Basel
Deutsche wandern trotz Krise ein

Wirtschaftskrise hin oder her: Die Region erlebt einen ungebremsten Zustrom von Arbeitskräften – insbesondere von gut qualifizierten aus Deutschland.

Drucken
Am Zoll in Basel

Am Zoll in Basel

Keystone

Birgit Günter

Keine Angst vor Arbeitslosen

Eine Verdoppelung der hier lebenden Deutschen in sieben Jahren - und jetzt schlägt die Krise auf den Arbeitsmarkt durch. Das könnte bei Schweizern die Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes und somit die Fremdenfeindlichkeit verstärken. Doch Mario Ricciardi, Leiter Bau und Gewerbe bei der Gewerkschaft Unia Nordwestschweiz, glaubt nicht daran: «In unserer Region sind es die Menschen seit Jahrzehnten gewohnt, ausländische Arbeitskollegen um sich zu haben.» Weitere mögliche Ängste aus der Schweizer Bevölkerung betreffen den umgekehrten Fall: Dass nämlich Deutsche arbeitslos werden und hier der Allgemeinheit zur Last fallen. Wer nämlich mindestens neun Monate in der Schweiz gearbeitet hat, hat Anrecht auf Arbeitslosengeld. Ricciardi ist überzeugt, dass die Krise nicht derart heftig zuschlägt, dass die Zahl hier lebender und arbeitsloser Deutscher dramatisch ansteigt. Ähnlicher Meinung ist Balz Stückelberger vom Arbeitgeberverband Basel-Stadt. Er verweist auf die Tatsache, dass es bei den meisten Zugewanderten - im Gegensatz übrigens zu den Grenzgängern - um hochqualifizierte Arbeitskräfte handelt. «Sie sind auch in schlechten Zeiten begehrt oder werden zumindest nicht entlassen. Gewerkschafter Ricciardi bringt einen weiteren Gedanken ins Spiel: «Die Deutschen sind nicht hierher gezogen, um Arbeitslosengeld zu kassieren.» Die meisten von ihnen würden bei fehlenden Perspektiven wohl in ihre Heimat zurückkehren. (haj)

Wie ein Honigtopf zieht die Region Basel fleissige Arbeiter aus dem Ausland an. Besonders seit den bilateralen Abkommen im Jahr 2002 ist die deutsche Wohnbevölkerung regelrecht explodiert: von 11 000 auf 22 000 Deutsche, die in den beiden Halbkantonen wohnen. Das Erstaunliche dabei: Trotz Wirtschaftskrise bleibt dieser Trend ungebrochen, prognostizieren die Experten.

«Wir haben immer noch die höheren Löhne und die tieferen Steuern», erklärt Bernard Spichtig, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Statistischen Amtes Basel-Stadt. Und Balz Stückelberger, Medienbeautragter des Arbeitgeberverbandes Basel, verweist darauf, dass viele Betriebe in der Region von der Krise verschont sind und sogar weitere Arbeitskräfte suchen (siehe Kasten unten).

Fachkräfte fehlen weiter

Die Arbeitslosenzahlen steigen - deshalb prüft Justizministerin Eveline Widmer-Schlumpf, die Einwanderung aus EU-Ländern vorübergehend zu kontingentieren. In der Region stösst dies auf Kritik: «Für den Wirtschaftsstandort Nordwestschweiz wäre ein solcher Einwanderungsstopp nicht akzeptabel», sagt Petra Studer, Leiterin Politik beim Gewerbeverband Basel-Stadt. Dies liegt daran, dass hier trotz Krise weiterhin ein Fachkräftemangel herrscht. Laut Balz Stückelberger vom Arbeitgeberverband Basel gilt dies vor allem für das Gesundheitswesen sowie die Life-Sciences- und Pharma-Branche. «Viele Unternehmen spüren die Krise gar nicht», stellt Stückelberger klar und ruft die grosse Bedeutung der Personenfreizügigkeit für die Region Basel in Erinnerung: Aufgrund der spezifischen Wirtschaftsstruktur sei qualifiziertes Personal quasi naturgemäss nicht in genügender Zahl im Heimmarkt zu finden. «Ohne Personenfreizügigkeit hätten einige Unternehmen ihren Standort ins Ausland verlegen müssen», betont er. (haj)

Die Stadt ist am beliebtesten

Die meisten der einwandernden Deutschen lassen sich in der Stadt nieder. Im Jahr 2007, aus dem die aktuellsten Zahlen stammen, waren dies 3325 Einwanderer. Gleichzeitig sind laut dem Statistischen Amt Basel 1443 ins Baselbiet gezogen. Besonders beliebte Wohnsitze bei Ausländern sind Unterbaselbieter Gemeinden wie Allschwil, Reinach oder Muttenz. Im Bezirk Arlesheim haben nur gerade Arlesheim und Pfeffingen einen leichten Rückgang an Zuwanderern zu verzeichnen. Allgemein gilt: Nur dank der ausländischen Zuwanderer nimmt die Wohnbevölkerung in der Region überhaupt zu, teilt Corinne Hügli, stellvertretende Leiterin Statistisches Amt des Kantons Baselland, mit.

Sogar Grenzgänger aus England

Interessant präsentiert sich die Situation auch bei den Grenzgängern: Rund 20 000 Arbeitnehmer überqueren aus Deutschland täglich die Grenze. Zwei Drittel davon arbeiten in Basel, ein Drittel im Baselbiet. Genauso viel los ist an der Grenze zu Frankreich. Hier kommen rund 22 000 Personen pro Tag in die Region Basel. Grenzgänger-Hochburgen sind Städte wie Lörrach oder St-Louis. Je nä-her ein Ort an der Grenze liegt, desto mehr Grenzgänger hat er.

Neben deutschen und französischen Grenzgängern gibt es noch ein paar aus entfernten Ländern wie England oder Belgien. Und dieser Grenzgänger ist dann wirklich in England angemeldet; denn ein Engländer, der in Frankreich wohnt und in die Schweiz pendelt, gilt hier als Franzose. «Als Grenzgänger muss man nicht täglich, sondern nur ein Mal pro Woche ins Herkunftsland zurück», erklärt Spichtig. Und selbst das sei schwierig zu überprüfen. Für die neuen EU-Mitgliedstaaten wie Rumänien oder Bulgarien gilt diese grosszügige Grenzzone aber nicht: Sie erhalten keine Grenzgängerbewilligung.

Das Beispiel Allschwil

Im Jahr 2008 sind in Allschwil 801 Ausländer zu- und 538 weggezogen. Von den Zuzügern kamen 191 aus den EU-Staaten. Obwohl gleichzeitig 73 wieder in die EU-Staaten zurückgingen, ist die Zuwanderung somit positiv mit 118 Personen. Viel bescheidener ist die Zuwanderung aus dem Balkan: Aus Serbien-Montenegro nahm niemand Wohnsitz; aus der Türkei 10 Personen. (big)

Jede Gemeinde hat Grenzgänger

Wie beliebt die ganze Region Basel bei ausländischen Arbeitnehmern ist, zeigt auch die - doch verblüffende - Tatsache, dass praktisch jede Gemeinde in der Region einen Grenzgänger verzeichnet. «Wir haben 550 Gemeinden aus den Kantonen Basel-Stadt, Baselland, Solothurn, Aargau und Jura ausgewertet - und selbst in weit entfernten Gemeinden haben wir einen Grenzgänger gefunden», so Spichtig.

Im Baselbiet haben hier erneut die Deutschen die Nase vorn: Sie arbeiten vorwiegend in den Industriegebieten im Unterbaselbiet, während es die französischen Grenzgänger vermehrt in die Stadt zieht. Dies dürfte damit zusammenhängen, dass der Landkanton in seinen Betrieben vor allem gut qualifizierte Arbeitskräfte braucht, während die Stadt auch Stellen bereithält für Arbeitskräfte mit geringerer Ausbildung, zum Beispiel im Verkauf.