffte es, mit seinen geschickt inszenierten bodenständigen Auftritten nicht nur die Mehrheit der Genossenschaftsbanker hinter sich zu bringen. Vielmehr etablierte er sich mit prononcierten Meinungen beispielsweise zum Auslaufmodell des «Bankgeheimnisses» als Stimme der inländischen Kreditwirtschaft, die sich von den in breiten Bevölkerungskreisen unbeliebt gewordenen internationalen Geldhäusern abzugrenzen verstand.

Mit der Expansion von Raiffeisen in das noble Private Banking, die im Januar 2012 mit der Übernahme der Bank Notenstein (vormals Wegelin) ihren Anfang nahm, wurde Vincenz’ Machtfülle in der Raiffeisen-Gruppe zunehmend auch für Aussenstehende sichtbar. Mithilfe mehrer kurz entschlossener Übernahmen baute Vincenz Notenstein zu einem neuen Standbein aus, das dereinst das Wachstumstempo in der Genossenschaft hätte beschleunigen sollen. Die Strategie erwies sich aber als Reinfall. So gesehen, ist es kein Zufall, dass die Finma die Verfahren jetzt anstösst. Denn mit einer schlechten Governance können früher oder später auch Kunden zu Schaden kommen.

daniel.zulauf@azmedien.ch