Lehrstellen
Der Schweiz fehlen 23 500 Auszubildende

Der Kampf um Talente unter den Schulabgängern spitzt sich zu. Unternehmen buhlen um die geburtenschwachen Jahrgänge und erhöhen den Druck auf den Nachwuchs.

Marc Fischer
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Ob aus ihm ein Maurer wird? An Berufsmessen wird um den dringend benötigten Nachwuchs gebuhlt.

Ob aus ihm ein Maurer wird? An Berufsmessen wird um den dringend benötigten Nachwuchs gebuhlt.

Keystone

Der am Dienstag vom Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) publizierte Lehrstellenbarometer zeigt, dass die Schweiz nach wie vor einen deutlichen Lehrstellenüberschuss hat: 23 500 Lehrstellen sind gemäss der Umfrage bei Jugendlichen und Unternehmen noch nicht besetzt. Diese Zahl liegt deutlich höher als die Schätzungen, die im hiesigen Blätterwald zuletzt die Runde machten. So war in der «NZZ am Sonntag» unlängst von 13 000 offenen Stellen die Rede.

Die Fachverantwortliche beim SBFI bleibt dennoch ruhig: «Wir sind froh, dass der Lehrstellenmarkt stabil ist», sagt Karin Frei, Ressortleiterin beim SBFI. Im Vergleich zum Vorjahr ist die Zahl der nicht besetzten Lehrstellen nämlich gesunken: um 6 Prozent von 25 000 auf 23 500 Stellen.

Doch insgesamt bewegen wir uns damit immer noch auf einem recht hohen Niveau: In den Jahren 2006 und 2007 etwa gab es 25 Prozent weniger unbesetzte Lehrstellen, als es in diesem Jahr der Fall ist.

Trendwende erst 2018?

Der Grund? Fachleute sprechen von der «demografischen Herausforderung» und meinen damit den Rückgang bei den Schulabgängern: Derzeit gelangen nämlich die sogenannt geburtenschwachen Jahrgänge in die Lehre. Das Bundesamt für Statistik erwartet zwischen 2012 und 2018 einen Rückgang bei den Abgängern der obligatorischen Schule von 8 Prozent. Danach könnte es wieder drehen.

Doch die Unternehmen bieten immer noch viele Ausbildungsmöglichkeiten an. Das heisst: Zwischen den angebotenen und nachgefragten Lehrstellen klafft eine immer grössere Lücke: 80 000 in der Schweiz angebotene Lehrstellen stehen derzeit 73 000 nachgefragten Stellen gegenüber (siehe Grafik).

In anspruchsvollen Berufsfeldern ist es deshalb schwierig geworden, Lernende zu rekrutieren. Umso mehr, als dass die Mittelschule bei vielen Jugendlichen höher im Kurs steht als eine Berufslehre. Besonders viele offenen Stellen gibt es gemäss dem SBFI derzeit in den Bereichen Architektur und Baugewerbe, Büro und Informationswesen, Dienstleistungen (u.a. Coiffeur), Landwirtschaft und in technischen Berufen.

Höher als das Angebot ist die Nachfrage nach Lehrstellen dagegen in den Bereichen Druck, Design und Kunstgewerbe, Gesundheits- und Sozialwesen, Informatik, im verarbeitenden Gewerbe, dem Verkauf und im Gesundheits- und Sozialwesen.

Die hohe Zahl offener Lehrstellen hat zur Folge, dass der Kampf um Talente härter wird. «Die Branchen haben das Berufsmarketing intensiviert, was den Konkurrenzkampf bei den Schulabgängern intensiviert», sagt Claude Meier, Leiter Bildung von KV Schweiz. Im Extremfall hätten schon 13-Jährige einen Lehrvertrag.

Massnahmen gefordert

KV-Schweiz-Zentralpräsident und SP-Nationalrat Daniel Jositsch will diese Entwicklung stoppen und hat im September 2012 ein Postulat gegen eine zu frühe Lehrstellenvergabe eingereicht. Es verlangt vom Bundesrat, Massnahmen zu prüfen, die gewährleisten, dass Lehrverträge frühestens ein halbes Jahr vor Beginn der beruflichen Grundbildung abgeschlossen werden. Das Geschäft ist noch pendent.

Von einem Kampf um Talente spürt man in den Schulen dagegen nicht überall etwas. Trotz der vielen offenen Stellen sei es für Sek- und Realschüler nach wie vor schwierig, eine Lehrstelle zu finden, heisst es auf Anfrage in der Volksschule der Stadt Baden. Hingegen falle tatsächlich auf, dass die Lehrverträge immer früher abgeschlossen würden.