Der Spitzenwein aus dem Ödland: China will zum grössten Weinproduzenten der Welt werden

In nur drei Jahrzehnten haben chinesische Winzer zur internationalen Konkurrenz aufgeschlossen. Auf Reportage in der Provinz Ningxia, wo die edelsten Tropfen der Volksrepublik gedeihen.

Fabian Kretschmer aus Peking
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Shao Qingsong hat sich mit der Weinzucht einen Lebenstraum erfüllt.

Shao Qingsong hat sich mit der Weinzucht einen Lebenstraum erfüllt.

Fabian Kretschmer

Der Weg zur «Helan Winery» führt über eine staubige, von riesigen Pappeln gesäumte Einfahrt. An dessen Ende empfängt Shao Qingsong mit breitem Siegerlächeln im Gesicht. Der 46-Jährige würde mit seinem geleckten Seitenscheitel und dem dunklem Sakko wohl hervorragend in die Chefetage eines Pekinger Grosskonzerns passen. Stattdessen jedoch hat der Chinese sein Leben der Weinzucht gewidmet.

Vor neun Jahren steckte Shao all sein Erspartes in ein Stück Land. «Damals war noch alles Wüste, kein einziger Baum wuchs hier», sagt der Winzer, während er durch die frisch geernteten Weinreben führt. Die trockene Steppenlandschaft wirkt untypisch für die Aufzucht von Merlot und Cabernet Sauvignon, aber der Eindruck täuscht. Qingsong sagt:

«Die Bedingungen sind wirklich gut: Das Land ist reich an Mineralien, und aufgrund des wenigen Regens braucht man wenig Pestizide.»

China ist der grösste Markt für Rotwein

Auch international hat sich herumgesprochen, dass in der westchinesische Provinz Ningxia, ein schmaler Landstrich von der Grösse Irlands, die edelsten Weine in der Volksrepublik gedeihen. Mit den langen Sonnenstunden sowie den starken Temperaturunterschieden zwischen Tag und Nacht sind die klimatischen Bedingungen günstig. Dabei schienen sich Weinkultur und China noch vor wenigen Jahren geradezu auszuschliessen.

Für die neureichen Eliten Pekings war der alkoholhaltige Traubensaft vor allem ein prestigeträchtiges Statussymbol, mit Hilfe dessen man entweder internationalen Flair versprühen oder korrupte Parteikader schmieren wollte. Doch jene Zeiten sind lange vorbei: Mittlerweile ist die Volksrepublik zum weltweit grössten Markt für Rotwein avanciert, wobei das Potenzial nach wie vor nicht mal im Ansatz ausgeschöpft ist. Nirgendwo sonst wachsen die Anbauflächen der Winzereien stärker als im Reich der Mitte. Und dass die prestigeträchtige Fachzeitschrift «Revue du Vin de France» unlängst eine chinesischsprachige Ausgabe lanciert hat, spricht Bände.

«Wir haben einen riesigen Markt»

Die Entwicklung ist umso beachtlicher, als dass Chinas erste Generation an Privatwinzern überhaupt erst Anfang der achtziger Jahre debütierte. Im Zuge der wirtschaftlichen Öffnung des Landes unter dem damaligen Staatschef Deng Xiaoping haben sie an eine Tradition angeknüpft, die über Jahrhunderte in Vergessenheit geraten ist. Bei der jetzigen Wiederbelebung der Weintradition haben sich die Chinesen stark an Europa orientiert, vor allem an Frankreich – sowohl bei den Traubensorten als auch der Lagerung in Eichenfässern.

«Wir haben in China einen riesigen Konsumentenmarkt, besonders im gehobenen Segment verkaufen sich die Weine gut», sagt Professor Zhou Lingqiang von der Zhejiang-Universität, einer der renommierten Forscher zum Thema Weintourismus. Vielen Chinesen geht es bei Rotwein um den Status, weshalb lieber zu teureren Produkten gegriffen wird – auch, wenn die Qualität schleierhaft bleibt. Doch die Weinkultur befindet sich noch in den Kinderschuhen, sagt Experte Zhou: «Unser Ziel ist es, eine eigene Weinkultur mit chinesischer Charakteristik aufzubauen.»

Auch Ausländer sollen investieren

Künftig sollen auch vermehrt ausländische Winzer in die heimische Industrie investieren. Aus diesem Grund hat die Provinzregierung an den Ausläufern von Ningxias Hauptstadt Yinchuan zur alljährlichen Wein-Expo geladen. In einem Messezentrum, dessen Architektur an aneinandergereihte Eichenfässer erinnert, haben sich an diesem sonnigen Novembermorgen hunderte Branchenkenner eingefunden. Die lokalen Parteikader halten abgelesene Reden, der Botschafter Frankreichs meldet sich per Videobotschaft .

«Wein ist nach wie vor vor allem mit Frankreich und Spanien verbunden», sagt der Kanadier Jim Boyce, der seit Jahren auf seinem Blog «Grape Wall of China» über die chinesische Weinbranche berichtet. Heimische Weine haben immer noch um das Vertrauen der Konsumenten zu kämpfen, schliesslich gab es in der Vergangenheit immer wieder Etikettenschwindel und Pansch-Skandale. «Verglichen mit Baijiu, dem traditionellen Schnaps, betragen die Umsätze von Wein lediglich ein Vierzigstel», sagt Boyce. In einem Land mit 1,4 Milliarden Menschen ist auch jenes Vierzigstel eine beachtliche Menge.

Christelle Chen will den chinesischen Weinmarkt entwickeln.

Christelle Chen will den chinesischen Weinmarkt entwickeln.

Fabian Kretschmer

Dass sich die Zahlen deutlich steigern können, daran arbeitet auch Christelle Chen. Die zierliche Französin arbeitet seit zwei Jahren in der Marketing-Abteilung für das in Ningxia ansässige Weingut «Xige», das nach nur drei Saisons mittlerweile zu den führenden Winzereien des Landes zählt. 300 Mitarbeiter zählt das Unternehmen mittlerweile. Ob die Goldgräberstimmung des chinesischen Marktes einmalig ist? «Im Gegenteil», sagt Chen: «Er folgt im Grunde den gleichen Mustern wie zuvor auch dem japanischen oder Hongkonger Markt. Nur passiert in China alles viel schneller.»