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Der tiefe Fall des «Wiko»

Martin Winterkorn war mal der am besten verdienende Konzernchef Deutschlands. Jetzt gibt es gegen ihn in den USA einen Haftbefehl. Und auch in Deutschland droht dem 70-Jährigen eine Strafe.
Christoph Reichmuth, Berlin
Der ehemalige CEO von Volkswagen (VW) Martin Winterkorn. (Bild: Michael Kappeler)

Der ehemalige CEO von Volkswagen (VW) Martin Winterkorn. (Bild: Michael Kappeler)

Besonders erfolgreich war die am Samstag mit dem Pokalfinale abgelaufene Spielzeit für den erfolgsverwöhnten FC Bayern München nicht. Nicht mal fürs Double hat es gereicht. Und beim Champions-League-Final am Samstag sind die Münchner bloss Zuschauer. Die souverän gewonnene Meisterschaft? Wird in München erwartet.

Vermutlich muss sich Bayerns Aufsichtsratschef Uli Hoeness nächstens auch noch mit einer Personalie beschäftigen, die für den 66-Jährigen unangenehm ist. Im hoch dotierten Aufsichtsrat des Fussballclubs sitzt mit Martin Winterkorn der ehemals angesehene VW-Konzernchef, dessen Nähe bis Herbst 2015 alle aus Politik und Wirtschaft gesucht hatten, die etwas auf sich hielten. Dann kam im Herbst 2015 die bis heute nicht ausgestandene VW-Dieselaffäre. Inzwischen bringt die Personalie Winterkorn Uli Hoeness in die Bredouille. Ge- gen den Baden-Württemberger ermitteln Staatsanwälte in Deutschland und in den USA. Die USA haben gar Haftbefehl gegen Winterkorn erlassen. Freilich, es gilt die Unschuldsvermutung – aber ein Mann, gegen den wegen Betrugs und Marktmanipulation ermittelt wird, als wirtschaftlicher Kontrolleur beim grossen FCB? «Für einen Menschen wie Winterkorn ist die aktuelle Situa­tion der Super-GAU», sagt Wirtschaftsanwalt Markus Wintterle gegenüber dem «Spiegel». Und fügt hinzu: «Er ist wirtschaftlich geächtet, seine Vita verbrannt, und er kann Deutschland nicht mehr verlassen.»

Vorwurf der Verschwörung und des Betrugs

verlassen kann, liegt an dem harten Vorgehen der US-Justiz gegen Europas grössten Automobilkonzern. Die amerikanische Justiz will nun auch Winterkorn wegen Betrugs in der Abgasaffäre zur Rechenschaft ziehen, es liegt ein Haftbefehl gegen ihn vor. Die Ankläger werfen ihm ausserdem Verschwörung zum Verstoss gegen Umweltgesetze und zur Täuschung der Behörden vor. Bei einer Verurteilung drohen Winterkorn bis zu 25 Jahre Haft und eine Geldstrafe von bis zu 275 000 Dollar. Deutschland wird Winterkorn nicht ausliefern – aber wie andere Staaten vorgehen würden, ist ungewiss. Daher dürfte sich der ehemalige Top-Manager davor hüten, sein Heimatland zu verlassen.

Möglicherweise könnte es für Winterkorn, den sie bei VW in einer Mischung aus Ehrfurcht und Vertrautheit «Wiko» genannt hatten, auch in Deutschland bald ungemütlich werden. In Braunschweig ermitteln die Staatsanwälte unter anderem gegen den ehemaligen VW-Boss wegen Marktmanipulation und Betrug. Hintergrund: Winterkorn habe schon viel früher von der Diesel-Affäre Kenntnis gehabt, habe aber nicht reagiert und damit die Anleger nicht rechtzeitig informiert.

«Geld im Extremfall komplett weg»

Laut Wintterle sei für Winterkorn in Deutschland eine unbedingte Freiheitsstrafe kaum abwendbar. Selbst dann, wenn Winterkorn – wie dieser stets beteuert – von den Manipulationen an den Dieselmotoren bis zum Auffliegen der Affäre im September 2015 nichts gewusst habe, drohte dem Ex-VW-Boss Ungemach. Winterkorn müsste einräumen, dass er sein Unternehmen fahrlässig strukturiert hatte. «Ein Vorsitzender muss nicht nur beweisen, dass er sich pflichtgemäss verhalten hat, sondern auch, dass er nicht schuldhaft etwas unterlassen hat.» Zudem untersucht derzeit der Volkswagen-Konzern, ob Winterkorn wegen Fehlverhaltens zu Schadenersatz verklagt werden könnte. Sollte Winterkorn ein Fehlverhalten nachgewiesen werden können, würde auch seine Manager-Haftungsversicherung für die Ansprüche nicht aufkommen, vermuten Experten. «Es ist gut möglich, dass Herr Winterkorn mit einem Grossteil seines Privatvermögens wird haften müssen», sagt Rechtsanwalt Michael Hendricks gegenüber dem «Handelsblatt.»

Winterkorn schweigt derzeit zu den Vorwürfen. Das dürfte sich im Sommer ändern, wenn Winterkorns Anwälte Akteneinsicht erhalten haben. Letztmals nahm Winterkorn zu der Affäre im Januar 2017 Stellung, als er sich vor dem Untersuchungsausschuss im Bundestag den Fragen der Politiker stellen musste. Der Einsatz der verbotenen Software in Dieselfahrzeugen, sagte Winterkorn damals zu den Politikern, «muss natürlich in ihren Ohren wie Hohn klingen». Er verstehe dies. «Es geht mir genauso.» Gewusst von den Manipulationen habe er nichts, beteuerte er damals wie heute. «Ich muss akzeptieren, dass mein Name eng verbunden ist mit der Dieselaffäre.» Als ob er ein deutliches Signal setzen wolle, verlängerte Winterkorn Anfang dieser Woche seinen Verjährungsverzicht bis Ende Mai 2019. Im Falle von Schadenersatz-Ansprüchen könnte der Ex-Manager also keine Verjährung geltend machen.

Bleibt Winterkorn noch sein letzter verbliebener Posten im Aufsichtsrat des FC Bayern München. Ob er seinen Sitz als Wirtschaftsprüfer bei dem Fussball-Krösus behält, bleibt offen. Bayern-Boss Uli Hoeness hatte sich stets hinter Winterkorn gestellt, zuletzt allerdings äusserte er sich dazu nicht mehr. Hoeness steckt wohl auch in der Zwickmühle. Winterkorn soll, so ist es überliefert, auch dann zu Hoeness gestanden haben, als dieser 2014 wegen Steuerhinterziehung zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt worden war. Jetzt, vier Jahre später, sind die Rollen vertauscht.

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