az-Serie Teil 9
Der Taschenspielertrick der Grossbanken

Es wäre nun auch im Interesse der Steuerzahler nicht klug, wenn im politischen Prozess an den Vorschlägen der Expertengruppe zur Linderung der «oo big to fail»-Problematik herumgeflickt würde, schreibt unser Autor.

Boris Zürcher*
Merken
Drucken
Teilen
Boris Zürcher

Boris Zürcher

Insgesamt will die Expertengruppe zur «Too big to fail»-Problematik das Regulierungskorsett für die beiden systemisch relevanten Schweizer Grossbanken fester schnüren. Wenn es nach ihren Vorschlägen geht, müssen diese künftig deutlich mehr Eigenkapital halten, dessen Qualität soll besser werden und sie haben zum Voraus organisatorische Vorkehrungen zu treffen, die im Notfall die Herauslösung und den Weiterbetrieb von essenziellen Bankinfrastrukturen erlauben.

Das Dilemma, vor dem die Regulierungs- und Überwachungsbehörden stehen, eine Grossbank entweder mit Steuergeldern zu retten oder unter Inkaufnahme eines hohen volkswirtschaftlichen Schadens zu liquidieren, soll dadurch gemildert werden.

Auch wenn man sich hätte vorstellen können, dass zu den schärferen Eigenmittelvorgaben, die sich an den risikogewichteten Aktiven ausrichten, auch der maximale Leverage, also die Verschuldungsobergrenze, angehoben wird, ist das von der Expertengruppe nun präsentierte Massnahmenpaket in sich stimmig und tauglich. Es ist geeignet, den Risikoappetit der Grossbanken zu zügeln.

Und auch wenn die Expertengruppe vielleicht zu grosse Hoffnungen in das neu zu schaffende Instrument von bedingten Wandelanleihen (so genannte CoCo-Bonds) setzt, ist mit dem vorgeschlagenen Massnahmenpaket ein erster wichtiger Schritt unternommen worden, um das Bankengeschäft weniger krisenanfällig zu machen. Mit Blick auf die internationalen Diskussionen ist es sogar recht ambitiös und setzt eine hohe Benchmark.

Dass die implizite Staatsgarantie mit den vorgeschlagenen Massnahmen für die beiden Schweizer Grossbanken vollständig eliminiert wird, ist kaum anzunehmen. Hingegen wird man bereits relativ rasch herausfinden, wie «langweilig» beziehungsweise risikoärmer das Geschäft der beiden Grossbanken UBS und CS wirklich geworden ist.

Ein Indikator dafür wird die Entwicklung der Bonuszahlungen für das Bankmanagement sein. Mehr Eigenkapital stärkt den Substanzwert und verkleinert die Risiken. Aber besser kapitalisierte Banken werden auch nicht mehr mit Eigenkapitalrenditen von bis zu 25 Prozent aufwarten können. Es ist daher nicht auszuschliessen, dass sich der Konflikt über die Gewinnaufteilung zwischen Aktionären und Management sehr bald schon zuspitzen könnte.

In diesem Zusammenhang hat eine Untersuchung der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich nachgewiesen, dass systemisch relevante Grossbanken im Vergleich zu Unternehmen in anderen Wirtschaftssektoren gar nicht besonders profitabel waren – im Gegenteil.

Die hohen Eigenkapitalrenditen wurden vielmehr durch eine drastische Reduktion der eigenen Mittel beziehungsweise eine Ausweitung des Verschuldungsgrades erzielt. So betrugen beispielsweise in der Schweiz zwischen 1980 und 1995 die durchschnittlich von den systemisch relevanten Grossbanken gehaltenen Eigenmittel 6,1 Prozent der gesamten Aktiven. Über den Zeitraum 1996 bis 2007 reduzierten sie diese auf noch 4,1 Prozent, was einem Rückgang um rund ein Drittel entspricht. Gleichzeitig ist die Eigenkapitalrendite von 7,3 auf 10,7 Prozent gestiegen, was einem Zuwachs von rund 46 Prozent entspricht.

Auch die Schweizer Grossbanken haben folglich ihre höhere Rentabilität nicht primär durch eine überlegene Effizienz erzielt, sondern aufgrund einer Ausweitung des Verschuldungsgrades – ein Taschenspielertrick sozusagen. Und weil andere Grossbanken dies auch taten, waren schliesslich alle gezwungen, dieses Spiel mitzumachen, ansonsten sie Gefahr liefen, zu Übernahmekandidaten zu werden.

Die neuen Eigenmittelvorschriften lassen erwarten, dass die beiden Schweizer Grossbanken auf ungewichteter Basis künftig wieder rund 5 Prozent eigene Mittel halten müssen, was letztlich ein entscheidender Schritt hin zur Wiederherstellung der Marktdisziplin ist.

Es wäre nun auch im Interesse der Steuerzahler, die beim allfälligen Zusammenbruch einer Grossbank erneut zur Kasse gebeten werden könnten, nicht klug, wenn im politischen Prozess an den Vorschlägen der Expertengruppe zur Linderung der «Too big to fail»-Problematik herumgeflickt würde. Die Gefahr ist sonst gross, dass der fein austarierte Kompromiss wirkungslos verpufft.

*Boris Zürcher ist Leiter Wirtschaftspolitik bei Avenir Suisse.