Drogen-Epidemie
Der Pharma-Industrie droht in USA eine Klagewelle – das macht Schweizer Firmen nervös

Täglich sterben in den USA Dutzende Menschen an einer Überdosis verschreibungspflichtiger Betäubungsmittel oder Heroin. Gegen eine handvoll Pharmafirmen wurde deshalb Klage eingereicht. Davon sind auch Schweizer Firmen betroffen – es geht um Milliarden.

Laurina Waltersperger
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In Ohio müssen Rettungskräfte so häufig wie in keinem anderen US-Bundesstaat ausrücken, um Schmerzmittel-Süchtige nach einer Überdosis zu behandeln.

In Ohio müssen Rettungskräfte so häufig wie in keinem anderen US-Bundesstaat ausrücken, um Schmerzmittel-Süchtige nach einer Überdosis zu behandeln.

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Amerika hat ein betäubendes Problem. Täglich sterben in den USA über 90 Menschen an einer Überdosis verschreibungspflichtiger Betäubungsmittel oder Heroin, so viele wie nie.

Die neusten Zahlen der US-Gesundheitsbehörde CDC zu den Todesfällen sorgen in Washington D. C. für Aufruhr. Vor wenigen Tagen hat Präsident Donald Trump in der Sache den nationalen Notstand ausgerufen.

Er will mehr Ressourcen im Kampf gegen die Drogenepidemie bereitstellen. Besonders im Mittleren Westen spitzt sich die Lage zu. Dort setzt die Justiz immer häufiger zum Schlag gegen Pharmafirmen, Apotheken und Verteiler an. Juristen rechnen mit einer anrollenden Klagewelle und möglichen Forderungen bis in Milliardenhöhe. Betroffen sind potenziell auch Schweizer Firmen.

In Ohio stossen die Behörden an ihre Grenzen. In keinem anderen Bundesstaat sterben so viele Menschen an einer Überdosis, wie hier: 2016 waren es über 4100 Todesfälle, landesweit zählt die Statistik 33 000 Menschenleben für 2015. Der Missbrauch starker Betäubungsmittel habe wegen der lockeren Verschreibungskultur der Ärzte zugenommen, sagt Dan Tierney, Sprecher des Justizministeriums von Ohio.

«Heute erstaunt es nicht, wenn Ärzte ihren Patienten selbst nach dem Ziehen eines Weisheitszahns zehn Tage Opioide verschreiben», so Tierney zu «Schweiz am Wochenende». Viele Ärzte hätten damit gutes Geld verdient. «Drei Viertel aller Heroinabhängigen in Ohio sind über verschriebene Betäubungsmittel in die Sucht gerutscht.»

Viele Betroffene seien arbeitslos und arm. Das steigert die Suchtgefahr, sagen Experten. Wer sich die Arzneien nicht auf dem Schwarzmarkt beschaffen könne, steigt immer öfter auf günstigeres Heroin um, sagt Tierney. Die Folgen sind kostspielig: Ohio zahlt mit 110 Millionen Dollar fast drei mal mehr für Entzugsprogramme als noch 2014. Über 40 Prozent der Kinder in Pflegeunterbringungen befänden sich dort, weil die Eltern drogensüchtig seien, so Tierney. Das kostet Ohio jährlich 45 Millionen Dollar.

Pharma droht Klagewelle

Deshalb will Ohio wie bislang fünf weitere Bundesstaaten nicht mehr zusehen. Justizminister Mike DeWine hat im Juni Klage gegen eine Handvoll Pharmafirmen eingereicht. Als Hersteller opioider Arzneien seien sie mitverantwortlich für die Krise, so sein Sprecher Tierney.

Der Staat Ohio wirft den Pharmafirmen vor, Millionen für Marketing-Kampagne bei Ärzten ausgegeben zu haben, in denen sie die Abhängigkeitsrisiken starker Betäubungsmittel wie Fentanyl, Oxycontin oder Vicodin verharmlosten und die Vorteile der Arzneien gegen chronische Schmerzen übertrieben darstellten.

Eine der angeklagten Firmen ist Teva Pharmaceuticals, der weltweit grösste Generikahersteller. Ihr gehört die Schweizer Generika-Tochter Mepha Pharma, die hierzulande opioide Arz-
neien vertreibt. Rechenschaft müssen auch Janssen Pharmaceuticals, der
Pharmateil von Johnson & Johnson, und Purdue Pharma ablegen.

Für die Letzteren vertreibt die deutsche Mundipharma mit Zweitsitz in Basel das umstrittene Mittel Oxycontin in Europa. Janssen unterhält in der Schweiz Produktionsstätten für «einige der wichtigsten pharmazeutischen Produkte».

Die US-Justiz macht Ernst. Neben Pharmafirmen geht sie auch gegen Apotheken und Grossverteiler vor. Letztere haben in einzelnen Fällen bereits zweistellige Millionenbeträge bezahlen müssen. «Die Pharmafirmen werden ebenfalls zahlen», sagt ein Anwalt, der in der Sache die Industrieseite vertritt. Vergleichslösungen seine wahrscheinlich.

Denn: Angesichts der alarmierenden Situation und der Botschaft aus Washington D. C. rechnen Juristen mit einer Klagewelle und Forderungen «in mindestens dreistelliger Millionenhöhe», so der Anwalt. Zudem seien immer mehr Amtskollegen in den USA auf der Suche nach Geschädigten, um auch auf dem zivilrechtlichen Weg mittels Sammelklagen gegen die Industrie vorzugehen.

Im amerikanischen Rechtssystem ist das letztlich auch ein lukratives Geschäft für Anwälte. Vielerorts werden bereits Parallelen zum US-Tabak-Skandal der 1990er Jahre gezogen. Damals wurde die Tabakindustrie auf ähnliche Weise attackiert. Die Industrie musste bis dato über 112 Milliarden Dollar zahlen.

Was heisst das für die Schweizer Firmen, die zu den angeklagten Konzernen gehören oder selber opioide Arzneien in den USA verkaufen?

Zu laufenden Gerichtsverfahren gebe man keinen Kommentar ab, heisst es bei Teva-Tochter Mepha Pharma in Basel. Die Firma beliefert ausschliesslich den Schweizer Markt. Teva sehe sich verpflichtet, alle gesetzlichen Vorgaben einzuhalten, um einen verantwortungsbewussten Einsatz der Arzneien sicherzustellen.

Bei Janssen übt man sich in Zweckoptimismus: Die Vorwürfe seien rechtlich und sachlich unbegründet. Man habe stets im besten Interesse der Patienten und Ärzte gehandelt. Trotzdem betont der Konzern, die eigenen Arzneien machten in den USA weniger als ein Prozent der verschriebenen Opioide aus. Mundipharma, der europäische Vertriebspartner von Purdue Pharma, lässt wissen, man habe zwischenzeitlich ein US-Überwachungsprogramm geschaffen, das «eine kontrollierte Versorgungskette sicherstelle».

Basler Exportschlager im Fokus

Auch Novartis-Tochter Sandoz verkauft Generika opioider Arzneien in den USA. Sie erzielt dort etwa die Hälfte ihrer Verkäufe. Der umsatzstärkste opioide Wirkstoff sei Fentanyl, meist in Pflasterform, sagt ein Sprecher. Er zähle weltweit zu den zehn wichtigsten Sandoz-Produkten. Der Konzern nehme die jüngsten Entwicklungen in den USA zur Kenntnis. Man habe dem aktuell jedoch nichts anzumerken.

Das verwundert. Denn laut Angaben des US-Justizministeriums wirkt Fentanyl 25 bis 30 mal stärker als Heroin und könne bereits in sehr geringen Dosen tödlich sein. Die Todesfälle durch Fentanyl hätten in den letzten Jahren stark zugenommen, warnt die US-Gesundheitsbehörde CDC auf ihrer Website. Das lege nahe, dass die Substanz vermehrt illegal verkauft werde.

Fentanyl ist Teil des Missbrauchsproblems in den USA. Opioide Wirkstoffe seien ein unverzichtbarer Bestandteil der symptomatischen Behandlung schwerer akuter Schmerzen, sagt Novartis. Man biete aber ein Entsorgungssystem an, das Fentanyl-Pflaster nach Gebrauch mit einer Folie versiegelt.