DETAILHANDEL: Ein Datum soll reichen

Bis Ende Jahr wollen Coop und Volg nicht mehr zwei Daten, sondern nur noch das Verfalldatum auf Verpackungen drucken. So soll weniger Essen im Abfall landen. Migros sieht das anders.

Carole Gröflin
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Carole Gröflin

Knuspriges Brot, knackige Birnen und strahlend gelbe Bananen: In diesem Zustand will man herzhaft in diese Lebensmittel reinbeissen. Sie brauchen keine Bezeichnung wie «mindestens haltbar bis», «zu verkaufen bis» oder «zu verbrauchen bis». Denn ihr Verfall ist mit dem blossen Auge erkennbar: Brot wird hart, die Birne schrumpelig und die Banane braun. Anders ist das bei Lebensmitteln, denen man nicht auf den ersten Blick ansieht, ob sie den Zenit ihrer Lebensdauer bereits überschritten haben wie zum Beispiel bei Joghurt, Käse oder Fertigmenüs.

Einzig Qualität als Kriterium

Doch oft wird in Schweizer Haushalten etwas weggeworfen, obwohl es noch einwandfrei geniessbar gewesen wäre. Zu oft! Das findet zumindest das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV). In der Tat landen in der Schweiz jährlich 2,3 Millionen Tonnen Lebensmittel im Güsel. 45 Prozent der Lebensmittel werden im Haushalt fortgeworfen (siehe Grafik). Um diese Lebensmittelverschwendung – den sogenannten «Food Waste» – zu minimieren, empfiehlt das BLV den Detailhändlern, bei ihren Produkten nur anzugeben, bis wann diese haltbar sind. Damit rät das BLV von der gängigen Doppeldatierung ab: Statt das maximale Verkaufsdatum («zu verkaufen bis») und das Ablaufdatum («zu verbrauchen bis» respektive «mindestens haltbar bis») zu deklarieren, soll nur noch ein Datum angegeben werden. Und zwar dasjenige, bis wann ein Produkt ohne Qualitätseinbusse genossen werden kann.

Coop stellt schrittweise um

Die Detailhändlerin Coop will bis Ende Jahr 90 Prozent der Angebotspalette nur noch mit einem Mindestablaufdatum versehen (siehe Box). Um Kosten zu sparen und nicht unnötig riesige Mengen vorproduziertes Verpackungsmaterial entsorgen zu müssen, erfolgt diese Umstellung schrittweise. Bereits heute findet sich nur eine Datumsangabe auf Produkten wie Sandwiches, Frischfisch, Fertigmenüs, gekühlten Salaten oder Salat-Bowlen. Auch andere Detailhändler haben bereits zur Einfachdatierung gewechselt:

  • Lidl: Bereits heute sind 99 Prozent der Produkte nur noch mit einer Einfachdatierung versehen.
  • Volg: «Wir sind schon sehr weit, und die Umstellung wird bis Ende Jahr abgeschlossen sein», sagt Mediensprecherin Tamara Scheibli.
  • ALDI Suisse: Seit Jahren gibt der Discounter mit Ausnahme bei Eiern nur die Datierungen «zu verbrauchen bis» bei gekühlten und «mindestens haltbar bis» bei ungekühlten Produkten an.
  • Manor: Aktuell wird die Empfehlung der Behörden, auf das «zu verkaufen bis»-Datum zu verzichten, evaluiert. Ein abschliessender Entscheid wurde gemäss Mediensprecherin Elle Steinbrecher noch nicht getroffen.
  • Globus: Das Warenhaus, das zum Migros-Konzern gehört, bezieht seine Lebensmittel von über 1500 meist kleinen Produzenten aus dem In- und Ausland. Die meisten hatten schon immer die Einfachdatierung (mit Ausnahme einiger Schweizer Produzenten). Hier seien gemäss Mediensprecherin Nirmala Alther keine Änderungen geplant.
  • Denner: «Bei ihren Eigenmarken verzichtete die Migros-Tochter Denner schon immer auf eine Doppeldatierung, um so der Lebensmittelverschwendung entgegenzuwirken», sagt Mediensprecher Thomas Kaderli.

Nichts von dieser Praxis will Migros wissen: Sie hält weiter an der Doppeldatierung fest: «Damit können wir der Verschwendung von Lebensmitteln entgegenwirken», sagt Ernö Staub, Spezialist für Lebensmittelqualität bei der Migros. Zwischen dem «zu verkaufen bis»-Datum und dem «zu verbrauchen bis»-Datum liegen meist mehrere Tage. «So hat der Kunde eine Zeitspanne, um das Produkt zu Hause zu konsumieren.» Ansonsten würden die Artikel länger im Laden angeboten, ergo bliebe dem Käufer weniger Zeit zum Verzehr. Dies hätte zur Folge, dass mehr Artikel schlussendlich den Weg in den Güsel finden würden – statt in den Magen. Migros setzt bei den Produkten selbst an: So hat der orange Riese das Haltbarkeitsdatum bei 180 Hartkäsesorten von 32 auf 40 Tage erhöht und beim Koch- und Bratspeck das Haltbarkeitsdatum teilweise verdoppelt.

«Zu sehr auf Daten fixiert»

«Auch wenn ein Joghurt gemäss Datierung abgelaufen ist, heisst das noch lange nicht, dass es ungeniessbar ist», sagt Markus Hurschler, Mitgründer des Vereins Foodwaste.ch. Die Organisation wurde 2012 gegründet und versteht sich als unabhängige Informations- und Dialogplattform zum Thema Lebensmittelverschwendung in der Schweiz.

Nicht im Abfalleimer landete das Sojajoghurt, das Hurschler am Montag genoss – obwohl es bereits mehrere Wochen übers Datum war. «Wir sind in der Schweiz zu sehr auf Daten fixiert», moniert Hurschler. Zwar begrüsst er den Entscheid von Coop und anderen Detailhändlern, künftig auf die Doppeldatierung zu verzichten. «Viel wichtiger ist, dass bei den Konsumenten die grundsätzliche Wertschätzung von Lebensmitteln steigt.»

Einheitliche Reglung gefordert

Die Freude am Verzicht auf zwei Daten auf den Verpackungen ist auch auf Seiten des Konsumentenschutzes gross: Prisca Birrer-Heimo, Präsidentin der Stiftung für Konsumentenschutz (SKS), begrüsst die Bemühungen der Detailhändler, die auf Doppeldatierung verzichten: «Zu viele Daten verunsichern den Konsumenten», sagt die Luzerner Nationalrätin. Sie würde es begrüssen, wenn sich auch die Migros für die Einfachdatierung entscheiden würde: «Dann gäbe es eine einheitliche Regelung.»

Interaktive Luga-Ausstellung

Dass zu viel Essen im Abfall landet, stört auch den Kanton Luzern. Die Güselsack-Untersuchung des Bundesamtes für Umwelt (Bafu) im Jahr 2012 liess aufhorchen: Pro Person landen jährlich mehr als 30 Kilogramm Nahrungsmittel im Kehricht. Im Kanton Luzern sind das rund 10 000 Tonnen pro Jahr. Diese erschreckende Zahl nahm die Dienststelle Umwelt und Energie als Anlass zum Handeln: An der diesjährigen Luga vom 25. April bis 4. Mai gibt es eine interaktive Ausstellung zum Thema Lebensmittelverschwendung. «Weitere Aktionen über die nächsten Jahre sind in Planung», sagt Mediensprecher Hansruedi Arnet auf Anfrage.

Empfehlung: Das Infoblatt mit den Fristen finden Sie unter www.luzernerzeitung.ch/bonus

Klarheit bei den Begriffen

cin. Das Verbrauchsdatum ist eine Angabe der Lebensmittelsicherheit: Es zeigt an, bis wann ein Produkt ohne Gefahr konsumiert werden kann. Nach Ablauf dieser Frist darf es nicht mehr verkauft werden.
Das Mindesthaltbarkeitsdatum betrifft die Qualität eines Produktes. Wenn dieser Zeitraum überschritten wurde, können sich Geruch, Geschmack, Farbe oder Konsistenz ändern. Dennoch kann ein Lebensmittel ohne Bedenken konsumiert werden.
Für die Bezeichnung «zu verkaufen bis» gibt es keine gesetzliche Basis. Deshalb empfiehlt das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV), dass auf diese Bezeichnung verzichtet wird.
Das Bundesamt für Umwelt und die Stiftung für Konsumentenschutz empfehlen folgende Fristen:

  • Fleisch: bis 24 Stunden nach Ablauf des Datums.
  • Hartkäse: bis zwei Wochen nach Ablauf des Datums (bei offen gekauften Produkten nach Kauf).