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DETAILHANDEL: Kleine Makel sind gestattet

Obst mit Dellen oder dreibeinige Rüebli landeten bisher meist im Kompost. Coop will das mit einem neuen Angebot ändern. Ob die Konsumenten aber auf Dauer mitziehen, ist fraglich.
Hans-Peter Hoeren
Diese schönen Rüebli wuchsen in einem Luzerner Garten und sind in keinem Coop-Regal zu finden. (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)

Diese schönen Rüebli wuchsen in einem Luzerner Garten und sind in keinem Coop-Regal zu finden. (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)

Rund 2 Millionen Tonnen einwandfreier Lebensmittel werden in der Schweiz jedes Jahr weggeworfen. Das entspricht 300 Kilo pro Person. Die Hälfte der Verluste hängt mit Qualitätsnormen und Essvorlieben zusammen. Das zeigt eine Studie von Foodwaste, einer Informationsplattform für Lebensmittelverluste in der Schweiz. Zu grosses, zu kleines oder unförmiges Gemüse wird oft bereits in den Verarbeitungsbetrieben und der Landwirtschaft aussortiert. Die Qualität dieser Produkte ist dabei oftmals genauso gut wie die von «perfekt» gewachsenem Gemüse oder Obst.

Gegen diese Verschwendung von Lebensmitteln will der Grossverteiler Coop vorgehen. Seit Anfang Woche werden unter dem Label «Ünique» mehrbeinige Rüebli und ein Gemüsemix mit unter anderem leicht unförmigen Zucchetti, Auberginen, krummen Gurken, Fencheln und Tomaten angeboten. Die Kilopreise liegen zwischen 1.80 und 2.40 Franken. Aktuell gibt es das Angebot in rund einem Drittel aller Coop-Filialen, die Verfügbarkeit variiert regional. Marketingtechnisch ist die Aktion für Coop bisher ein voller Erfolg, die verkrüppelten Rüebli sind zumindest als Gesprächsthema in aller Munde.

Krumme Gurken bleiben oft liegen

«Das neue Angebot ist ein guter Test, um zu sehen, ob bei den Konsumenten wirklich ein Bedürfnis nach Kuriositäten vorhanden ist», sagt Marc Wermelinger, Direktor des Verbands des Früchte-, Gemüse- und Kartoffelhandels (Swiss-cofel). Viele Konsumenten signalisierten zwar, dass ihnen gewisse Mängel bei Gemüse oder Obst nichts ausmachten, im Laden würden die Produkte dann aber letztlich doch nicht gekauft. «Heute bleiben die krummen Gurken beispielsweise meistens im Gestell, gekauft werden die geraden Gurken», sagt Wermelinger. Damit sich das Konzept von Coop durchsetzt, müsse ein Umdenken beim Konsumenten stattfinden.

Produzenten sind skeptisch

Beim Verband Schweizer Gemüseproduzenten stösst Coops Vorstoss auf wenig Gegenliebe. «Der Verband verfolgt diesen neuen Verkaufskanal eher mit Skepsis und befürchtet, dass es für die Produzenten kein lukratives Geschäft sein wird», sagt Sprecherin Moana Werschler. Die Preise, zu denen Coop dieses zumindest optisch minderwertigere Gemüse anbiete, seien für die Produzenten nicht profitabel. «Sie bekommen weniger als für normale Rüebli», sagt Werschler.

Zudem bestehe die Gefahr, dass das neue Label einen zusätzlichen Aufwand generiere, beispielsweise wenn das Gemüse separat sortiert, etikettiert und geliefert werden müsse. Gemüseabfälle oder Ernteausfälle machten im Schweizer Gemüsebau nur einen kleinen Teil von zirka 1 Prozent aus. «Diese werden, wenn sie nicht in der Verarbeitungsindustrie oder der Gastronomie verwendet werden können, heute meist als Tierfutter oder in Biogasanlagen weiterverwendet», sagt Werschler.

Gemüse landete im Futtertrog

Swisscofel-Direktor Marc Wermelinger widerspricht. «Die Produzenten sollten sich nicht beschweren darüber, dass sie jetzt einen Preis für ein Produkt bekommen, für das es vorher keinen Markt gab», stellt er klar. Das Gros des nicht normgemässen Gemüses sei bisher im Futtertrog gelandet. «Letztlich muss der Produzent entscheiden, ob sich der Verkauf für ihn rechnet oder nicht», sagt Wermelinger. Sicher handle es sich hier um ein Nischenangebot. Entscheidend werde sein, ob diese Art Gemüse und Obst einen Teil des herkömmlichen Gemüses substituieren könne.

«Ein super Werbegag»

«Die Kunden wollen eigentlich immer Ware erster Qualität», gibt Ruth Ammann vom Littauer Gemüsegrosshändler Ammann Coops neuem Nachhaltigkeitsprojekt wenig Erfolgschancen. Sie bezeichnet Coops neues Label gar als «super Werbegag». Ihre Kunden seien generell sehr zurückhaltend beim Kauf von Zweitklassprodukten oder etwas unförmigerem Gemüse oder Obst, sagt Ruth Ammann. Einen Teil dieser Produkte könne sie über den Hofladen oder in die Gastronomie verkaufen. «Die ganze Ware zweiter oder schlechterer Qualität abzustossen, ist aber gar nicht möglich», sagt Ammann. Der Anteil, den sie nicht verkaufen könne, lande grossmehrheitlich auf dem Kompost.

Bei den Coop-Kunden kommt das neue Angebot aber bisher dennoch gut an. «Wir erhalten viele positive Feedbacks, die Nachfrage ist gross», sagt beispielsweise Krist Musolli, Rayonleiter in der Coop-Filiale am Luzerner Kasernenplatz.

Migros reagiert gelassen

Der Konkurrent Migros reagiert auf die Coop-Offensive gelassen. Normabweichende Produkte würden bereits seit längerem bei der Migros unter der Bezeichnung «2. Klasse» verkauft, sagt Migros-Sprecherin Martina Bosshard. In der Regel handle es sich um Äpfel und Birnen aus der M-Budget-Linie. Die Erfahrungen seien zwar grundsätzlich gut. «Bei visuellen Abweichungen wie Flecken neigen die Kunden dennoch dazu, die einwandfreien Produkte vorzuziehen, die gleich nebenan im Regal liegen», sagt Bosshard.

Durchzogene Bilanz in Deutschland

In Deutschland verfolgt man den Vorstoss von Coop mit Interesse. Erste Gehversuche im Bereich von normabweichendem Gemüse und Obst hat vor einigen Jahren bereits der Grossverteiler Rewe gemacht – mit durchzogenem Erfolg. Als ein Unwetter fast die gesamte Apfelernte in Deutschland geschädigt hatte, musste das Obst zu reduzierten Preisen angeboten werden. «Hier gab es eine entsprechend positive Kundenreaktion», sagt Rewe-Sprecher Raimund Esser. Spätere Versuche mit der Vermarktung von krummen Gurken oder fleckigen Bananen seien jedoch an mangelnder Nachfrage gescheitert.

Auch die österreichische Rewe-Tochter Billa vermarktet aktuell in einem Test krummes Gemüse und Obst. Von dem Ergebnis werde es abhängen, ob man auch auf dem deutschen Markt nochmals ein ähnliches Projekt durchführen werde, sagt Raimund Esser.

Ein Fünftel wird weggeworfen

Ein Drittel aller verfügbaren Lebensmittel geht in der Schweiz entlang der gesamten Lebensmittelkette verloren. Das zeigt eine Studie von Foodwaste.ch und dem WWF aus dem Jahr 2012. Fast die Hälfte der Verluste entfällt auf die Haushalte. Jede Person kauft im Durchschnitt pro Tag 1,5 Kilogramm Lebensmittel ein und wirft einen Fünftel davon weg. Aufs Jahr gesehen werfen die Schweizer Haushalte pro Jahr und Kopf 117 Kilo Lebensmittel weg. Auf den Detailhandel entfallen hingegen lediglich 5 Prozent der gesamten Verlustmenge.

Die dreibeinigen Rüebli oder anderes optisch minderwertiges Gemüse oder Obst werden vor allem in der Verarbeitungsindustrie oder in der Produktion aussortiert. Gemäss der Studie gehen die Hauptverluste in der Landwirtschaft «auf das Konto von Früchten und Gemüsen, die auf dem Feld liegen bleiben, weil sie zu gross, zu klein oder zu unförmig sind».

Die Liste der Coop-Filialen mit dem neuen Angebot »

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