Krise
Der Weltwirtschaft geht die Luft aus – weil China gehustet hat?

Chinas Wirtschaft macht überraschend schwierige Zeiten durch. Die Abwertung Chinas könnte im angeschlagenen Westen einen stetigen Niedergang der Preise auslösen.

Tommaso Manzin
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Mit dem aufblasbaren Globus ist es wie mit der Weltwirtschaft: Ist die Luft einmal draussen, wird es schwierig, ihn wieder ins Rollen zu bringen.Felipe Dana/Key

Mit dem aufblasbaren Globus ist es wie mit der Weltwirtschaft: Ist die Luft einmal draussen, wird es schwierig, ihn wieder ins Rollen zu bringen.Felipe Dana/Key

KEYSTONE

Wenn Amerika hustet, bekommt Europa die Grippe – so fasste der 1999 verstorbene Börsenaltmeister André Kostolany die Bedeutung der USA für den alten Kontinent zusammen.

Medizinische Metaphern sind bei Ökonomen beliebt – spätestens seit den Physiokraten, einer ökonomischen Schule zur Zeit der Aufklärung. Ihr Gründer, der Arzt François Quesnay, hat in Anlehnung an den Blutkreislauf den Begriff des Wirtschaftskreislaufs geprägt.

Und seit seinem Zeitgenossen Adam Smith, dem Begründer der modernen Nationalökonomie, spricht man von den «Selbstheilungskräften» des Markts. Die Ansteckungsgefahr unter Ländern in der europäischen Schuldenkrise dürfte eines der jüngsten Beispiele dieser Bildsprache sein.

Kostolanys Diagnose gilt bis heute, beschreibt aber vor allem die Nachkriegszeit, als die USA die unangefochtene Wirtschaftsmacht waren. Mit dem Aufstieg Chinas zur Nummer zwei in einer nunmehr multipolaren Welt haben auch schlechte Neuigkeiten aus Peking zunehmend Auswirkungen auf Wirtschaft und Wohlstand anderer Länder.

Wenn China hustet

Ganz besonders deutlich wurde das vergangene Woche: Die jüngsten Ängste um eine Wachstumsabschwächung in China haben selbst die Behörden vor Ort als genug ernst eingestuft, um mit einer dreifachen Abwertung der Landeswährung Renminbi zu reagieren. Dies soll die Exporte billiger machen und der Wirtschaft wieder mehr Schwung verleihen. Die Börsen im Rest der Welt gingen auf Tauchstation.

China hat also gehustet. Und was macht der Rest der Welt? Bleibt es beim Schluckauf an den Börsen?

Anders als in den Jahren von Wiederaufbau und Boom nach dem Zweiten Weltkrieg sind die Länder Europas zu gesättigten Volkswirtschaften mit notorisch blutleerem – eine weitere Anleihe an die Medizin – Wachstum geworden. Zudem leiden sie an Überalterung. Besonders angeschlagen und fragil sind sie seit der Finanzkrise von 2008 und der Schuldenkrise von 2010. Ähnliches gilt für die USA, obwohl das Land der unbegrenzten Möglichkeiten noch immer ansehnliche Wachstumsraten hinlegt. Gleichzeitig ist die Welt globalisierter und durch handels- und Finanzströme verflochtener denn je: Probleme übertragen sich weit schneller.

Kurz: Die Widerstandskraft der westlichen, «greisen» Industriestaaten ist heute deutlich geringer, die von Kostolany erwähnte «Grippe» könnte schnell zu Komplikationen führen. Besonders gefährlich ist hierbei eine (chronische) Krankheit, unter der Japan, eine weitere überalterte Volkswirtschaft, seit Jahrzehnten leidet: Deflation, das Gegenteil der Inflation (Teuerung). Eine Wirtschaft, die von ihr erfasst wird, leidet unter stetig rückläufigen Preisen an allen Fronten, weil die Konsumenten in Erwartung immer billigerer Produkte ihre Käufe aufschieben. Für Japan und auch die Eurozone liegt der Treiber des Preisschwunds in der sogenannten Bilanzrezession (siehe Texte rechts): Der Privatsektor baut gleichzeitig Schulden ab und spart. So oder so: Hinter einer bösartigen Deflation steht immer eine abnehmende Nachfrage. Wird das Angebot nicht angepasst, sinken die Preise – das eiserne Gesetz des Marktes.

Import von Deflation

So weit sind wir global gesehen noch nicht. Viele Industriestaaten befinden sich aber schon zu lang in einem deflationären Umfeld: Die Konsumenten könnten sich langsam wirklich daran gewöhnen, dass Preise nur eine Richtung kennen – nach unten nämlich – und ihre Käufe immer weiter aufschieben. Vor allem aber wird befürchtet, dass ein externer Schock die Länder endgültig in die Deflation stürzen könnte.

Ganz oben auf der Liste der möglichen Auslöser steht dabei genau das, was diese Woche passiert ist: Wenn China abwertet, werden seine Exporte billiger für die Importländer. Anders gesagt: Sie würden aus China mit den Gütern auch Deflation importieren. Während Inflation die Preise aufbläht, lässt Deflation Luft aus den Preisen. Der Wirtschaft geht sozusagen die Luft aus. Damit wären wir bei der Diagnose: Wenn China hustet, bekommt Europa Asthma. Und vielleicht die ganze Welt.

Dazu ein paar Anamnesedaten, die dieses Szenario untermauern: Nachdem in der Vorwoche die Konsumentenpreise in der Schweiz den tiefsten Stand seit 2007 erreicht haben, meldete das Bundesamt für Statistik, dass die Produzenten- und Importpreise im Juli 6,4 Prozent tiefer lagen als vor einem Jahr. Auch im Vergleich zum Juni gaben sie nach. Billigere Produktionspreise bedeuten, dass die mit ihnen hergestellten Güter billiger werden könnten.

Währungswettlauf bis zum Ende

In den Euro-Krisenländern Italien, Spanien und vor allem Griechenland sind Preisrückgänge auf breiter Front längst Realität. Aber auch Deutschland laviert an der Deflationsgrenze. Gemäss Statistischem Bundesamt liegen die Konsumentenpreise nur 0,2 Prozent über dem Niveau des Vorjahresmonats. Im Mai betrug die Inflation noch 0,7 Prozent.

Die Liste der Länder mit eher sinkenden statt anziehenden Preisen liesse sich fast beliebig fortsetzen. So zeigen die neusten Daten für Indien, dass die Teuerung auch in der zweitgrössten aufstrebenden Volkswirtschaft tiefer als erwartet ausgefallen ist – viel tiefer, wie Marktbeobachter feststellen. Die Notenbank könnte die für das letzte Quartal vorgesehene Senkung des Leitzinses nun schon im September vollziehen. Und selbst in den USA laviert die Teuerung auch nach fünf Jahren mit weit offenen Geldschleusen noch immer bei einem Prozent. Experten monieren, die Abwertung in China werde das Preisniveau in den USA über die verbilligten Importe noch näher an die Nullgrenze drücken. Die mit Spannung erwartete erste Zinserhöhung durch die US-Notenbank im September, über die am Markt die Wetten ohnehin noch nicht gemacht waren, ist damit unsicherer denn je.

China ist nicht das erste Land, das in der Not der Jahre nach Ausbruch der Finanzkrise 2008 zur Abwertung greift, um die eigene Wirtschaft zu revitalisieren. Ein Allheilmittel ist das indes nicht. Es geht so lange gut, bis die anderen Länder nicht in diesen Reigen einsteigen. Japan betreibt seit 2010 eine konsequente und massive Politik der Abwertung und Exportförderung. In der zweiten Jahreshälfte 2014 zog die Eurozone nach. Dass nun bei den ersten Anzeichen ernsthafter Konjunkturprobleme auch das Exportschwergewicht China in den Ring steigt, bedeutet eine Eskalation im Abwertungswettlauf. Agenturen berichteten dieser Tage, dass die Regierung in Peking eine Abwertung von 10 Prozent anstrebt. Das wäre für sich genommen schlimm genug für den Rest der Welt. Doch es könnte zusätzlich weitere Länder – gerade auch in Asien – zwingen, in diesen Wettlauf um die billigste Währung einzusteigen. Bis einem nach dem anderen der Schnauf ausgeht.

«Gutartige» und «bösartige» Deflation

Der Begriff Deflation beschreibt den Zustand anhaltend fallender Preise bei so gut wie allen Gütern und Dienstleistungen (also das Gegenteil der Inflation = Teuerung). Fallen die Preise über einen genügend langen Zeitraum, beginnen die Konsumenten, auch für die Zukunft von fallenden Preisen auszugehen. Sie schieben ihre Ausgaben in dieser Erwartung auf. Dadurch knickt die Nachfrage weiter ein. Die Preissenkungen erweisen sich als selbsterfüllende Prophezeiung: Weil die Konsumenten mit Kaufen zuwarten, sinken die Preise tatsächlich. Bilanzrezessionen treten typischerweise nach von Überschuldung verursachten Finanzkrisen auf: Nicht nur die privaten Haushalte, sondern auch die Unternehmen bauen Schulden ab und sparen. Daraus können lange anhaltende Stagnationen entstehen – Beispiele sind die Weltwirtschaftskrise der 1930er-Jahre und die seit den späten 1980er-Jahren anhaltende Deflation in Japan – da der Privatsektor seine Ausgaben gleichzeitig und über eine längere Periode reduziert. Der Staat muss die fehlende Nachfrage ausgleichen. Dazu muss er mehr Schulden aufnehmen. Diese durch die Zentralbank finanzierte Staatsverschuldung führt aber nicht zu Inflation, weil das Geld in der Wirtschaft immer weniger schnell zirkuliert, die Umlaufgeschwindigkeit nimmt ab. Es gibt auch eine «gutartige» Deflation. In diesem Fall sinken die Preise nicht wegen fehlender Nachfrage, sondern wegen effizienterer und damit günstigerer Produktion. Zu beobachten ist das meist nur in einzelnen Branchen, etwa bei elektronischen Geräten. (tm)

Weltwirtschaftskrise und Japan

Die letzte grosse globale Deflation gab es in der Weltwirtschaftskrise der frühen 1930er-Jahre. Die Löhne begannen zu sinken, die Preise brachen ein und die Arbeitslosigkeit stieg rasant an, in Deutschland beispielsweise auf rund 20 Prozent. Falsche Gegenmassnahmen wie Sparrunden der öffentlichen Hand und Lohnkürzungen verschärften die Deflation, denn die Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen von Privaten und Staat wurde dadurch noch schwächer. Dies drückte die Preise weiter. Auch die Notenbanken reagierten falsch, nämlich mit Zinserhöhungen statt wie heute mit billigem Geld über Nullzinsen und offene Geldschleusen. Nur ein massiv höheres Geldangebot kann zu einer Geldentwertung führen, mit anderen Worten: zu Inflation. Japan steckt seit 1990 immer wieder über weite Strecken in der Deflation – was man zunächst als verlorenes Jahrzehnt bezeichnete, währt unterdessen ein Vierteljahrhundert. Der Ex-Präsident der US-Notenbank, Ben Bernanke, hat die Geldschleusen in der Finanzkrise genau aus Furcht vor diesen «japanischen Zuständen» geöffnet. Durch den Kauf von Wertschriften pumpte er Billionen von Dollar in den Markt. Seine Erkenntnis: Es muss so lange Geld in die Wirtschaft eingespeist werden, bis seine Entwertung genügend gross ist und damit die Preise wieder mit einer unbedenklichen Zuwachsrate steigen. Heutige Notenbanken erachten meist eine Inflation von etwa 2 Prozent als ideal. Damit haben sie noch genügend Reaktionszeit für Gegenmassnahmen, bevor der Sog der Deflation die Preise unter die Nulllinie zieht. (tm)