Finanzplatz
Der starke Franken bringt die Privatbanken in Bedrängnis

Nach dem Wegfall des Bankgeheimnisses bringt der starke Franken die Geldhäuser in Bedrängnis. Es wird zu einem stärkeren Stellenabbau in der Schweizer Privatbankenwelt kommen als bisher befürchtet.

Andreas Schaffner
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Vermögensverwalter unter Druck. Der starke Franken beschleunigt den Umbau der Branche.

Vermögensverwalter unter Druck. Der starke Franken beschleunigt den Umbau der Branche.

KEYSTONE

Boris Collardi, CEO der Zürcher Privatbank Julius Bär, mag privat laute Rockmusik. Doch bei seinen öffentlichen Auftritten wirkt er elegant wie ein Florettfechter. Der 40-Jährige trinkt immer Tee und gibt sich demonstrativ gelassen.

Doch was Collardi gestern mit sanfter Stimme aussprach, stach härter als manch scharfer Säbel: Wegen der Frankenstärke und der Einführung des Negativzinses durch die Schweizerische Nationalbank (SNB) wird es zu einem stärkeren Stellenabbau in der Schweizer Privatbankenwelt kommen als bisher befürchtet.

In der Sprache des Topbankers tönt das so: «Schweizer Privatbanken werden in diesem Jahr ein Aufwand-Ertrags-Verhältnis von über 100 Prozent haben.» Übersetzt heisst das nichts anderes, als dass der Bank-Chef der grössten Privatbank davon ausgeht, dass seine Konkurrenten in der Schweiz im laufenden Jahr mehr Ausgaben als Einnahmen haben und demzufolge Verluste einfahren. Und die führen zu harten Einschnitten.

Die Personalkosten bleiben

Collardis Rechnung ist schnell gemacht – und sie führt in seiner Bank zu einem Stellenabbau von 200 Personen in den nächsten Monaten. Rund 100 Millionen Franken will er so einsparen. Denn trotz der Internationalisierung von Julius Bär der letzten Jahre wird immer noch ein grosser Teil der Löhne in Schweizer Franken ausbezahlt, da hierzulande die meisten Mitarbeiter beschäftigt sind. Die Kommissionen werden jedoch in anderen Währungen berechnet. Dies hat zur Folge, dass die Erträge aufgrund des Währungseffektes schrumpfen.

Kommt als Weiteres der Negativzins hinzu, der seit dem 22. Januar gilt. Der führt dazu, dass Banken künftig für das Deponieren von Geldern ab einer bestimmten Summe eine Art Strafzins bezahlen müssen. Gedacht ist die Massnahme vor allem zur Abschreckung ausländischer Anleger, die den Franken als sicheren Hafen benutzen. Doch auch Schweizer Privatbanken werden unter dem Minuszins leiden, da sie genau diese Anleger als Kunden haben.

Die Analyse Collardis für sein Haus und die Branche deckt sich mit den Aussagen zahlreicher Experten, geht jedoch in der Konsequenz noch ein Stück weiter: Die traditionellen Privatbanken, die in den letzten Jahrzehnten das Geld ihrer vermögenden Kundschaft nahezu risikolos angelegt und ihr Geschäftsmodell auf dem Bankgeheimnis aufgebaut haben, geraten zunehmend unter Druck. Die klassische Vermögensverwaltung, die der Schweiz Wohlstand gebracht und ihr gleichzeitig ein Imageproblem eingebrockt hat, bringt immer weniger Rendite.

Denn das Geschäft ist immer schärferen Regulierungen ausgesetzt, sowohl im In- wie im Ausland. Der automatische Informationsaustausch mit den wichtigsten Absatzmärkten etwa ist beschlossene Sache. Die Umsetzung dieser Massnahme kostet die Banken Unsummen. Neue Informatik-Systeme etwa müssen eingerichtet werden, um den Steuerbehörden auf Knopfdruck die angeforderten Informationen zu liefern.

Viele Banken machen Verluste

Laut dem Beratungsunternehmen KPMG haben schon 2013 mehr als ein Drittel der Schweizer Privatbanken Verluste geschrieben. Zudem wiesen 59 von 94 analysierten Banken eine rückläufige Entwicklung auf oder haben es lediglich geschafft, ihre rückläufige Entwicklung zu stabilisieren. «Mit der Frankenstärke wird die Entwicklung noch verstärkt,» sagt Studienautor Christian Hintermann, der bei KPMG für die grossen Firmenübernahmen im Bankbereich verantwortlich ist.

Die Diskrepanz zwischen Erträgen, die in ausländischen Währungen anfallen, und Kosten, die in Schweizer Franken bezahlt werden müssen, sind das eine. Neue Kundenbedürfnisse das andere. Eine jüngere Generation von vermögenden Kunden setzt nicht mehr auf die klassische Diskretion, sondern auf Vernetzung und Verfügbarkeit. Neue Anbieter wie Google und Apple setzten auf das Bankgeschäft. Auch das führt bei den Banken zu neuen Investitionen, die sich nur die Grossen leisten können. Und es ist längst nicht sicher, mit welchen Gebührenmodellen künftig Einnahmen generiert werden. Auch hier sind laut KPMG-Experten die grossen Player im Vorteil.

Zuletzt bleibt eine weitere offene Frage. Noch stehen wichtige Entscheide des US-Justizministeriums aus. Noch ist unklar, wie teuer die Vergleichszahlungen – oder Bussen – sein werden, welche die Banken für die Bereinigung von Altlasten ausgeben müssen. Die Rückstellungen für das US-Steuerprogramm beliefen sich laut KPMG auf Ende 2013 gesamthaft auf 0,9 Milliarden. Viele haben zugewartet. Auch Julius Bär.