«Deutlich mehr Sprayereien»: 3 Punkte, warum die SBB am Limit fahren

Die SBB verzeichnen 2018 eine «massive Zunahme» an verschmierten Zügen. Die Folgen spüren auch die Passagiere. Nun verstärken die Bahnen die Überwachung der Depots. Es gibt aber weitere Probleme.

Adrian Müller / Watson
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Versprayter Intercity im Bahnhof Bern. Das Bild wurde verpixelt, damit das «Werk» nicht erkennbar ist. (Bild: Watson)

Versprayter Intercity im Bahnhof Bern. Das Bild wurde verpixelt, damit das «Werk» nicht erkennbar ist. (Bild: Watson)

Die Schweizer Pendler müssen immer öfter in versprayten Zügen herumfahren. So auch an diesem Montagmorgen. «Forgive me», ist nur eine von vielen Schmierereien, die auf dem IC von Bern nach Zürich prangen. Mindestens ein Wagen ist komplett versprayt.

Dann ertönt die Lautsprecherdurchsage, die Profi-Pendlern einen frühmorgendlichen Schreckensmoment beschert. «Die Komposition wird heute verkürzt geführt». Und das mitten in der Stosszeit. Verschmierte Züge und fehlende Wagen, zwei Probleme, die die SBB beschäftigen.

1. Versprayte Züge

Der erwähnte Intercity ist mitnichten ein Einzelfall. «Wir verzeichnen 2018 eine deutliche Zunahme von versprayten Zügen», sagt SBB-Sprecher Christian Ginsig zu watson. 2017 wurden bereits 2600 Sachbeschädigungen gezählt, zu denen Sprayereien gehören. Der Schaden betrug über fünf Millionen Franken. Genaue Zahlen für 2018 kommuniziert die SBB noch nicht.

Die Graffiti-Epidemie bekommen die Pendler direkt zu spüren. «Rollmaterial muss wegen den Schmierereien vermehrt in den Unterhalt und fehlt auf dem Schienenetz. Das führt zu Komforteinbussen für die Passagiere. Die Verfügbarkeit der Züge ist bei den SBB ein Thema», so Ginsig weiter. Versprayte Fahrzeuge nimmt die SBB normalerweise innert 24 Stunden aus dem Verkehr. Wegen den knappen Fahrzeugbeständen ist dies aber nicht immer möglich.

Nun geben die SBB Gegensteuer. «Die polizeilichen Massnahmen gegen Sprayer sind verstärkt worden», führt Ginsig aus. Weitere Details geben die SBB aus Sicherheitsgründen nicht bekannt.

Edwin Dutler von der ÖV-Kundenorganisation Pro Bahn sind die verschmierten Züge ebenfalls aufgefallen. Selbst fabrikneue Doppelstock-Züge stehen verschmiert auf Geleisen herum. «Die Zug-Sprayer sind wie eine Seuche, die immer mehr ausbricht. Das ist auch in Deutschland ein Riesenproblem». Bahn und Behörden seien jahrelang zu lasch gegen die Sprayer vorgegangen. Das räche sich nun. «Versprayte Züge sind schlecht fürs Image der Bahn», so Dutler.

Das wissen auch die SBB: Laut Insidern laufen derzeit gezielte Areal-Überwachungen, um Sprayereien an Zügen einzudämmen.

2. Fehlende Bombardier-Doppelstöcker

Es ist eines der grössten Trauerspiele der jüngeren Bahn-Geschichte: Seit fünf Jahren verzögert sich die Auslieferung der 59 neuen Bombardier-Doppelstockzüge, die 2010 für 1,9 Milliarden Franken bestellt worden sind. Eigentlich sollten seit dem Fahrplanwechsel die 1300 Passagiere fassenden «FV-Dosto» auf der Strecke Genf-St.Gallen (IC1) in Doppeltraktion verkehren. Wegen mangelhaften Klimaanlagen und Ausfällen beim Kundeninfosystem verzögert sich der Einsatz weiter. Zumindest bis Weihnachten. Die FV-Dosto fahren derzeit bloss als Interregio zwischen Chur, St. Gallen, Zürich und Basel.

Die FV-Dosto waren auf der IC1-Strecke auf einzelnen Verbindungen fix fix für den neuen Fahrplan eingeplant, als die SBB die Notbremse zogen. Nun müssen Ersatzkompositionen den Ausfall kompensieren. «Der Einsatz von anderen Fahrzeugen hat Auswirkungen auf die Zugslänge und das Sitzplatzangebot», sagt Ginsig dazu. Sprich: Die SBB können weniger Sitzplätze als geplant anbieten. Weil gleichzeitig die versprayten Fahrzeuge fehlen, akzentuiert sich das Problem mit der Verfügbarkeit der Fahrzeuge.

Den Bundesbahnen ist der Geduldsfaden schon lange gerissen: «Die SBB erwartet vom Hersteller Bombardier, dass die Mängel umgehend behoben werden, damit die Züge wie geplant auch auf der IC1-Linie eingesetzt werden können», so Ginsig weiter.

Die Kinderkrankheiten bleiben: «Der Zug ist auf hohe Tempi optimiert und rollt bei niedriger Geschwindigkeit, etwa im Bereich von Weichen und Übergängen, etwas unruhig. Das spüren vor allem die Fahrgäste im Oberdeck», sagte Bombardier-Chef Stéphane Wettstein zur «NZZ am Sonntag».

3. Pünktlichkeit

Seit Monaten sind bei den SBB die Pünktlichkeitswerte im Keller, besonders im Mittelland verkehren viele Züge verspätet. Die Bundesbahnen kriegen das Problem kaum in den Griff, wie aktuellste Zahlen zeigen.

In den letzten sieben Tagen waren beispielsweise auf der IC-Strecke Zürich HB nach Bern nur 60,5 Prozent der Züge pünktlich respektive mit weniger als drei Minuten Verspätung unterwegs. (Quelle: puenktlichkeit.ch). Im Schnitt verkehrten auf dem IC-Netz in den letzen 13 Wochen 80 Prozent der Züge mit weniger als 3 Minuten Verspätung.

Weitere IC-Strecken:

  • Lausanne-Genf: 58,2 %
  • Visp-Spiez (Lötschberg) 58,2 %
  • Basel-Zürich HB 61,8 %
  • Bern-Olten 65,2 %
  • Bern-Zürich HB 82 %
  • Fribourg-Lausanne 60,2 %
  • Bellinzona-Flüelen (GBT) 94,7 %

Die drei Minuten sind insofern relevant, als die Umsteigeverbindungen mit diesem Zeitpuffer berechnet wurden. Hat ein Zug mehr als drei Minuten Verspätung, sind Anschlüsse nicht sichergestellt.

Bei der Mehrzahl der Bahnen in Europa gelten Züge mit weniger als fünf Minuten Verspätung als pünktlich. Unter diesem Gesichtspunkt sehen die Werte für die SBB deutlich besser aus: Von Zürich HB nach Bern kamen 91,4 Prozent der Züge in diesem Zeitrahmen an.

Weiter IC-Verbindungen:

  • Lausanne-Genf 74,5
  • Visp-Spiez 78,8 %
  • Basel-Zürich HB 83, 3 %
  • Bern-Olten 85,8 %
  • Fribourg-Lausanne 82,3 %
  • Bern-Zürich HB 93,2 %
  • Bellinzona-Flüelen: 100 %

Die SBB analysiere jedes Verspätungs-Ereignis, Massnahmen zur Verbesserung der Pünktlichkeit würden umgesetzt. Ein übergeordnetes Muster geben es nicht, sagte eine SBB-Sprecherin zu «CH Media».